Ein Klassiker
der Schauerromantik wird neu zusammengesetzt – doch die Nähte
bleiben sichtbar. Maggie Gyllenhaals „The Bride! – Es
lebe die Braut“ will Mythos, Feminismus und Genrekino zugleich
sein. Zwischen visueller Kühnheit und erzählerischer Überdeutlichkeit
verliert sich jedoch die eigentliche Tragik der Kreatur. So entsteht
ein Film, der ambitioniert wirkt, dessen ästhetischer Überschwang
aber seine dramaturgische Schwäche kaum kaschieren kann.
Mit
ihrem Regiedebüt „Frau im Dunkeln“ hatte Maggie Gyllenhaal
einen bemerkenswerten Einstand vorgelegt: ein präzis komponiertes
Psychodrama über Mutterschaft, Schuld und weibliche Selbstbehauptung,
das durch formale Strenge und psychologische Nuancierung überzeugte.
Vor diesem Hintergrund erscheint ihr zweiter Spielfilm, „The
Bride! – Es lebe die Braut“, der am 05. März in den
Kinos gestartet ist, als ein überraschend radikaler Richtungswechsel.
Gyllenhaal wendet sich hier dem fantastischen Genrekino zu und greift
den Mythos um Frankensteins Kreatur auf, um ihn aus einer dezidiert
weiblichen Perspektive neu zu denken. Das Vorhaben ist ambitioniert:
Statt den bekannten männlichen Monsterfiguren folgt der Film
der titelgebenden Braut – einer Figur, die in der klassischen
Tradition meist nur als groteskes Beiwerk erscheint. In dieser Neuinterpretation
rückt sie ins Zentrum eines erzählerischen Experiments,
das Gothic-Horror, romantische Tragödie und filmhistorische Selbstreflexion
miteinander verschränken will. Doch gerade dieser ambitionierte
Zugriff offenbart zugleich die strukturellen Probleme des Films. Im
Mittelpunkt steht eine Frau, die zunächst als rebellische Außenseiterin
in einer von männlicher Gewalt geprägten Gesellschaft erscheint.
Nach ihrem Tod wird ihr Körper exhumiert und – im Sinne
des Frankenstein-Mythos – zum Leben erweckt, um dem einsamen
Monster Frank eine Gefährtin zu verschaffen.
Diese
narrative Konstruktion eröffnet theoretisch ein faszinierendes
Spannungsfeld: Die Figur der Braut könnte als Allegorie einer
weiblichen Existenz gelesen werden, die buchstäblich aus den
Trümmern patriarchaler Gewalt hervorgeht. Jessie Buckley verkörpert
diese Figur mit einer Intensität, die zu den stärkeren Elementen
des Films zählt. Ihre Darstellung ist von eruptiver Energie geprägt;
sie spricht, klagt, argumentiert und rebelliert in einem beinahe ununterbrochenen
Strom von Worten. Die Figur erscheint dabei weniger als schweigende
Kreatur denn als intellektuelle Furie, deren Monologe philosophische,
literarische und gesellschaftskritische Reflexionen miteinander verbinden.
Doch gerade diese Wortfülle erweist sich als dramaturgisches
Problem. Statt die emotionale Wucht der Figur aus dem Bild, der Körperlichkeit
oder der Situation entstehen zu lassen, erklärt der Film seine
Themen unablässig in Dialogen. Die Wut der Braut wird nicht entfaltet,
sondern kommentiert – und verliert dadurch an Wirkung. Gyllenhaals
Film versteht sich offensichtlich als cinephile Collage. Das Werk
spielt in den 1930er-Jahren und bewegt sich in einer stilisierten
Welt, die bewusst auf die Ästhetik klassischer Hollywood-Genres
verweist. Noirhafte Schatten, expressionistische Bildkompositionen
und eine bewusst künstliche Ausstattung erzeugen eine Atmosphäre,
die zwischen Retro-Fantasie und ironischer Stilisierung oszilliert.
