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KINO | 27.05.2026

Asphalt der Angst
Wie „Passenger“ den amerikanischen Straßenmythos in einen alptraumhaften Transitraum verwandelt

Mit „Passenger“ inszeniert Regisseur André Øvredal einen atmosphärisch dichten Highway-Horrorfilm zwischen existenzieller Rastlosigkeit und übernatürlicher Bedrohung. Der Film verbindet klassische Roadmovie-Ikonografie mit der klaustrophobischen Logik modernen Horrorkinos und entfaltet seine größte Stärke in einzelnen virtuos komponierten Schreckenssequenzen. Zwar scheitert das Drehbuch daran, seine Mythologie konsequent auszubauen, doch die intensive audiovisuelle Gestaltung und zwei bemerkenswert natürliche Hauptdarsteller verleihen dem Film beträchtliche Sogwirkung.

von Richard-Heinrich Tarenz


© 2026 PARAMOUNT PICTURES. ALL RIGHTS RESERVED.

Das amerikanische Kino hat die Straße stets als Projektionsfläche nationaler Sehnsüchte verstanden. Vom klassischen Roadmovie der 1960er- und 1970er-Jahre bis zum nihilistischen Highway-Horror moderner Genretraditionen fungieren endlose Highways als Symbolräume individueller Freiheit – und zugleich als Orte existenzieller Bedrohung. Passenger knüpft genau an diese Tradition an und transformiert sie in einen bemerkenswert atmosphärischen Horrorfilm über Mobilität, Isolation und die fragile Illusion des Unterwegsseins. Regisseur André Øvredal, der bereits mit „Scary Stories To Tell in the Dark“ und „Die letzte Fahrt der Demeter“ seine Vorliebe für kontrollierten Suspense und klassische Genrearchitektur bewiesen hat, inszeniert „Passenger“ als eine Art geisterhaften Anti-Roadmovie. Der Film erzählt nicht von Aufbruch und Selbstfindung, sondern von der allmählichen Zersetzung von Orientierung.

Die Straße als liminaler Raum

Im Zentrum stehen Tyler und Maddie, gespielt von Jacob Scipio und Lou Llobell, ein junges Paar, das dem urbanen Überdruck New Yorks entflieht, um ein nomadisches Leben auf amerikanischen Fernstraßen zu führen. Bereits diese Konstellation besitzt kulturhistorische Resonanz: Der Van als mobiles Zuhause erscheint zunächst als romantisierte Gegenutopie zur spätkapitalistischen Erschöpfung moderner Metropolen. Doch Øvredal dekonstruiert diese Freiheitsfantasie früh. Die Rastplätze, Tankstellen, Campingplätze und verlassenen Supermarktparkplätze des Films werden nicht als Orte autonomer Selbstverwirklichung inszeniert, sondern als prekäre Übergangszonen. „Passenger“ versteht Mobilität nicht als Befreiung, sondern als Zustand permanenter Verletzlichkeit. Filmwissenschaftlich operiert der Film dabei mit dem Konzept des „liminal space“: Räume des Übergangs, die weder Ankunft noch Herkunft repräsentieren. Genau darin wurzelt der Horror des Films. Die Figuren existieren buchstäblich zwischen den Orten – und gerade diese Entortung macht sie anfällig für das Übernatürliche.

Horror aus der Unsicherheit des Sehens

Die eigentliche Stärke von „Passenger“ liegt in seiner bemerkenswert kontrollierten Suspense-Architektur. Anders als viele gegenwärtige Studiohorrorfilme setzt Øvredal nicht primär auf aggressive Reizüberflutung, sondern auf Wahrnehmungsunsicherheit. Die titelgebende Gestalt des „Passenger“, gespielt von Joseph Lopez, bleibt über weite Strecken ontologisch instabil. Mal sichtbar, mal verschwunden, manchmal nur von einer Figur wahrgenommen, verweigert sich der Film einer eindeutigen Regelhaftigkeit. Diese narrative Offenheit erzeugt eine produktive Irritation: Der Zuschauer befindet sich permanent in einem Zustand epistemischer Unsicherheit. Gerade hierin erinnert „Passenger“ an jene psychologisch grundierten Horrorfilme der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre, in denen Bedrohung weniger durch monströse Präsenz als durch die Erosion verlässlicher Realität entsteht. Øvredal versteht, dass das Unsichtbare im Horror oft wirksamer ist als explizite Enthüllung. Allerdings offenbart sich hier zugleich die zentrale Schwäche des Films. Das Drehbuch von T.W. Burgess und Zachary Donohue entwickelt seine Mythologie nie vollständig aus. Die wenigen Hinweise – etwa religiöse Schutzsymbole oder Anspielungen auf vagabundierende Zeichensysteme amerikanischer Landstreicher-Kultur – bleiben faszinierende Fragmente ohne narrative Vertiefung. Man spürt permanent, dass sich hinter dem Stoff eine größere metaphorische Architektur verbergen könnte. Doch der Film entscheidet sich letztlich gegen echte mythologische Ausarbeitung und bevorzugt atmosphärische Andeutung. Das erzeugt zwar Mysterium, hinterlässt jedoch zugleich ein Gefühl struktureller Unvollständigkeit.


