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KINO | 18.02.2026

MADE IN EU

Ein Dorf, eine Fabrik, ein Virus – und ein Etikett als zynisches Versprechen. Stephan Komandarev verdichtet Pandemie und Globalisierung zu einer eindringlichen Parabel. Zwischen sozialistischem Nachhall und neoliberaler Gegenwart entfaltet sich ein Drama der Ausgrenzung.

von Richard-Heinrich Tarenz


© JIP FILM & VERLEIH

Wenn „Made in EU“ am 19. Februar in den Kinos startet, präsentiert Stephan Komandarev kein klassisches Pandemie-Drama, sondern eine präzise komponierte Sozialstudie, die den globalen Ausnahmezustand auf die Mikrostruktur eines postindustriellen Dorfes herunterbricht. Der Film entfaltet seine gesellschaftskritische Kraft nicht über spektakuläre Ereignisse, sondern über die sorgfältige Beobachtung von Arbeitsprozessen, Machtmechanismen und sozialen Dynamiken. Im Zentrum steht Iva, eine Näherin in einer Textilfabrik, die in einem ehemaligen Bergarbeiterort Designeranzüge für den europäischen Markt produziert. Sechs Tage die Woche, in einem fensterlosen Raum, näht sie Herkunftsetiketten in Luxusware – ein bitteres Sinnbild für die diskursive Konstruktion von Qualität und Zugehörigkeit. Das Label „Made in EU“ fungiert hier als ironischer Kommentar: Es suggeriert Wohlstand, während es prekäre Arbeitsbedingungen verschleiert. Komandarev nutzt dieses Spannungsverhältnis als ästhetisches Leitmotiv. Die Kamera verweilt auf monotonen Handgriffen, auf erschöpften Gesichtern, auf der repetitiven Choreografie industrieller Akkordarbeit. Der Ausbruch der Covid-19-Pandemie wird im Film nicht als globales Spektakel inszeniert, sondern als schleichende Verschiebung im Alltagsgefüge. Iva, fiebernd und dennoch zur Arbeit gezwungen, wird zur ersten diagnostizierten Infizierten der Region. Die Entscheidung, sie medial mit vollem Namen zu exponieren und zur symbolischen Ursprungsfigur der Ansteckung zu stilisieren, mag dramaturgisch zugespitzt erscheinen, doch sie eröffnet eine analytisch fruchtbare Perspektive: Die Pandemie wird zur Projektionsfläche für kollektive Angst und moralische Schuldzuweisungen. Komandarev zeichnet mit feinem Gespür nach, wie sich aus medizinischer Diagnose soziale Ächtung entwickelt. Iva erfährt Isolation nicht nur durch Quarantäne, sondern durch subtile und offene Formen der Ausgrenzung. Der öffentliche Raum – Bus, Supermarkt, Straße – wird zur Bühne sozialer Distanzierung im doppelten Sinne. Besonders eindrücklich ist die Verschiebung im familiären Verhältnis: Selbst der Sohn reagiert mit Ablehnung, weil die Einschränkungen seine eigenen Pläne durchkreuzen. Der Film legt damit die fragile Solidarität frei, die in Krisenzeiten brüchig wird. Parallel dazu entfaltet sich eine ökonomische Dimension. Der italienische Investor, der die Fabrik betreibt, erscheint weniger als individueller Antagonist denn als Repräsentant transnationaler Produktionsketten.


© JIP FILM & VERLEIH

Die Drohung, den Standort zu verlagern, verweist auf die strukturelle Erpressbarkeit peripherer Regionen im globalisierten Kapitalismus. Zwar formuliert der Film diese Kritik stellenweise mit deutlicher Hand, doch hinter der scheinbaren Simplifizierung verbirgt sich eine präzise Beobachtung postsozialistischer Transformationsprozesse: Alte Machtstrukturen haben sich nicht aufgelöst, sondern mit neoliberalen Logiken verschränkt. In dieser Gemengelage gewinnt die Figur des Schichtleiters besondere Bedeutung. Er manipuliert Abläufe, beeinflusst Behörden und instrumentalisiert die Stigmatisierung Ivas für eigene Zwecke. Als Relikt autoritärer Verwaltungskulturen verkörpert er die Persistenz hierarchischer Denkweisen. Komandarev deutet damit an, dass gesellschaftliche Missstände nicht allein aus globalen Marktmechanismen resultieren, sondern aus der Kontinuität institutioneller Mentalitäten. Formell arbeitet „Made in EU“ mit einer nüchternen, beinahe dokumentarischen Bildsprache. Lange Einstellungen und reduzierte musikalische Akzente erzeugen eine Atmosphäre der Beklemmung. Die Tristesse der industriellen Räume kontrastiert mit den medialen Bildern, die Iva zur Symbolfigur stilisieren. Diese Gegenüberstellung verweist auf die Diskrepanz zwischen lived experience und öffentlicher Narrativierung – ein zentrales Motiv des Films. Getragen wird das Werk von Gergana Pletnyovas eindringlichem Spiel. Ihre Darstellung verzichtet auf Pathos und gewinnt gerade dadurch an Intensität. In minimalen Gesten, in einem zurückgenommenen Blick, in der physischen Erschöpfung ihres Körpers verdichtet sich die strukturelle Gewalt, die auf ihrer Figur lastet. Pletnyova macht Iva nicht zur Märtyrerin, sondern zur komplexen Protagonistin, deren Würde im Widerstand gegen die Zuschreibungen liegt. Trotz einer gewissen epischen Länge, die einzelne Argumentationslinien repetitiv erscheinen lässt, überzeugt „Made in EU“ als analytisch ambitioniertes Gesellschaftsdrama. Der Film zeigt, wie schnell ein Etikett zur Anklage wird und wie eng Fragen von Arbeit, Herkunft und Schuld miteinander verflochten sind. Ab dem 19. Februar lädt Komandarevs Werk dazu ein, über die semantische Aufladung eines simplen Herkunftslabels hinauszudenken – und die sozialen Realitäten zu betrachten, die sich hinter dem Versprechen europäischer Qualität verbergen. „Made in EU“ ist damit nicht nur ein Film über eine Pandemie, sondern über die strukturellen Bedingungen, die sie sichtbar gemacht hat.


MADE IN EU

Start: 19.02.26 | FSK 12
R: Stephan Komandarev | D: Gergana Pletnyova, Todor Kotsev, Gerasim Georgiev
Bulgarien, Deutschland, Tschechische Republik, Türkei 2025 | jip film & verleih


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