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KINO | 11.03.2026

MEIN NEUES ALTES ICH
Eine Reise in das Mysterium der Menopause

Ein Körper verändert sich – und mit ihm die gesellschaftlichen Zuschreibungen an Weiblichkeit. „Mein neues altes Ich“ erkundet die Menopause als politisches, kulturelles und zutiefst persönliches Terrain. Der Dokumentarfilm verbindet intime Selbstbefragung mit feministischer Wissensproduktion. So entsteht ein kluges filmisches Plädoyer gegen das jahrhundertelange Schweigen über den alternden weiblichen Körper.

von Franziska Keil


© RISE AND SHINE CINEMA

Es gehört zu den paradoxen Konstanten moderner Gesellschaften, dass eine Erfahrung, die einen beträchtlichen Teil der Weltbevölkerung betrifft, über Generationen hinweg kulturell marginalisiert worden ist. Die Menopause – medizinisch präzise beschrieben, gesellschaftlich jedoch lange tabuisiert – bildet den Ausgangspunkt des Dokumentarfilms „Mein neues altes Ich – Eine Reise in das Mysterium der Menopause“. Die dänische Regisseurin Louise Unmack Kjeldsen nähert sich diesem Thema mit einer Mischung aus persönlicher Neugier und analytischer Entschlossenheit und schafft damit ein Werk, das sich gleichermaßen als autobiografische Recherche wie als feministisches Erkenntnisprojekt lesen lässt. Der Film beginnt mit einer Erfahrung der Irritation. Schlaflosigkeit, mentale Erschöpfung und ein diffuses Gefühl kognitiver Verschiebung konfrontieren die Regisseurin mit einer Phase ihres Lebens, die sie zwar biologisch erwartet, kulturell jedoch kaum vorbereitet hat. Diese persönliche Ausgangssituation entwickelt sich rasch zu einer erkenntnistheoretischen Frage: Wie kann es sein, dass selbst gut informierte Frauen über eine derart einschneidende körperliche Transformation so wenig wissen? Aus dieser Frage entfaltet sich die narrative Struktur des Films. Kjeldsen begibt sich auf eine Recherche, die private Erfahrungsberichte und wissenschaftliche Expertise miteinander verknüpft. Frauen aus verschiedenen westlichen Gesellschaften berichten von körperlichen Symptomen, emotionalen Umbrüchen und sozialen Konsequenzen der Menopause. Ihre Stimmen bilden ein vielstimmiges Archiv weiblicher Erfahrung, das die verbreitete Reduktion dieser Lebensphase auf medizinische Parameter entschieden unterläuft. Statt den Körper ausschließlich als Objekt medizinischer Diagnose zu betrachten, rückt „Mein neues altes Ich“ die subjektive Erfahrung ins Zentrum. Die Menopause erscheint hier nicht lediglich als hormoneller Übergang, sondern als komplexe Transformation der Selbstwahrnehmung – ein Prozess, der Identität, Arbeit, Sexualität und gesellschaftliche Sichtbarkeit gleichermaßen berührt. Über Jahrzehnte hat das Kino den weiblichen Körper vor allem als Objekt des Begehrens inszeniert – ein Körper, der jung, verfügbar und visuell normiert sein sollte. Kjeldsens Dokumentarfilm stellt dieser Tradition eine andere Perspektive entgegen: den alternden Körper als Erfahrungsraum, als Träger von Wissen, als politisches Subjekt.


© RISE AND SHINE CINEMA

Parallel zu den persönlichen Erzählungen integriert der Film wissenschaftliche Perspektiven. Forscherinnen aus verschiedenen Disziplinen erläutern neurologische, hormonelle und gesellschaftliche Dimensionen der Menopause. Besonders interessant ist dabei die Untersuchung ihrer Auswirkungen auf die Arbeitswelt: Konzentrationsschwankungen oder Schlafmangel werden häufig individualisiert, obwohl sie strukturelle Konsequenzen für berufliche Karrieren haben können. Hier wird deutlich, dass der Film weit mehr sein möchte als ein medizinisches Informationsformat. Er versteht sich als kulturpolitische Intervention. Die Regisseurin zeigt, wie medizinische Forschung, gesellschaftliche Normen und ökonomische Strukturen zusammenwirken, um weibliche Alterungsprozesse entweder zu pathologisieren oder zu verschweigen. Ein besonders aufschlussreiches Beispiel bildet die Diskussion um hormonelle Therapien, deren Ruf lange Zeit von umstrittenen Studien geprägt wurde, obwohl neuere wissenschaftliche Erkenntnisse differenziertere Bewertungen nahelegen. Formal bleibt Kjeldsen bewusst zurückhaltend. Interviews, Archivmaterial und Reiseaufnahmen bilden die visuelle Grundlage des Films. Hinzu kommen animierte Sequenzen, die innere Prozesse oder Erinnerungen visualisieren. Diese Gestaltung verzichtet auf spektakuläre Effekte und setzt stattdessen auf eine klare, transparente Erzählweise. Gerade diese formale Nüchternheit erweist sich als Stärke: Der Film vertraut darauf, dass die Kraft der Aussagen und die Komplexität der Erfahrungen für sich selbst sprechen können. Dieser Dokumentarfilm ist Teil einer wachsenden dokumentarischen Tradition, die weibliche Körperpolitik ins Zentrum stellt. Bereits frühere Arbeiten der Regisseurin beschäftigten sich mit Themen wie Körpernormen oder globalem Aktivismus. Der neue Film erweitert dieses Interesse um eine bislang unterrepräsentierte Dimension: das Altern als feministisches Thema. Dabei vermeidet Kjeldsen jede Form von Alarmismus. Stattdessen entfaltet sich ein Ton der ruhigen, analytischen Solidarität. Der Film erkennt die Menopause nicht als Krise, sondern als Übergang, dessen gesellschaftliche Wahrnehmung dringend einer Revision bedarf. Gerade in dieser Verbindung aus persönlicher Erfahrung, wissenschaftlicher Reflexion und politischer Perspektive liegt die besondere Qualität des Films. „Mein neues altes Ich“ erweitert den filmischen Diskurs über Körper und Alter um eine Perspektive, die lange unsichtbar geblieben ist. Er zeigt, dass Aufklärung nicht laut sein muss, um wirksam zu sein. Der überzeugende Dokumentarfilm startet am 12. März im Kino und erweist sich als bemerkenswert kluge filmische Intervention: ein Werk, das die Menopause aus der kulturellen Randzone holt und sie als das begreift, was sie immer gewesen ist – eine universelle Erfahrung, die endlich öffentlich verhandelt wird.


MEIN NEUES ALTES ICH
Eine Reise in das Mysterium der Menopause

Start: 12.03.26 | FSK 12
R: Louise Unmack Kjeldsen | Dokumentarfilm
Dänemark, Deutschland, Norwegen 2025 | Rise and Shine Cinema


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