Der Mythos
von Birmingham kehrt zurück – größer, dunkler
und zugleich elegischer als je zuvor. Mit „Peaky Blinders: The
Immortal Man“ wird eine der stilprägendsten Serien der
Streaming-Ära endgültig zum Kino-Epos. Zwischen Gangsterlegende,
geopolitischem Drama und melancholischem Charakterporträt entfaltet
sich ein erstaunlich reifer Abschluss der Shelby-Saga.
Mit
„Peaky Blinders: The Immortal Man“ erhält eines der
stilprägendsten Serienuniversen des 21. Jahrhunderts eine filmische
Erweiterung, die zugleich Epilog, Weitererzählung und mythologische
Verdichtung darstellt. Der Spielfilm feierte am 12. März seine
Deutschland-Premiere in Berlin und startet am 20. März auf Netflix.
Er führt die Geschichte von Tommy Shelby in ein neues historisches
Umfeld: das Europa des Jahres 1940, in dem sich die kriminelle Unterwelt
Birminghams unversehens mit den geopolitischen Verwerfungen des Zweiten
Weltkriegs verschränkt. Dabei gelingt dem Film eine bemerkenswerte
Balance. Einerseits fungiert er als Fanservice für ein Publikum,
das seit der Premiere der Serie Peaky Blinders im Jahr 2013 die ikonische
Welt der Shelby-Familie begleitet hat. Andererseits behauptet er sich
als eigenständiges filmisches Werk, dessen ästhetische und
narrative Ambitionen über die Logik bloßer Serienfortsetzung
hinausreichen. Im Zentrum steht weiterhin Tommy Shelby, verkörpert
von Cillian Murphy, dessen Darstellung längst zu den eindrucksvollsten
Figurenleistungen moderner Seriengeschichte gehört. Schon in
der Serie war Shelby eine paradoxe Figur: ein Mann, der Brutalität
mit strategischer Intelligenz und emotionale Verwundbarkeit mit nahezu
psychopathischer Entschlossenheit s
verbindet. Der Film greift dieses Spannungsfeld auf, verschiebt jedoch
seine Perspektive. Zu Beginn begegnen wir einem gealterten, zurückgezogenen
Shelby. Der einstige Gangsterkönig lebt auf einem verfallenden
Landgut, trauert um Verluste in seiner Familie und arbeitet an seinen
Erinnerungen. Äußerlich hat sich die Figur verändert
– weniger der messerscharf gekleidete Straßenkönig,
mehr ein melancholischer Chronist seines eigenen Mythos.
Diese
Verschiebung ist entscheidend: Der Film betrachtet Tommy Shelby nicht
mehr primär als kriminellen Strategen, sondern als historische
Figur innerhalb einer größeren politischen Katastrophe.
Die Handlung führt die Shelby-Welt in eine neue moralische Konstellation.
Der Film siedelt seine Geschichte mitten im Zweiten Weltkrieg an und
konfrontiert die Figuren mit einer Verschwörung, die Großbritanniens
Wirtschaft durch massenhaft gefälschte Banknoten destabilisieren
soll. Zum einen bietet er eine klare antagonistische Struktur: Die
Gegner der Shelbys sind nun offen ideologische Figuren, deren Loyalität
zum Nationalsozialismus sie zu eindeutigen Antagonisten macht. Zum
anderen verschiebt der Film die Serie von der sozialen Kriminalgeschichte
hin zu einer Art Gangster-Widerstandsdrama. Die Gewalt der Peaky Blinders
wird nicht länger ausschließlich als kriminelle Praxis
inszeniert, sondern als instrumentelle Kraft innerhalb eines historischen
Konflikts. Eine zentrale dramaturgische Rolle spielt Tommys Sohn Duke
Shelby, gespielt von Barry Keoghan. Duke ist eine Figur radikaler
Orientierungslosigkeit. Als neuer Anführer der Gang verkörpert
er eine Generation, die weder moralische Stabilität noch ideologische
Bindung kennt. Seine nihilistische Haltung macht ihn zum idealen Werkzeug
für politische Intrigen – und zugleich zum Spiegelbild
jener destruktiven Impulse, die Tommy selbst einst verkörperte.
