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KINO | 25.02.2026

OLDBOY
Die Architektur der Vergeltung

Ein Mann, eingesperrt ohne Urteil – und freigelassen ohne Erklärung. Ein Racheepos, das sich als metaphysische Tragödie entpuppt. Ein Film, der das Weltkino neu justierte. Am 03. März kehrt dieser Klassiker im Rahmen der „Best of Cinema“-Reihe auf die große Leinwand zurück.

von Richard-Heinrich Tarenz


© capelight pictures

Als Park Chan-wook im Jahr 2003 „Oldboy“ vorlegte, war dies mehr als der zweite Teil seiner sogenannten „Rache-Trilogie“. Es war ein ästhetisches Manifest. Der Film – ausgezeichnet in Cannes und längst kanonisiert – markierte einen Wendepunkt in der globalen Wahrnehmung des südkoreanischen Kinos. Am 03. März wird dieser Filmklassiker im Rahmen der „Best of Cinema“-Reihe erneut im Kino gezeigt – eine seltene Gelegenheit, seine visuelle und dramaturgische Radikalität im Kinoraum zu erfahren, wo sie hingehört. Die narrative Prämisse ist ebenso schlicht wie verstörend: Ein Mann wird ohne Erklärung entführt und fünfzehn Jahre lang in einem anonymen Raum gefangen gehalten. Ebenso unvermittelt wird er wieder freigelassen. Von nun an strukturiert die Suche nach dem Motiv der Tat die Erzählung. Doch „Oldboy“ ist kein konventioneller Rachethriller; er ist eine Studie über Erinnerung, Schuld und die Unmöglichkeit moralischer Eindeutigkeit. Formal operiert der Film mit einer hochgradig kontrollierten Mise-en-scène. Der Gefängnisraum fungiert als hermetisches Versuchslabor, in dem Identität unter Ausschluss sozialer Interaktion zerfällt. Die Inszenierung arbeitet mit symmetrischen Bildkompositionen, gesättigten Farben und einer präzisen Lichtdramaturgie, die zwischen Neon-Kälte und barocker Opulenz oszilliert. Berühmt – und filmhistorisch einschneidend – ist die Korridor-Sequenz, in der der Protagonist, bewaffnet mit einem Hammer, eine Übermacht von Gegnern bekämpft. In einer einzigen seitlichen Plansequenz entfaltet sich eine Choreografie der Erschöpfung. Diese Szene rekurriert auf das Side-Scrolling-Prinzip des Computerspiels, transformiert es jedoch in physische Gravitation: Jeder Schlag hat Gewicht, jeder Treffer Konsequenz. Gewalt erscheint nicht als spektakuläre Pose, sondern als zermürbender Kraftakt. Hier manifestiert sich Parks ästhetische Signatur: die Verbindung von formaler Strenge und exzessiver Körperlichkeit. Der Film verweigert die Katharsis. Statt Befreiung produziert die Gewalt neue Schuldverstrickungen. In seiner Struktur folgt „Oldboy“ weniger dem Genre des Actionfilms als der Logik der antiken Tragödie.


© capelight pictures

Der Protagonist Oh Dae-su, verkörpert von Choi Min-sik, ist kein heroischer Rächer, sondern ein unwissender Täter. Seine Suche nach Wahrheit führt nicht zur moralischen Klarheit, sondern zur existenziellen Zerstörung. Choi Min-sik liefert eine der eindringlichsten Performances der 2000er Jahre. Er durchmisst ein extremes emotionales Spektrum: von der lächerlichen Trunkenheit der Anfangsszene über animalische Überlebenswut bis hin zur gebrochenen Selbsterniedrigung im Finale. Sein Spiel ist von einer physischen Intensität, die den Körper selbst zum Schlachtfeld macht. Besonders in den Momenten der Stille – wenn das Gesicht zur Maske erstarrt – wird deutlich, wie sehr dieser Film von inneren Spannungen lebt. Filmgeschichtlich bedeutend ist „Oldboy“ nicht nur aufgrund seiner stilistischen Radikalität, sondern wegen seiner moralischen Zumutung. Der finale Twist – inzwischen popkulturell vielfach referenziert – transformiert die Racheerzählung in eine Reflexion über Voyeurismus und Komplizenschaft. Das Publikum wird retrospektiv in die Dramaturgie der Demütigung verstrickt. Parks Kino operiert hier als ethisches Experiment: Wer schaut, wird mitschuldig. Diese Strategie beeinflusste das internationale Genrekino nachhaltig. Hollywood reagierte mit Remakes, europäische Filmemacher mit ästhetischer Aneignung. Die Idee, Gewalt nicht als heroisches Spektakel, sondern als moralisch kontaminierten Raum zu inszenieren, fand weltweit Resonanz. „Oldboy“ wurde zum Referenzpunkt einer neuen transnationalen Bildsprache. Letztlich ist „Oldboy“ ein Film über das Gedächtnis – über die zerstörerische Kraft verdrängter Ereignisse. Die Gefangenschaft endet nicht mit der Öffnung der Tür; sie setzt sich im Inneren fort. Park Chan-wook entwirft ein Universum, in dem Wissen keine Befreiung bedeutet, sondern eine weitere Form der Haft. Dass dieser Film nun am 03. März im Rahmen der „Best of Cinema“-Reihe erneut auf der Leinwand zu sehen ist, besitzt programmatische Qualität. „Oldboy“ ist kein Werk für das Nebenbei-Sehen. Seine Bildkompositionen, seine akustische Verdichtung, seine moralische Radikalität verlangen den dunklen Saal.


OLDBOY

Wiederaufführungstermin: 03.03.26 | FSK 16
R: Park Chan-Wook | D: Min-sik Choi, Ji-tae Yoo, Kang Hye-Jeong
Südkorea 2003 | capelight pictures


 


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