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KINO | 25.02.2026

Father Mother Sister Brother

Drei Städte, drei Familien, drei Variationen über Nähe und Unausgesprochenes. Jim Jarmusch komponiert mit „Father Mother Sister Brother“ ein Triptychon der Stille. Ein Film, der erzählt, indem er Menschen beim Erzählen zeigt – und darin das Unsichtbare freilegt.

von Richard-Heinrich Tarenz


© Vague Notion 2024 / Foto: Yorick Le Saux

Mit „Father Mother Sister Brother“, der am 26. Februar in den Kinos startet, setzt Jim Jarmusch seine radikale Poetik der Reduktion fort – und führt sie zugleich zu einer neuen formalen Klarheit. Der Film besteht aus drei lose verbundenen Episoden, angesiedelt an der amerikanischen Ostküste, in Dublin und in Paris. Was sie eint, ist weniger Handlung als Haltung: eine beharrliche Aufmerksamkeit für jene Momente, die das narrative Mainstream-Kino systematisch ausspart. Jarmusch verweilt dort, wo andere schneiden würden. Bereits in „Stranger Than Paradise“ oder „Mystery Train“ etablierte Jarmusch eine Ästhetik des Innehaltens. Menschen sitzen, fahren Auto, hören Musik, blättern in Zeitungen – scheinbar ereignislose Tätigkeiten, die im konventionellen Drehbuch als „Leerlauf“ gelten würden. Doch gerade in dieser Dauer liegt eine philosophische Entscheidung: Das Leben besteht nicht aus dramaturgischen Höhepunkten, sondern aus Zwischenräumen. „Father Mother Sister Brother“ radikalisiert diese Strategie. Die drei Episoden – jeweils Begegnungen zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern – verweigern klassische Exposition und Katharsis. Wir werden in Situationen hineingeworfen, ohne Vorgeschichte, ohne erklärende Rückblenden. Gespräche kreisen um Vergangenes, das wir nie zu sehen bekommen. Fakten bleiben unscharf; was zählt, ist die subjektive Färbung der Erinnerung. Das Kino zeigt hier nicht Ereignisse, sondern das Sprechen über Ereignisse. Es „zeigt“, indem es Menschen beim Erzählen zeigt. In der ersten Episode fahren zwei Geschwister durch eine winterliche Landschaft, um ihren verwitweten Vater zu besuchen. Gespielt von Adam Driver und Mayim Bialik, nähern sie sich dem Haus des Vaters – verkörpert von Tom Waits – mit einer Mischung aus Pflichtgefühl und latenter Furcht. Die ersten Minuten bestehen nahezu ausschließlich aus Autofahrt und Musik. Der Weg wird zum psychologischen Vorraum. Vor der Tür sammeln die Geschwister Mut – eine minimale Geste, die eine ganze Familiengeschichte impliziert. Im Haus entfaltet sich ein Dialog, der höflich bleibt und gerade deshalb schmerzt. Jede ernsthafte Annäherung fällt zwischen den Beteiligten zu Boden. Kommunikation erscheint als scheiternder Akt. Und doch entsteht aus diesen Versuchen eine zarte Komik – etwa wenn eine besorgte Frage missverstanden wird und eine absurde Antwort hervorruft. Die Szene funktioniert wie ein Beckett’sches Miniaturdrama: Tragik und Groteske sind ununterscheidbar.


© Vague Notion 2024 / Foto: Yorick Le Saux

Die mittlere Episode verlegt das Geschehen nach Dublin. Eine erfolgreiche Schriftstellerin – gespielt von Charlotte Rampling – empfängt ihre erwachsenen Töchter, dargestellt von Cate Blanchett und Vicky Krieps. Der jährliche Besuch wirkt wie ein ritualisierter Machtkampf. Hier wird besonders deutlich, wie Jarmusch Subtext inszeniert. Dialoge sind höflich, fast klinisch. Doch unter der Oberfläche brodelt Konkurrenz. Die Frage nach beruflichem Erfolg wird zur Chiffre für Liebe. Die Mutter stellt Fragen, die wie Verhöre wirken – oder ist es nur ihre Art zu sprechen? Die Kamera verweigert moralische Kommentierung. Mark Friedbergs Szenografie, die Kameraarbeit von Frederick Elmes und Yorick Le Saux sowie die Kostüme liefern subtile Hinweise: Farbkorrespondenzen zwischen Mutter und einer Tochter, kleine Abweichungen bei der anderen. Kleidung wird zum stummen Kommentar über Zugehörigkeit und Ausschluss. Jarmusch vertraut auf das Bild als semantisches Feld. Im Pariser Segment trauern Zwillinge – gespielt von Indya Moore und Luka Sabbat – um ihre bei einem Flugzeugabsturz verstorbenen Eltern. Sie räumen die Wohnung aus, fahren durch die Stadt, betrachten Fotografien. Diese Episode besitzt eine besondere Wärme. Die Dialoge sind schlicht, beinahe prosaisch. Gerade deshalb treffen einzelne Sätze mit existenzieller Wucht. Erinnerung wird hier nicht als Rekonstruktion, sondern als Neuerschaffung erfahrbar: Indem die Geschwister sprechen, verändern sie ihr Bild der Eltern – und ihr Bild von sich selbst. Die leere Wohnung fungiert als Resonanzraum. Räume speichern Abwesenheit. Das Kino registriert diese Abwesenheit mit einer Sensibilität, die an minimalistisches Theater oder literarische Prosa erinnert. Zwischen den Episoden erscheinen kurze, quasi-experimentelle Einschübe: verfremdete Bilder, visuelle Artefakte, Anklänge an ausbleichendes Zelluloid oder analoge Störungen. Unterlegt mit einem sphärischen Drone-Score, den Jarmusch gemeinsam mit Annika Henderson komponierte, wirken diese Passagen wie Übergangsrituale. Sie transportieren nicht von Ort zu Ort, sondern von Bewusstseinszustand zu Bewusstseinszustand. Wiederkehrende Motive – Skateboarder in Zeitlupe, identische Luxusuhren – erzeugen lose Korrespondenzen. Keine Erklärung, nur Resonanz. In Jarmuschs Werk schwingt stets eine leise metaphysische Dimension mit – eine Mischung aus Zen-Buddhismus, existenzialistischer Skepsis und liebevoller Beobachtung menschlicher Unzulänglichkeit. „Father Mother Sister Brother“ predigt nichts, formuliert keine These. Und doch entsteht das Gefühl, einer verborgenen Erkenntnis nahe zu sein, wenn man sich auf das verlangsamte Tempo einlässt. Das Werk verweigert Abschluss und Deutungshoheit. Es entlässt uns mit offenen Fragen – und genau darin liegt seine Großzügigkeit.


FATHER MOTHER SISTER BROTHER

Start: 26.02.26 | FSK 12
R: Jim Jarmusch | D: Tom Waits, Adam Driver, Mayim Bialik
USA, Frankreich, Italien, Deutschland, Irland 2025 | Weltkino Filmverleih


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