Der Film nutzt diesen Vater-Sohn-Konflikt als zentrales psychologisches
Motiv. Während Tommy zunehmend reflektiert und melancholisch
erscheint, verkörpert Duke eine unkontrollierte Energie, die
das kriminelle Erbe der Familie weiterträgt. Schon die Serie
zeichnete sich durch eine ungewöhnlich filmische Bildsprache
aus. Der Film steigert diese Qualitäten noch einmal. Kameramann
George Steel arbeitet mit einer analogen Textur, die der Darstellung
des kriegsgezeichneten Englands eine physische Schwere verleiht. Schlamm,
Stein und Ruinen wirken beinahe greifbar. Die Ausstattung von Jacqueline
Abrahams schafft eine Welt, die gleichzeitig historisch authentisch
und stilisiert erscheint – eine visuelle Strategie, die man
als „schmutzigen Prestige-Look“ bezeichnen könnte.
Zugleich
bleibt ein zentrales Element der Serienästhetik erhalten: Mode
als Identitätsinszenierung. Wenn Tommy Shelby im Verlauf des
Films wieder in seinen ikonischen Dreiteiler schlüpft, wird Kleidung
zur symbolischen Wiedergeburt der Figur. Die Rückkehr des Mantels,
der Hosenträger und der berühmten Schiebermütze ist
weniger ein realistisches Detail als eine rituelle Transformation.
Um die Wirkung von „The Immortal Man“ vollständig
zu verstehen, muss man die kulturelle Rolle der Serie selbst betrachten.
Seit ihrem Debüt entwickelte sich „Peaky Blinders“
zu einem der prägendsten Fernsehereignisse der 2010er-Jahre.
Die Serie verband historische Milieustudie mit stilisiertem Gangsterdrama
und einer popmusikalisch geprägten Bildsprache. Ihr Einfluss
reichte weit über das Fernsehen hinaus – von Mode und Musik
bis zur Popikonografie moderner Antihelden. Tommy Shelby wurde zu
einer Figur, die irgendwo zwischen Shakespeare-Tragödie und moderner
Gangsterlegende angesiedelt ist. Der Film greift dieses Erbe auf und
verwandelt es in ein bewusstes Mythologisieren: Der Gangster aus Birmingham
erscheint hier fast wie eine historische Sagengestalt, deren Lebensweg
sich mit den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts überschneidet.
Regisseur Tom Harper, der bereits frühe Episoden der Serie inszenierte,
findet dabei eine überzeugende Balance zwischen Ernsthaftigkeit
und ironischer Selbstreflexion. Der Film ist sich der eigenen Übertreibung
durchaus bewusst: Explosionen, melodramatische Konflikte und stilisierte
Gewalt werden mit einem gewissen Augenzwinkern präsentiert. Doch
gleichzeitig verleiht die Inszenierung den Figuren genügend emotionale
Gravität, um die Geschichte nicht in reinen Pulp-Exzess kippen
zu lassen. Besonders im Finale entfaltet der Film eine überraschende
melancholische Intensität. Die Geschichte endet nicht mit triumphaler
Geste, sondern mit einer stilleren, beinahe elegischen Note –
als würde das Universum der Peaky Blinders langsam in seine eigene
Legende übergehen.
FAZIT „Peaky
Blinders: The Immortal Man“ ist weit mehr als eine verlängerte
Serienepisode. Der Film funktioniert als mythologischer Epilog einer
der stilistisch einflussreichsten Serien des modernen Fernsehens.
Er verbindet historische Dramatik, Popästhetik und Charakterstudie
zu einem Werk, das gleichermaßen nostalgisch und überraschend
reif wirkt. Vor allem aber beweist er, dass die Geschichte von Tommy
Shelby längst die Grenzen des Serienformats überschritten
hat. Sie gehört inzwischen zu den großen modernen Gangstererzählungen
– irgendwo zwischen historischer Fiktion, Popmythos und elegischer
Tragödie.
PEAKY BLINDERS: THE IMMORTAL MAN
Deutschland-Premiere:
12.03.26 / Start: 20.03.26: Netflix
R: Tom Harper | D: Cillian Murphy, Rebecca Ferguson, Barry Keoghan
Großbritannien 2025 | Netflix Deutschland