Eine
Frau gegen Kirche, Krone und Kolonie. Ein Körper im Bann religiöser
Ekstase und gesellschaftlicher Repression. Ein Animationsfilm zwischen
Märtyrerdrama und ironischer Brechung. THE TESTAMENT OF ANN LEE
startet am 12. März im Kino – und fordert den Glauben des
Publikums heraus.
Mit
THE TESTAMENT OF ANN LEE, der am 12. März in den Kinos anläuft,
unternimmt Mona Fastvold einen ebenso kühnen wie eigensinnigen
Versuch, die historische Figur der Ann Lee im Medium des Animationsfilms
neu zu verorten. Gemeinsam mit Brady Corbet entwickelt sie ein Werk,
das religiöse Inbrunst, politische Verfolgung und ästhetische
Stilisierung in ein spannungsreiches Verhältnis setzt. Das Resultat
ist ein Film, der sich der Eindeutigkeit verweigert und gerade darin
seine Faszination entfaltet. Ann Lee, Anführerin der Shaker-Bewegung
im 18. Jahrhundert, erscheint hier als radikale Dissidentin in einer
Epoche, die sich selbst als aufgeklärt verstand und doch patriarchale
Machtstrukturen reproduzierte. Als Verkörperung einer zweiten
Christusmanifestation verstand sie ihre Mission nicht nur spirituell,
sondern existenziell: Ihr Glaube war kein Diskurs, sondern Praxis
– und diese Praxis führte sie von England in die amerikanischen
Kolonien. Der Film inszeniert diese Transatlantikbewegung als spirituelle
Odyssee. Die Emigration wird zur Chiffre eines utopischen Begehrens:
der Suche nach einem Ort, an dem religiöse Autonomie möglich
ist. Doch die vermeintliche Freiheit des „Neuen“ erweist
sich als Fortsetzung alter Machtverhältnisse. Die religiöse
Gemeinschaft wird erneut verfolgt – diesmal von einem politischen
System, das Freiheit proklamiert, aber weibliche Autorität und
pazifistische Ethik marginalisiert. Formal arbeitet Fastvold mit einer
ausgeprägten Ambivalenz. Der Film changiert zwischen asketischer
Strenge und exzessiver Bildgewalt. In den ekstatischen Ritualen der
Shaker – Zittern, rhythmisches Beben, kollektive Trance –
verschränken sich religiöse Hingabe und choreografische
Präzision. Die Animation stilisiert diese Bewegungen zu einer
fast musikalischen Komposition, in der Körper nicht nur Zeichen,
sondern Instrumente werden. Gleichzeitig evoziert die Bildsprache
Momente von düsterer Beklemmung, die an das protestantische Horrorkino
eines Robert Eggers erinnern, insbesondere an dessen Film „The
Witch“. Die Askese kippt ins Unheimliche, die Andacht in Bedrohung.
In anderen Passagen wiederum öffnet sich der Film einer theatralischen
Überhöhung, die an die expressive Künstlichkeit eines
Bühnenmusicals gemahnt. Diese Tonalitätssprünge sind
kein Mangel an Kohärenz, sondern Ausdruck einer programmatischen
Vielstimmigkeit.
Zentral
ist Lees radikale Ablehnung sexueller Praxis. In der filmischen Darstellung
wird diese Haltung nicht plump psychologisiert, sondern als theologisch
motivierte Weltdeutung ernst genommen. Die Ehe mit dem gewalttätigen
Abraham – gespielt von Christopher Abbott – wird zur Matrix
einer repressiven Geschlechterordnung. Seine Dominanz im ehelichen
Raum steht emblematisch für jene patriarchale Struktur, gegen
die Lee antritt. Die Frage nach der Reproduzierbarkeit einer sexuell
enthaltsamen Gemeinschaft bleibt bewusst offen. Der Film verweigert
eine rationalistische Demontage der Doktrin und entscheidet sich stattdessen
für eine paradoxe Haltung: Er zeigt die offensichtlichen Spannungen,
ohne sie didaktisch aufzulösen. Diese Zurückhaltung zwingt
das Publikum, selbst Stellung zu beziehen – zwischen Skepsis
und Bewunderung. Bemerkenswert ist die Wahl des Animationsmediums
für ein historisches Stoffgebiet. Anstatt dokumentarischer Authentizität
setzt Fastvold auf stilisierte Körper und komponierte Tableaus.
Die Distanzierung durch Animation erzeugt einen Reflexionsraum: Die
Figur Ann Lee – verkörpert von Amanda Seyfried –
wird nicht naturalistisch nachgebildet, sondern ikonisiert. Diese
Ikonisierung erlaubt es, Lee zugleich als historische Person und als
Projektionsfläche zu begreifen. Ihre Gestalt oszilliert zwischen
Heiliger, Fanatikerin und politischer Visionärin. Der Film interessiert
sich weniger für biografische Detailtreue als für die symbolische
Aufladung einer Frau, die religiöse Autorität beansprucht
– und dafür gesellschaftliche Ächtung in Kauf nimmt.
Eine der stärksten Szenen zeigt Lee, wie sie bei einer Sklavenversteigerung
empört protestiert. Doch der Film deutet zugleich an, dass dieser
moralische Impuls nicht in ein systematisches abolitionistisches Programm
mündet. Diese Ambivalenz ist charakteristisch: THE TESTAMENT
OF ANN LEE präsentiert seine Protagonistin nicht als makellose
Heldin, sondern als widersprüchliche Figur innerhalb eines widersprüchlichen
Zeitalters. Gerade darin liegt die Modernität des Films. Er fordert
keine ungebrochene Identifikation, sondern eine differenzierte Auseinandersetzung
mit religiösem Eigensinn. Für ein säkulares Publikum
mag Lees Vision wie kollektive Hysterie erscheinen; der Film jedoch
insistiert darauf, dass in dieser Ekstase eine reale historische Energie
wirksam war – eine Energie, die eine Gemeinschaft über
Kontinente hinweg formte.
THE TESTAMENT OF ANN LEE
Start:
12.03.26 | FSK 12
R: Mona Fastvold | D: Amanda Seyfried, Lewis Pullman, Tim Blake
Nelson
Großbritannien, USA 2025 | Walt Disney Germany