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KINO | 15.04.2026

VIER MINUS DREI

Zwischen Verlust und Neubeginn entfaltet sich ein leises Drama existenzieller Brüche. „Vier minus drei“ erkundet die Fragilität von Erinnerung und Identität. Ein Film, der Trauer nicht erklärt, sondern erfahrbar macht. Reduziert, poetisch und von stiller Intensität getragen.

von Richard-Heinrich Tarenz


© ALAMODE FILM / POLYFILM / NIKOLETT KUSTOS

Mit „Vier minus drei“ legt Regisseur Adrian Goiginger eine filmische Adaption vor, die sich der Herausforderung stellt, ein zutiefst autobiografisch geprägtes Werk in eine eigenständige audiovisuelle Form zu überführen. Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Barbara Pachl-Eberhart, entfaltet der Film eine Reflexion über Verlust, Erinnerung und die Möglichkeit eines Weiterlebens nach einer existenziellen Zäsur. Seine Premiere auf der Berlinale 2026 in der Panorama-Sektion unterstreicht dabei seinen Anspruch, persönliche Erfahrung in einen universellen Kontext zu überführen. Zentral für die filmische Gestaltung ist die Entscheidung für eine nicht-lineare Erzählweise. Goiginger arbeitet mit einem System kontinuierlicher Rückblenden, die das Leben der Protagonistin Barbara vor dem einschneidenden Ereignis rekonstruieren, ohne sich an eine chronologische Ordnung zu binden. Diese fragmentierte Zeitstruktur erzeugt eine Form der narrativen Gleichzeitigkeit: Vergangenheit und Gegenwart existieren parallel und überlagern sich gegenseitig. Dieses Verfahren lässt sich als Versuch lesen, subjektive Erinnerung abzubilden, die sich nicht linear organisiert, sondern assoziativ funktioniert. Der Film verzichtet bewusst auf eine klare Trennung der Zeitebenen und lässt stattdessen Übergänge entstehen, die den Zustand innerer Desorientierung spiegeln. Die visuelle Gestaltung unterstützt diese temporale Struktur durch eine prägnante Farbdramaturgie. Die Gegenwart ist von kühlen, entsättigten Tönen geprägt, die eine Atmosphäre der Leere und Isolation erzeugen. Demgegenüber stehen die warmen, gesättigten Farben der Vergangenheit, die das frühere Familienleben als Raum von Nähe und Vitalität markieren. Diese ästhetische Opposition fungiert nicht lediglich als illustratives Mittel, sondern als semantische Ebene des Films. Farbe wird hier zum Träger von Bedeutung, der emotionale Zustände nicht nur abbildet, sondern aktiv strukturiert. Der Raum – insbesondere das ländliche Haus der Familie – wird dabei zum Speicher von Erinnerungen, in dem sich Vergangenheit materialisiert. Im Zentrum des Films steht Barbara, verkörpert von Valerie Pachner, deren Darstellung die narrative und emotionale Kohärenz des Films trägt. Pachner entwickelt ihre Figur nicht über expressive Ausbrüche, sondern über eine kontrollierte, nuancierte Performanz, die sich in Blicken, minimalen Gesten und körperlicher Präsenz manifestiert. Diese Zurückhaltung erzeugt eine Form der Intimität, die den Zuschauer in einen reflexiven Modus versetzt. Barbara wird nicht als exemplarische Leidensfigur inszeniert, sondern als komplexes Subjekt, dessen Innenleben sich nur fragmentarisch erschließt.


© ALAMODE FILM / POLYFILM / NIKOLETT KUSTOS

In dieser Offenheit liegt eine wesentliche Stärke des Films. An ihrer Seite fungiert Robert Stadlober als Heli primär in den Rückblenden als Teil eines vergangenen Glückszustands. Seine Präsenz ist weniger narrativ als atmosphärisch wirksam und trägt zur Konstruktion einer verlorenen Welt bei. Ein zentrales symbolisches Element des Films ist das Motiv des Zirkus. Die Tätigkeit der Figuren als Clowns verweist auf eine doppelte Codierung: Einerseits steht sie für Leichtigkeit, Spiel und gemeinschaftliche Freude; andererseits trägt sie eine latente Melancholie in sich, die aus der Diskrepanz zwischen äußerer Heiterkeit und innerer Fragilität resultiert. In der Filmgeschichte wurde der Zirkus wiederholt als Ort existenzieller Reflexion genutzt – man denke etwa an La Strada –, und auch „Vier minus drei“ reiht sich in diese Tradition ein. Das clowneske Element fungiert hier als Metapher für die Fähigkeit des Menschen, selbst unter extremen Bedingungen Formen von Ausdruck und Kommunikation zu finden. Ein weiterer zentraler Aspekt der Inszenierung ist die Bedeutung von Objekten. Fotografien, Videos und alltägliche Gegenstände werden zu Trägern von Erinnerung, die Vergangenheit in der Gegenwart präsent halten. Diese materielle Dimension der Erinnerung verleiht dem Film eine zusätzliche Ebene, in der sich das Unsichtbare – das Verlorene – über sichtbare Spuren artikuliert. Die Montage dieser Elemente erzeugt eine rhythmische Struktur, die zwischen Stillstand und Bewegung oszilliert. Der Film entwickelt so eine eigene Zeitlichkeit, die sich von konventionellen Dramaturgien absetzt. Trotz seines schweren Themas integriert „Vier minus drei“ Momente einer zurückhaltenden Komik, die vor allem aus der Lebenshaltung der Figuren vor dem tragischen Ereignis hervorgehen. Diese Momente wirken nicht als Bruch, sondern als integraler Bestandteil einer Erzählung, die das Leben in seiner Widersprüchlichkeit ernst nimmt. Die Verbindung von Drama und komödiantischen Elementen erzeugt eine Tonalität, die sich einfachen Kategorisierungen entzieht. Der Film bewegt sich in einem Zwischenbereich, in dem Trauer und Leichtigkeit koexistieren. Seine Themen – Verlust, Resilienz, Neubeginn – besitzen eine universelle Relevanz, die über den konkreten autobiografischen Kontext hinausweist. „Vier minus drei“ ist ein Film, der seine Wirkung aus der Kombination von formaler Präzision und emotionaler Zurückhaltung bezieht. Adrian Goiginger gelingt es, ein hochkomplexes Thema in eine ästhetisch kohärente Form zu überführen, die den Zuschauer nicht belehrt, sondern zur eigenen Reflexion anregt. Ein stilles, differenziertes Werk, das die Möglichkeiten des Kinos nutzt, um das Unsagbare zumindest ansatzweise sichtbar zu machen.


VIER MINUS DREI

Start: 16.04.26 | FSK 12
R: Adrian Goiginger | D: Valerie Pachner, Robert Stadlober
Deutschland, Österreich 2026 | Alamode Film


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