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KINO | 11.03.2026

Nouvelle Vague

Paris, 1959 – ein Moment vor der filmhistorischen Explosion. Richard Linklater rekonstruiert die Geburt der Nouvelle Vague mit cinephiler Leidenschaft. Zwischen Improvisation, Mythos und ästhetischer Revolte entsteht ein faszinierendes Porträt des jungen Godard. NOUVELLE VAGUE startet am 12. März im Kino – und erinnert daran, wie radikal Kino einmal war.

von Richard-Heinrich Tarenz


© Jean Louis Fernandez

Mit „Nouvelle Vague“, der am 12. März in den Kinos startet, wagt sich Richard Linklater an ein ebenso riskantes wie faszinierendes Unterfangen: die filmische Rekonstruktion eines historischen Augenblicks, der die Grammatik des Kinos nachhaltig verändern sollte. Der Film widmet sich der Entstehung von „Außer Atem“ – jenem Debütwerk von Jean Luc Godard, das 1960 wie ein ästhetischer Paukenschlag in die Filmgeschichte einging und zur emblematischen Geburtsstunde der French New Wave wurde. Linklaters Film ist dabei weniger eine klassische Biografie als vielmehr eine filmhistorische Meditation über Kreativität, Improvisation und die anarchische Energie einer Generation von Filmemachern, die entschlossen war, das etablierte Studiosystem zu überwinden. Der Film verortet sein Geschehen im Paris des Jahres 1959 – einer kulturellen Übergangszeit, in der junge Filmkritiker begannen, ihre theoretischen Überlegungen selbst in Praxis zu überführen. Viele von ihnen hatten zuvor für die legendäre Zeitschrift Cahiers du cinéma geschrieben und sich als leidenschaftliche Verteidiger eines neuen Autorenkinos profiliert. Als Godard erkennt, dass seine Kollegen bereits ihre ersten Filme realisiert haben, beschließt auch er, den Schritt hinter die Kamera zu wagen. Unterstützt von Produzent Georges de Beauregard entwickelt er – gemeinsam mit seinem Freund François Truffaut – die Idee zu einem Gangsterfilm, der jedoch nicht den Konventionen des Genres folgen soll, sondern sie subversiv unterwandert. Linklater inszeniert diesen historischen Moment nicht als heroische Geburtsstunde eines Meisterwerks, sondern als kreativen Prozess voller Zweifel, Improvisationen und chaotischer Entscheidungen.


© Jean Louis Fernandez

Das Drehbuch entsteht teilweise erst am Drehtag, Dialoge werden spontan verändert, Einstellungen in wenigen Versuchen aufgenommen. Diese Produktionsweise erscheint im Film weniger als kalkulierte Methode denn als Ausdruck einer künstlerischen Intuition, die sich gegen institutionelle Kontrolle behaupten muss. Besonders bemerkenswert ist die formale Gestaltung von „Nouvelle Vague“. Linklater und Kameramann David Chambille orientieren sich sichtbar an den visuellen Konventionen des französischen Autorenkinos der späten fünfziger Jahre. Das Bildformat 4:3, körniges Schwarzweißmaterial und sogar die sichtbaren Markierungen eines Rollenwechsels im Bildrand erzeugen eine historische Textur, die das Publikum unmittelbar in die Epoche versetzt. Diese stilistische Annäherung ist jedoch keine bloße Nostalgie. Vielmehr entsteht eine Reflexion über filmische Historizität selbst. Die Kamera beobachtet die Entstehung eines neuen Stils, während sie gleichzeitig dessen ästhetische Signaturen imitiert. Dadurch wird der Film zu einem selbstbewussten Kommentar über die Bedingungen filmischer Innovation. Interessanterweise bleibt Linklaters Kamera ruhiger als jene Godards, der in „Außer Atem“ mit Handkamera und radikalen Jump Cuts experimentierte. Diese Entscheidung eröffnet einen distanzierten Blick auf das Geschehen: Wir sehen nicht nur das Resultat einer filmischen Revolution, sondern auch ihre Entstehungsbedingungen. Die Darstellung Godards durch Guillaume Marbeck betont dessen rätselhafte Aura. Hinter dunklen Sonnenbrillen verborgen, spricht er häufig in aphoristischen Sentenzen über Kunst und Kino. Seine Figur wirkt weniger wie ein psychologisch ausformulierter Charakter als wie eine emblematische Gestalt des intellektuellen Rebellen. Gerade diese Stilisierung fügt sich jedoch überzeugend in Linklaters Konzept. Godard erscheint als Verkörperung eines neuen filmischen Denkens – eines Denkens, das bestehende Regeln bewusst infrage stellt.


