Ein Dorf,
eine Fabrik, ein Virus – und ein Etikett als zynisches Versprechen.
Stephan Komandarev verdichtet Pandemie und Globalisierung zu einer
eindringlichen Parabel. Zwischen sozialistischem Nachhall und neoliberaler
Gegenwart entfaltet sich ein Drama der Ausgrenzung.
Wenn
„Made in EU“ am 19. Februar in den Kinos startet, präsentiert
Stephan Komandarev kein klassisches Pandemie-Drama, sondern eine präzise
komponierte Sozialstudie, die den globalen Ausnahmezustand auf die
Mikrostruktur eines postindustriellen Dorfes herunterbricht. Der Film
entfaltet seine gesellschaftskritische Kraft nicht über spektakuläre
Ereignisse, sondern über die sorgfältige Beobachtung von
Arbeitsprozessen, Machtmechanismen und sozialen Dynamiken. Im Zentrum
steht Iva, eine Näherin in einer Textilfabrik, die in einem ehemaligen
Bergarbeiterort Designeranzüge für den europäischen
Markt produziert. Sechs Tage die Woche, in einem fensterlosen Raum,
näht sie Herkunftsetiketten in Luxusware – ein bitteres
Sinnbild für die diskursive Konstruktion von Qualität und
Zugehörigkeit. Das Label „Made in EU“ fungiert hier
als ironischer Kommentar: Es suggeriert Wohlstand, während es
prekäre Arbeitsbedingungen verschleiert. Komandarev nutzt dieses
Spannungsverhältnis als ästhetisches Leitmotiv. Die Kamera
verweilt auf monotonen Handgriffen, auf erschöpften Gesichtern,
auf der repetitiven Choreografie industrieller Akkordarbeit. Der Ausbruch
der Covid-19-Pandemie wird im Film nicht als globales Spektakel inszeniert,
sondern als schleichende Verschiebung im Alltagsgefüge. Iva,
fiebernd und dennoch zur Arbeit gezwungen, wird zur ersten diagnostizierten
Infizierten der Region. Die Entscheidung, sie medial mit vollem Namen
zu exponieren und zur symbolischen Ursprungsfigur der Ansteckung zu
stilisieren, mag dramaturgisch zugespitzt erscheinen, doch sie eröffnet
eine analytisch fruchtbare Perspektive: Die Pandemie wird zur Projektionsfläche
für kollektive Angst und moralische Schuldzuweisungen. Komandarev
zeichnet mit feinem Gespür nach, wie sich aus medizinischer Diagnose
soziale Ächtung entwickelt. Iva erfährt Isolation nicht
nur durch Quarantäne, sondern durch subtile und offene Formen
der Ausgrenzung. Der öffentliche Raum – Bus, Supermarkt,
Straße – wird zur Bühne sozialer Distanzierung im
doppelten Sinne. Besonders eindrücklich ist die Verschiebung
im familiären Verhältnis: Selbst der Sohn reagiert mit Ablehnung,
weil die Einschränkungen seine eigenen Pläne durchkreuzen.
Der Film legt damit die fragile Solidarität frei, die in Krisenzeiten
brüchig wird. Parallel dazu entfaltet sich eine ökonomische
Dimension. Der italienische Investor, der die Fabrik betreibt, erscheint
weniger als individueller Antagonist denn als Repräsentant transnationaler
Produktionsketten.
Die
Drohung, den Standort zu verlagern, verweist auf die strukturelle
Erpressbarkeit peripherer Regionen im globalisierten Kapitalismus.
Zwar formuliert der Film diese Kritik stellenweise mit deutlicher
Hand, doch hinter der scheinbaren Simplifizierung verbirgt sich eine
präzise Beobachtung postsozialistischer Transformationsprozesse:
Alte Machtstrukturen haben sich nicht aufgelöst, sondern mit
neoliberalen Logiken verschränkt. In dieser Gemengelage gewinnt
die Figur des Schichtleiters besondere Bedeutung. Er manipuliert Abläufe,
beeinflusst Behörden und instrumentalisiert die Stigmatisierung
Ivas für eigene Zwecke. Als Relikt autoritärer Verwaltungskulturen
verkörpert er die Persistenz hierarchischer Denkweisen. Komandarev
deutet damit an, dass gesellschaftliche Missstände nicht allein
aus globalen Marktmechanismen resultieren, sondern aus der Kontinuität
institutioneller Mentalitäten. Formell arbeitet „Made in
EU“ mit einer nüchternen, beinahe dokumentarischen Bildsprache.
Lange Einstellungen und reduzierte musikalische Akzente erzeugen eine
Atmosphäre der Beklemmung. Die Tristesse der industriellen Räume
kontrastiert mit den medialen Bildern, die Iva zur Symbolfigur stilisieren.
Diese Gegenüberstellung verweist auf die Diskrepanz zwischen
lived experience und öffentlicher Narrativierung – ein
zentrales Motiv des Films. Getragen wird das Werk von Gergana Pletnyovas
eindringlichem Spiel. Ihre Darstellung verzichtet auf Pathos und gewinnt
gerade dadurch an Intensität. In minimalen Gesten, in einem zurückgenommenen
Blick, in der physischen Erschöpfung ihres Körpers verdichtet
sich die strukturelle Gewalt, die auf ihrer Figur lastet. Pletnyova
macht Iva nicht zur Märtyrerin, sondern zur komplexen Protagonistin,
deren Würde im Widerstand gegen die Zuschreibungen liegt. Trotz
einer gewissen epischen Länge, die einzelne Argumentationslinien
repetitiv erscheinen lässt, überzeugt „Made in EU“
als analytisch ambitioniertes Gesellschaftsdrama. Der Film zeigt,
wie schnell ein Etikett zur Anklage wird und wie eng Fragen von Arbeit,
Herkunft und Schuld miteinander verflochten sind. Ab dem 19. Februar
lädt Komandarevs Werk dazu ein, über die semantische Aufladung
eines simplen Herkunftslabels hinauszudenken – und die sozialen
Realitäten zu betrachten, die sich hinter dem Versprechen europäischer
Qualität verbergen. „Made in EU“ ist damit nicht
nur ein Film über eine Pandemie, sondern über die strukturellen
Bedingungen, die sie sichtbar gemacht hat.