Ein Mann,
eingesperrt ohne Urteil – und freigelassen ohne Erklärung.
Ein Racheepos, das sich als metaphysische Tragödie entpuppt.
Ein Film, der das Weltkino neu justierte. Am 03. März kehrt dieser
Klassiker im Rahmen der „Best of Cinema“-Reihe auf die
große Leinwand zurück.
Als
Park Chan-wook im Jahr 2003 „Oldboy“ vorlegte, war dies
mehr als der zweite Teil seiner sogenannten „Rache-Trilogie“.
Es war ein ästhetisches Manifest. Der Film – ausgezeichnet
in Cannes und längst kanonisiert – markierte einen Wendepunkt
in der globalen Wahrnehmung des südkoreanischen Kinos. Am 03.
März wird dieser Filmklassiker im Rahmen der „Best of Cinema“-Reihe
erneut im Kino gezeigt – eine seltene Gelegenheit, seine visuelle
und dramaturgische Radikalität im Kinoraum zu erfahren, wo sie
hingehört. Die narrative Prämisse ist ebenso schlicht wie
verstörend: Ein Mann wird ohne Erklärung entführt und
fünfzehn Jahre lang in einem anonymen Raum gefangen gehalten.
Ebenso unvermittelt wird er wieder freigelassen. Von nun an strukturiert
die Suche nach dem Motiv der Tat die Erzählung. Doch „Oldboy“
ist kein konventioneller Rachethriller; er ist eine Studie über
Erinnerung, Schuld und die Unmöglichkeit moralischer Eindeutigkeit.
Formal operiert der Film mit einer hochgradig kontrollierten Mise-en-scène.
Der Gefängnisraum fungiert als hermetisches Versuchslabor, in
dem Identität unter Ausschluss sozialer Interaktion zerfällt.
Die Inszenierung arbeitet mit symmetrischen Bildkompositionen, gesättigten
Farben und einer präzisen Lichtdramaturgie, die zwischen Neon-Kälte
und barocker Opulenz oszilliert. Berühmt – und filmhistorisch
einschneidend – ist die Korridor-Sequenz, in der der Protagonist,
bewaffnet mit einem Hammer, eine Übermacht von Gegnern bekämpft.
In einer einzigen seitlichen Plansequenz entfaltet sich eine Choreografie
der Erschöpfung. Diese Szene rekurriert auf das Side-Scrolling-Prinzip
des Computerspiels, transformiert es jedoch in physische Gravitation:
Jeder Schlag hat Gewicht, jeder Treffer Konsequenz. Gewalt erscheint
nicht als spektakuläre Pose, sondern als zermürbender Kraftakt.
Hier manifestiert sich Parks ästhetische Signatur: die Verbindung
von formaler Strenge und exzessiver Körperlichkeit. Der Film
verweigert die Katharsis. Statt Befreiung produziert die Gewalt neue
Schuldverstrickungen. In seiner Struktur folgt „Oldboy“
weniger dem Genre des Actionfilms als der Logik der antiken Tragödie.
Der
Protagonist Oh Dae-su, verkörpert von Choi Min-sik, ist kein
heroischer Rächer, sondern ein unwissender Täter. Seine
Suche nach Wahrheit führt nicht zur moralischen Klarheit, sondern
zur existenziellen Zerstörung. Choi Min-sik liefert eine der
eindringlichsten Performances der 2000er Jahre. Er durchmisst ein
extremes emotionales Spektrum: von der lächerlichen Trunkenheit
der Anfangsszene über animalische Überlebenswut bis hin
zur gebrochenen Selbsterniedrigung im Finale. Sein Spiel ist von einer
physischen Intensität, die den Körper selbst zum Schlachtfeld
macht. Besonders in den Momenten der Stille – wenn das Gesicht
zur Maske erstarrt – wird deutlich, wie sehr dieser Film von
inneren Spannungen lebt. Filmgeschichtlich bedeutend ist „Oldboy“
nicht nur aufgrund seiner stilistischen Radikalität, sondern
wegen seiner moralischen Zumutung. Der finale Twist – inzwischen
popkulturell vielfach referenziert – transformiert die Racheerzählung
in eine Reflexion über Voyeurismus und Komplizenschaft. Das Publikum
wird retrospektiv in die Dramaturgie der Demütigung verstrickt.
Parks Kino operiert hier als ethisches
Experiment: Wer schaut, wird mitschuldig. Diese Strategie beeinflusste
das internationale Genrekino nachhaltig. Hollywood reagierte mit Remakes,
europäische Filmemacher mit ästhetischer Aneignung. Die
Idee, Gewalt nicht als heroisches Spektakel, sondern als moralisch
kontaminierten Raum zu inszenieren, fand weltweit Resonanz. „Oldboy“
wurde zum Referenzpunkt einer neuen transnationalen Bildsprache. Letztlich
ist „Oldboy“ ein Film über das Gedächtnis –
über die zerstörerische Kraft verdrängter Ereignisse.
Die Gefangenschaft endet nicht mit der Öffnung der Tür;
sie setzt sich im Inneren fort. Park Chan-wook entwirft ein Universum,
in dem Wissen keine Befreiung bedeutet, sondern eine weitere Form
der Haft. Dass dieser Film nun am 03. März im Rahmen der „Best
of Cinema“-Reihe erneut auf der Leinwand zu sehen ist, besitzt
programmatische Qualität. „Oldboy“ ist kein Werk
für das Nebenbei-Sehen. Seine Bildkompositionen, seine akustische
Verdichtung, seine moralische Radikalität verlangen den dunklen
Saal.