© Jean Louis Fernandez

Wenn er beiläufig formuliert, dass ein Film im Grunde nur eine Frau und eine Waffe benötige, wird daraus weniger eine Pointe als vielmehr ein programmatischer Angriff auf die konventionelle Dramaturgie. Einen wichtigen dramaturgischen Gegenpol bildet Jean Seberg, gespielt von Zoey Deutch. Ihre Figur reagiert zunehmend irritiert auf Godards improvisatorische Arbeitsweise. Ohne festgeschriebenen Dialog und mit minimaler Vorbereitung fühlt sie sich im kreativen Chaos des Projekts zunehmend verloren. Diese Spannung verleiht dem Film eine überraschend emotionale Dimension. Zwischen Godards visionärem Enthusiasmus und Sebergs professioneller Skepsis entsteht ein produktiver Konflikt, der die fragile Balance zwischen künstlerischer Freiheit und praktischer Filmproduktion sichtbar macht. Demgegenüber begegnet Jean Paul Belmondo – dargestellt von Aubry Dullin – dem Projekt mit spielerischer Gelassenheit. Seine Haltung verwandelt die Dreharbeiten in ein improvisiertes Duell zwischen Schauspieler und Regisseur, aus dem schließlich jene magnetische Leinwandchemie entsteht, die „Außer Atem“ zu einem Klassiker machen sollte. Im Kern ist „Nouvelle Vague“ ein Film über das Filmemachen selbst. Diese selbstreflexive Dimension erinnert unweigerlich an „Die amerikanische Nacht“, der ebenfalls die Mechanismen und Illusionen der Filmproduktion thematisiert. Doch während Truffaut das Chaos eines Filmsets mit liebevoller Ironie betrachtete, interessiert sich Linklater stärker für den historischen Augenblick, in dem eine neue filmische Sprache geboren wird. Der Film führt dem Publikum zugleich eine ganze Generation von Regisseuren vor Augen – darunter Claude Chabrol, Jacques Rivette und Éric Rohmer – und erinnert daran, dass die Nouvelle Vague weniger ein einzelnes Genie als vielmehr ein kollektives kulturelles Phänomen war. Man könnte argumentieren, dass Linklaters Film die historische Radikalität der Nouvelle Vague etwas glättet. Die anarchische Energie von „Außer Atem“ erscheint hier zugänglicher, beinahe didaktisch aufbereitet. Doch gerade diese Zugänglichkeit erweist sich als Stärke: Der Film fungiert als Einladung, sich erneut mit einer der einflussreichsten Bewegungen der Filmgeschichte auseinanderzusetzen. Denn letztlich ist „Nouvelle Vague“ vor allem eines: eine leidenschaftliche Hommage an das Kino selbst. Linklater teilt mit seinem Publikum jene cinephile Begeisterung, die Generationen von Filmkritikern, Studierenden und Filmemachern dazu gebracht hat, die Filme Godards immer wieder anzusehen – auf der Suche nach jener elektrischen Energie, die das Kino einst neu erfand. So entsteht ein Werk, das nicht nur eine historische Episode rekonstruiert, sondern auch die Frage stellt, warum Filme überhaupt gemacht werden. Die Antwort liegt – ganz im Sinne der Nouvelle Vague – in der Liebe zum Medium selbst.


NOUVELLE VAGUE

Start: 12.03.26 | FSK 12
R: Richard Linklater | D: Guillaume Marbeck, Zoey Deutch, Aubry Dullin
Frankreich, USA 2025 | Plaion Pictures


 


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