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KINO | 18.03.2026

Peaky Blinders: The Immortal Man

Der Mythos von Birmingham kehrt zurück – größer, dunkler und zugleich elegischer als je zuvor. Mit „Peaky Blinders: The Immortal Man“ wird eine der stilprägendsten Serien der Streaming-Ära endgültig zum Kino-Epos. Zwischen Gangsterlegende, geopolitischem Drama und melancholischem Charakterporträt entfaltet sich ein erstaunlich reifer Abschluss der Shelby-Saga.

von Richard-Heinrich Tarenz


© Netflix

Mit „Peaky Blinders: The Immortal Man“ erhält eines der stilprägendsten Serienuniversen des 21. Jahrhunderts eine filmische Erweiterung, die zugleich Epilog, Weitererzählung und mythologische Verdichtung darstellt. Der Spielfilm feierte am 12. März seine Deutschland-Premiere in Berlin und startet am 20. März auf Netflix. Er führt die Geschichte von Tommy Shelby in ein neues historisches Umfeld: das Europa des Jahres 1940, in dem sich die kriminelle Unterwelt Birminghams unversehens mit den geopolitischen Verwerfungen des Zweiten Weltkriegs verschränkt. Dabei gelingt dem Film eine bemerkenswerte Balance. Einerseits fungiert er als Fanservice für ein Publikum, das seit der Premiere der Serie Peaky Blinders im Jahr 2013 die ikonische Welt der Shelby-Familie begleitet hat. Andererseits behauptet er sich als eigenständiges filmisches Werk, dessen ästhetische und narrative Ambitionen über die Logik bloßer Serienfortsetzung hinausreichen. Im Zentrum steht weiterhin Tommy Shelby, verkörpert von Cillian Murphy, dessen Darstellung längst zu den eindrucksvollsten Figurenleistungen moderner Seriengeschichte gehört. Schon in der Serie war Shelby eine paradoxe Figur: ein Mann, der Brutalität mit strategischer Intelligenz und emotionale Verwundbarkeit mit nahezu psychopathischer Entschlossenheit s
verbindet. Der Film greift dieses Spannungsfeld auf, verschiebt jedoch seine Perspektive. Zu Beginn begegnen wir einem gealterten, zurückgezogenen Shelby. Der einstige Gangsterkönig lebt auf einem verfallenden Landgut, trauert um Verluste in seiner Familie und arbeitet an seinen Erinnerungen. Äußerlich hat sich die Figur verändert – weniger der messerscharf gekleidete Straßenkönig, mehr ein melancholischer Chronist seines eigenen Mythos.


© Netflix

Diese Verschiebung ist entscheidend: Der Film betrachtet Tommy Shelby nicht mehr primär als kriminellen Strategen, sondern als historische Figur innerhalb einer größeren politischen Katastrophe. Die Handlung führt die Shelby-Welt in eine neue moralische Konstellation. Der Film siedelt seine Geschichte mitten im Zweiten Weltkrieg an und konfrontiert die Figuren mit einer Verschwörung, die Großbritanniens Wirtschaft durch massenhaft gefälschte Banknoten destabilisieren soll. Zum einen bietet er eine klare antagonistische Struktur: Die Gegner der Shelbys sind nun offen ideologische Figuren, deren Loyalität zum Nationalsozialismus sie zu eindeutigen Antagonisten macht. Zum anderen verschiebt der Film die Serie von der sozialen Kriminalgeschichte hin zu einer Art Gangster-Widerstandsdrama. Die Gewalt der Peaky Blinders wird nicht länger ausschließlich als kriminelle Praxis inszeniert, sondern als instrumentelle Kraft innerhalb eines historischen Konflikts. Eine zentrale dramaturgische Rolle spielt Tommys Sohn Duke Shelby, gespielt von Barry Keoghan. Duke ist eine Figur radikaler Orientierungslosigkeit. Als neuer Anführer der Gang verkörpert er eine Generation, die weder moralische Stabilität noch ideologische Bindung kennt. Seine nihilistische Haltung macht ihn zum idealen Werkzeug für politische Intrigen – und zugleich zum Spiegelbild jener destruktiven Impulse, die Tommy selbst einst verkörperte. Der Film nutzt diesen Vater-Sohn-Konflikt als zentrales psychologisches Motiv. Während Tommy zunehmend reflektiert und melancholisch erscheint, verkörpert Duke eine unkontrollierte Energie, die das kriminelle Erbe der Familie weiterträgt. Schon die Serie zeichnete sich durch eine ungewöhnlich filmische Bildsprache aus. Der Film steigert diese Qualitäten noch einmal. Kameramann George Steel arbeitet mit einer analogen Textur, die der Darstellung des kriegsgezeichneten Englands eine physische Schwere verleiht. Schlamm, Stein und Ruinen wirken beinahe greifbar. Die Ausstattung von Jacqueline Abrahams schafft eine Welt, die gleichzeitig historisch authentisch und stilisiert erscheint – eine visuelle Strategie, die man als „schmutzigen Prestige-Look“ bezeichnen könnte.