In dieser Welt begegnet das monströse Paar einer Reihe von Figuren,
darunter ein charismatischer Filmstar, dessen Präsenz die Handlung
in Richtung einer reflexiven Betrachtung des Kinos selbst verschiebt.
Die Figuren werden zu Wanderern durch eine filmhistorische Landschaft,
in der Gangsterfilm, Horrormotivik und romantische Roadmovie-Elemente
miteinander verschmelzen. Visuell besitzt der Film zweifellos eine
eigene Handschrift. Kostümgestaltung, Farbdramaturgie und Szenenbild
sind mit bemerkenswerter Detailverliebtheit gestaltet.
Die
Bildwelt wirkt exzessiv und bewusst überhöht, fast wie eine
Mischung aus Gothic-Oper und Pop-Art-Fantasie. Doch diese visuelle
Opulenz ersetzt nicht die narrative Kohärenz, die dem Film zunehmend
entgleitet. Thematisch möchte „The Bride! – Es lebe
die Braut“ offensichtlich eine feministische Umdeutung des Frankenstein-Mythos
liefern. Die titelgebende Figur soll nicht länger Objekt männlicher
Projektionen sein, sondern ihre eigene Geschichte erzählen. In
diesem Ansatz liegt grundsätzlich eine produktive Idee: Mary
Shelleys ursprünglicher Roman enthält bereits eine tiefe
Skepsis gegenüber männlicher Schöpfungsfantasie und
wissenschaftlicher Hybris. Der Film jedoch entscheidet sich für
eine vergleichsweise einfache Zuspitzung. Die emanzipatorische Botschaft
wird im Finale so eindeutig formuliert, dass sie beinahe didaktisch
wirkt. Statt die Ambivalenzen der monströsen Existenz auszuloten
– jene existenzielle Tragik, die den Frankenstein-Mythos seit
jeher prägt –, reduziert der Film seine Aussage auf einen
moralisch eindeutigen Triumph der Selbstbehauptung. Gerade hierin
liegt eine paradoxe Schwäche des Projekts. Der Frankenstein-Stoff
lebt von seiner philosophischen Mehrdeutigkeit: von der Frage nach
Verantwortung, nach Identität, nach der Grenze zwischen Mensch
und Monster. Indem der Film diese Ambivalenzen zugunsten einer klaren
Botschaft glättet, verliert er einen Teil jener existenziellen
Tiefe, die das Ausgangsmaterial so nachhaltig macht. Trotz
dieser Kritikpunkte bleibt Gyllenhaals filmische Kühnheit bemerkenswert.
„The Bride! – Es lebe die Braut“ ist kein vorsichtig
kalkuliertes Studio-Produkt, sondern ein Werk, das sichtbar von Experimentierfreude
geprägt ist. Die Regisseurin versucht, den Mythos radikal umzudeuten,
filmische Genres zu vermischen und eine visuell exzentrische Welt
zu erschaffen. Doch gerade diese Ungebundenheit führt dazu, dass
der Film selten ein stabiles Gleichgewicht findet. Die Vielzahl ästhetischer
Ideen – vom Gothic-Horror über Film-noir-Anspielungen bis
hin zum romantischen Outlaw-Motiv – bleibt nebeneinander stehen,
ohne sich zu einer kohärenten Vision zu verdichten. So hinterlässt
„The Bride! – Es lebe die Braut“ letztlich den Eindruck
eines Films, der vor Ideen überquillt, diese jedoch nicht zu
einer überzeugenden filmischen Form zu bündeln vermag. Was
als mutige Revision eines klassischen Mythos gedacht ist, wirkt deshalb
eher wie ein faszinierendes, aber unausgereiftes Experiment.
THE BRIDE! - ES LEBE DIE BRAUT
Start:
05.03.26 | FSK 16
R: Maggie Gyllenhaal | D: Jessie Buckley, Christian Bale, Jake Gyllenhaal
USA 2026 | Warner Bros. GmbH