Ein Mythos
wird neu belichtet – nicht als Kitschfigur von Las Vegas, sondern
als elektrisierender Bühnenkünstler von singulärer
Wucht. Baz Luhrmann destilliert aus Archivmaterial ein Konzerterlebnis
von geradezu physischer Intensität. „EPiC: Elvis Presley
in Concert“ zeigt den King in seiner vielleicht radikalsten
Phase: als Meister der zweiten Geburt.
Mit
„EPiC: Elvis Presley in Concert“, der am 26. Februar in
den Kinos startet, legt Baz Luhrmann keine bloße Ergänzung
zu seinem Spielfilm „Elvis“ vor, sondern eine eigenständige
ästhetische Intervention in die Ikonografie des King. Der Dokumentarfilm
ist weniger ein historiografisches Projekt als eine sinnliche Rekonstruktion
– eine filmische Versuchsanordnung, die die eruptive Bühnenenergie
von Elvis Presley in den frühen Las-Vegas-Jahren erfahrbar macht.
Luhrmann gelingt hier etwas Seltenes: Er befreit das Bild des späten
Elvis aus der Erstarrung des Klischees. Über Jahrzehnte haftete
der Las-Vegas-Phase ein Geruch des Provinziellen an – überbordende
Kostüme, bombastische Einmärsche, martialische Pathosgesten.
Der weiße Jumpsuit mit Cape, die funkelnden Ringe, die Sonnenbrillen
im Kühlergrill-Design – sie galten als Symbole einer Selbstparodie.
Rock gehörte ins Stadion oder in die Arena, nicht in die klimatisierte
Glitzerwelt des Strip. Luhrmanns Film zeigt hingegen, wie radikal
modern diese Residency war. In einer Zeit, in der Popstars mehrjährige
Aufenthalte in Vegas als kreative Plattform begreifen, erscheint Elvis’
Engagement ab 1969 nicht als Abstieg, sondern als Vorwegnahme einer
neuen Ökonomie des Live-Entertainments. Die kulturelle Verschiebung
unserer Wahrnehmung wird im Film nicht explizit behauptet –
sie ereignet sich im Akt des Sehens. Grundlage des Films ist ein beeindruckender
Fundus bislang kaum genutzter Aufnahmen aus den frühen 1970er-Jahren:
Probenmaterial, Outtakes der Konzertfilme jener Zeit, Interviewtonspuren.
Ein erheblicher Teil des Materials lag stumm vor und musste technisch
aufwendig mit existierenden Tonaufnahmen synchronisiert werden –
ein restauratorischer Kraftakt, der dem Film eine auratische Qualität
verleiht. Die Montage – präzise strukturiert, rhythmisch
atmend – erzeugt kein museales Dokument, sondern eine unmittelbare
Präsenz. Der Film dauert knapp anderthalb Stunden, doch er entfaltet
die dramaturgische Intensität eines perfekt kuratierten Sets.
Elvis fungiert über Interviewfragmente selbst als Erzähler
– ein kluger Kniff, der Subjektivität und Selbstreflexion
integriert, ohne in Hagiografie zu verfallen. Die vielleicht größte
Überraschung liegt in der stimmlichen Kraft dieser Phase. Elvis’
Timbre besitzt eine fast perlmuttartige Qualität: Jede Note schwingt
mit einem charakteristischen Vibrato, das zwischen Zärtlichkeit
und Autorität changiert. Die Stimme steigt, gleitet, bricht und
fängt sich – stets getragen von technischer Kontrolle.
Vergleicht man diese Bühnenpräsenz mit der oft beschworenen
elektrischen Aura von Freddie Mercury, wird deutlich: Elvis’
Energie speist sich weniger aus expliziter Exzentrik als aus einer
souveränen Verdichtung von Körper und Klang.
Er
flirtet mit dem Publikum, spielt mit Ironie, parodiert sich selbst
– und bleibt doch stets Herr der Situation. Seine Gesten sind
ökonomischer geworden als in den 1950ern, aber nicht weniger
erotisch aufgeladen. Ein entscheidender Faktor ist die TCB Band –
„Taking Care of Business“ –, deren Spielweise die
Songs mit neuer Dringlichkeit versieht. Gitarrenlinien schneiden scharf
durch den Raum, das Schlagzeug treibt mit fast proto-punkiger Geschwindigkeit.
Ein „Hound Dog“, das hier in atemberaubendem Tempo vorgetragen
wird, wirkt weniger retrospektiv als futuristisch. Wenn Elvis „Burning
Love“ erstmals auf der Bühne probiert – noch mit
Textblatt in der Hand –, entsteht jener seltene Moment, in dem
Popgeschichte im Entstehen begriffen ist. Man spürt das Risiko,
die Unsicherheit, die explosive Möglichkeit des Scheiterns –
und genau daraus erwächst die Magie. Der Film eröffnet mit
einer komprimierten, visuell fulminanten Rückschau auf Elvis’
Karriere – einschließlich der oft geschmähten Hollywood-Produktionen.
Luhrmann behandelt sie nicht als peinlichen Irrweg, sondern als Bestandteil
eines kulturellen Systems, das Kitsch und Charisma miteinander verschränkt.
Entscheidend ist jedoch die Zäsur von 1968: Mit dem legendären
Comeback-Special begann die zweite Geburt des King. Er war kein jugendlicher
Revoluzzer mehr; er hatte die kulturelle Landschaft bereits transformiert.
In Vegas tritt er nun als gereifter Performer auf – nicht als
Revolutionär, sondern als Meister seines Handwerks. Das Politische
weicht nicht, es verschiebt sich: von der Subversion zur Souveränität.
Die finale Interpretation von „Suspicious Minds“ wirkt
wie eine Hymne auf die fragile Institution der Ehe im Zeitalter wachsender
Scheidungsraten – eine Popballade als Kommentar zur emotionalen
Architektur Amerikas. Luhrmann inszeniert diesen Höhepunkt ohne
überflüssigen Zierrat. Die Kamera vertraut auf das Gesicht,
den Schweiß, den Atem. Bemerkenswert ist, dass Luhrmann –
bekannt für visuelle Exzesse – hier eine unerwartete Disziplin
zeigt. Der Schnitt ist dynamisch, aber nie selbstverliebt; die Montage
feiert Elvis, nicht den Regisseur. Das Resultat ist ein Konzertfilm
von frappierender Klarheit. „EPiC: Elvis Presley in Concert“
ist kein nostalgischer Rückblick, sondern eine Re-Lektüre.
Er zeigt Elvis nicht als Karikatur einer untergehenden Ära, sondern
als Künstler auf dem Höhepunkt seiner performativen Intelligenz.
Wenn am 26. Februar das Licht im Kinosaal erlischt, beginnt keine
Reise in ein verklärtes Gestern, sondern eine Begegnung mit einer
Präsenz, die auch heute noch den Raum elektrisiert. Was bleibt,
ist der Impuls zu applaudieren – nicht nur dem King, sondern
auch der filmischen Präzision, mit der Baz Luhrmann ihm ein neues,
leuchtendes Podium schafft.