© Netflix

Zugleich bleibt ein zentrales Element der Serienästhetik erhalten: Mode als Identitätsinszenierung. Wenn Tommy Shelby im Verlauf des Films wieder in seinen ikonischen Dreiteiler schlüpft, wird Kleidung zur symbolischen Wiedergeburt der Figur. Die Rückkehr des Mantels, der Hosenträger und der berühmten Schiebermütze ist weniger ein realistisches Detail als eine rituelle Transformation. Um die Wirkung von „The Immortal Man“ vollständig zu verstehen, muss man die kulturelle Rolle der Serie selbst betrachten. Seit ihrem Debüt entwickelte sich „Peaky Blinders“ zu einem der prägendsten Fernsehereignisse der 2010er-Jahre. Die Serie verband historische Milieustudie mit stilisiertem Gangsterdrama und einer popmusikalisch geprägten Bildsprache. Ihr Einfluss reichte weit über das Fernsehen hinaus – von Mode und Musik bis zur Popikonografie moderner Antihelden. Tommy Shelby wurde zu einer Figur, die irgendwo zwischen Shakespeare-Tragödie und moderner Gangsterlegende angesiedelt ist. Der Film greift dieses Erbe auf und verwandelt es in ein bewusstes Mythologisieren: Der Gangster aus Birmingham erscheint hier fast wie eine historische Sagengestalt, deren Lebensweg sich mit den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts überschneidet. Regisseur Tom Harper, der bereits frühe Episoden der Serie inszenierte, findet dabei eine überzeugende Balance zwischen Ernsthaftigkeit und ironischer Selbstreflexion. Der Film ist sich der eigenen Übertreibung durchaus bewusst: Explosionen, melodramatische Konflikte und stilisierte Gewalt werden mit einem gewissen Augenzwinkern präsentiert. Doch gleichzeitig verleiht die Inszenierung den Figuren genügend emotionale Gravität, um die Geschichte nicht in reinen Pulp-Exzess kippen zu lassen. Besonders im Finale entfaltet der Film eine überraschende melancholische Intensität. Die Geschichte endet nicht mit triumphaler Geste, sondern mit einer stilleren, beinahe elegischen Note – als würde das Universum der Peaky Blinders langsam in seine eigene Legende übergehen.

FAZIT
„Peaky Blinders: The Immortal Man“ ist weit mehr als eine verlängerte Serienepisode. Der Film funktioniert als mythologischer Epilog einer der stilistisch einflussreichsten Serien des modernen Fernsehens. Er verbindet historische Dramatik, Popästhetik und Charakterstudie zu einem Werk, das gleichermaßen nostalgisch und überraschend reif wirkt. Vor allem aber beweist er, dass die Geschichte von Tommy Shelby längst die Grenzen des Serienformats überschritten hat. Sie gehört inzwischen zu den großen modernen Gangstererzählungen – irgendwo zwischen historischer Fiktion, Popmythos und elegischer Tragödie.


PEAKY BLINDERS: THE IMMORTAL MAN

Deutschland-Premiere: 12.03.26 / Start: 20.03.26: Netflix
R: Tom Harper | D: Cillian Murphy, Rebecca Ferguson, Barry Keoghan
Großbritannien 2025 | Netflix Deutschland


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