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KINO | 11.03.2026

THE TESTAMENT OF ANN LEE

Eine Frau gegen Kirche, Krone und Kolonie. Ein Körper im Bann religiöser Ekstase und gesellschaftlicher Repression. Ein Animationsfilm zwischen Märtyrerdrama und ironischer Brechung. THE TESTAMENT OF ANN LEE startet am 12. März im Kino – und fordert den Glauben des Publikums heraus.

von Richard-Heinrich Tarenz


© 2025 Searchlight Pictures All Rights Reserved.

Mit THE TESTAMENT OF ANN LEE, der am 12. März in den Kinos anläuft, unternimmt Mona Fastvold einen ebenso kühnen wie eigensinnigen Versuch, die historische Figur der Ann Lee im Medium des Animationsfilms neu zu verorten. Gemeinsam mit Brady Corbet entwickelt sie ein Werk, das religiöse Inbrunst, politische Verfolgung und ästhetische Stilisierung in ein spannungsreiches Verhältnis setzt. Das Resultat ist ein Film, der sich der Eindeutigkeit verweigert und gerade darin seine Faszination entfaltet. Ann Lee, Anführerin der Shaker-Bewegung im 18. Jahrhundert, erscheint hier als radikale Dissidentin in einer Epoche, die sich selbst als aufgeklärt verstand und doch patriarchale Machtstrukturen reproduzierte. Als Verkörperung einer zweiten Christusmanifestation verstand sie ihre Mission nicht nur spirituell, sondern existenziell: Ihr Glaube war kein Diskurs, sondern Praxis – und diese Praxis führte sie von England in die amerikanischen Kolonien. Der Film inszeniert diese Transatlantikbewegung als spirituelle Odyssee. Die Emigration wird zur Chiffre eines utopischen Begehrens: der Suche nach einem Ort, an dem religiöse Autonomie möglich ist. Doch die vermeintliche Freiheit des „Neuen“ erweist sich als Fortsetzung alter Machtverhältnisse. Die religiöse Gemeinschaft wird erneut verfolgt – diesmal von einem politischen System, das Freiheit proklamiert, aber weibliche Autorität und pazifistische Ethik marginalisiert. Formal arbeitet Fastvold mit einer ausgeprägten Ambivalenz. Der Film changiert zwischen asketischer Strenge und exzessiver Bildgewalt. In den ekstatischen Ritualen der Shaker – Zittern, rhythmisches Beben, kollektive Trance – verschränken sich religiöse Hingabe und choreografische Präzision. Die Animation stilisiert diese Bewegungen zu einer fast musikalischen Komposition, in der Körper nicht nur Zeichen, sondern Instrumente werden. Gleichzeitig evoziert die Bildsprache Momente von düsterer Beklemmung, die an das protestantische Horrorkino eines Robert Eggers erinnern, insbesondere an dessen Film „The Witch“. Die Askese kippt ins Unheimliche, die Andacht in Bedrohung. In anderen Passagen wiederum öffnet sich der Film einer theatralischen Überhöhung, die an die expressive Künstlichkeit eines Bühnenmusicals gemahnt. Diese Tonalitätssprünge sind kein Mangel an Kohärenz, sondern Ausdruck einer programmatischen Vielstimmigkeit.


© 2025 Searchlight Pictures All Rights Reserved.

Zentral ist Lees radikale Ablehnung sexueller Praxis. In der filmischen Darstellung wird diese Haltung nicht plump psychologisiert, sondern als theologisch motivierte Weltdeutung ernst genommen. Die Ehe mit dem gewalttätigen Abraham – gespielt von Christopher Abbott – wird zur Matrix einer repressiven Geschlechterordnung. Seine Dominanz im ehelichen Raum steht emblematisch für jene patriarchale Struktur, gegen die Lee antritt. Die Frage nach der Reproduzierbarkeit einer sexuell enthaltsamen Gemeinschaft bleibt bewusst offen. Der Film verweigert eine rationalistische Demontage der Doktrin und entscheidet sich stattdessen für eine paradoxe Haltung: Er zeigt die offensichtlichen Spannungen, ohne sie didaktisch aufzulösen. Diese Zurückhaltung zwingt das Publikum, selbst Stellung zu beziehen – zwischen Skepsis und Bewunderung. Bemerkenswert ist die Wahl des Animationsmediums für ein historisches Stoffgebiet. Anstatt dokumentarischer Authentizität setzt Fastvold auf stilisierte Körper und komponierte Tableaus. Die Distanzierung durch Animation erzeugt einen Reflexionsraum: Die Figur Ann Lee – verkörpert von Amanda Seyfried – wird nicht naturalistisch nachgebildet, sondern ikonisiert. Diese Ikonisierung erlaubt es, Lee zugleich als historische Person und als Projektionsfläche zu begreifen. Ihre Gestalt oszilliert zwischen Heiliger, Fanatikerin und politischer Visionärin. Der Film interessiert sich weniger für biografische Detailtreue als für die symbolische Aufladung einer Frau, die religiöse Autorität beansprucht – und dafür gesellschaftliche Ächtung in Kauf nimmt. Eine der stärksten Szenen zeigt Lee, wie sie bei einer Sklavenversteigerung empört protestiert. Doch der Film deutet zugleich an, dass dieser moralische Impuls nicht in ein systematisches abolitionistisches Programm mündet. Diese Ambivalenz ist charakteristisch: THE TESTAMENT OF ANN LEE präsentiert seine Protagonistin nicht als makellose Heldin, sondern als widersprüchliche Figur innerhalb eines widersprüchlichen Zeitalters. Gerade darin liegt die Modernität des Films. Er fordert keine ungebrochene Identifikation, sondern eine differenzierte Auseinandersetzung mit religiösem Eigensinn. Für ein säkulares Publikum mag Lees Vision wie kollektive Hysterie erscheinen; der Film jedoch insistiert darauf, dass in dieser Ekstase eine reale historische Energie wirksam war – eine Energie, die eine Gemeinschaft über Kontinente hinweg formte.


THE TESTAMENT OF ANN LEE

Start: 12.03.26 | FSK 12
R: Mona Fastvold | D: Amanda Seyfried, Lewis Pullman, Tim Blake Nelson
Großbritannien, USA 2025 | Walt Disney Germany


 


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