© 2026 PARAMOUNT PICTURES. ALL RIGHTS RESERVED.

Die Ästhetik der Dunkelheit

Formal jedoch gehört „Passenger“ zu den visuell präzisesten Genrefilmen der jüngeren Zeit. Kameramann Federico Verardi entwickelt eine Lichtdramaturgie, die exemplarisch zeigt, wie produktiv Dunkelheit im digitalen Kino eingesetzt werden kann. Viele zeitgenössische Horrorproduktionen leiden unter einer diffusen digitalen Unterbelichtung, die Räume unlesbar macht. Øvredal und Verardi hingegen nutzen Dunkelheit als kompositorisches Mittel. Fahrzeugscheinwerfer, Parkplatzlaternen und Projektorlicht strukturieren den Bildraum mit bemerkenswerter Klarheit. Selbst in komplexen Suspense-Sequenzen bleibt die räumliche Geografie stets nachvollziehbar. Besonders beeindruckend gelingt dies in drei zentralen Set Pieces, die den Film zeitweise auf ein außergewöhnliches Niveau heben. Eine Sequenz auf einem verlassenen Supermarktparkplatz entwickelt aus minimalistischen Mitteln eine fast unerträgliche Spannung. Die Leere des urbanen Nicht-Ortes wird hier zum Bedrohungsraum einer spätkapitalistischen Geisterlandschaft. Noch stärker gerät eine Szene unterhalb des Vans, in der Tyler mechanische Reparaturen durchführen muss, während die Bedrohung unsichtbar über ihm lauert. Øvredal transformiert den engen Raum unter dem Fahrzeug in eine Zone körperlicher Panik und aktiviert dabei archaische Klaustrophobie. Die eigentliche Meisterszene des Films jedoch spielt auf einem Campingplatz während einer Freiluftvorführung von Roman Holiday. Während Maddie den Projektorstrahl nutzt, um die Dunkelheit zu durchdringen, verschmilzt die monströse Erscheinung des Passenger mit dem Bild des klassischen Hollywoodkinos. Es ist ein bemerkenswert selbstreflexiver Moment: Der Horror erscheint buchstäblich aus den Bildern der Filmgeschichte heraus. Hier erreicht „Passenger“ eine seltene cineastische Qualität. Das Kino selbst wird zum Medium der Heimsuchung.

Der Sound der Einsamkeit

Auch akustisch arbeitet Øvredal äußerst präzise. Große Teile des Films operieren mit Stille, Umgebungsgeräuschen und subtiler Klangmodulation. Wind, Motorengeräusche, das entfernte Summen nächtlicher Highways – all dies erzeugt eine Atmosphäre latenter Bedrohung. Der zurückhaltende Score von Christopher Young verweigert sich weitgehend den üblichen Horror-Exzessen und setzt stattdessen auf minimale Interventionen. Dadurch entstehen Suspense-Momente von bemerkenswerter Intensität. Interessanterweise wirken gerade die seltenen lauten Momente des Films mitunter schwächer. Einige abrupt eingesetzte Radioeffekte unterbrechen unnötig jene subtile Spannung, die der Film eigentlich deutlich besser beherrscht.

Die emotionale Verankerung des Horrors

Was „Passenger“ trotz dramaturgischer Schwächen letztlich trägt, ist die Chemie seiner beiden Hauptdarsteller. Lou Llobell und Jacob Scipio spielen ihre Figuren mit einer bemerkenswert beiläufigen Natürlichkeit, die modernen Genrefilmen oft fehlt. Gerade weil ihre Beziehung glaubwürdig wirkt, entfalten die surrealen Entwicklungen emotionale Wirkung. Øvredal versteht, dass Horror nur dann nachhaltig funktioniert, wenn das Publikum in die Figuren investiert bleibt. Die Bedrohung des Übernatürlichen erhält ihr Gewicht erst durch die fragile Intimität dieser Beziehung. Dabei vermeidet der Film erfreulicherweise die Zynismen vieler zeitgenössischer Horrorproduktionen. Tyler und Maddie werden nicht als ironische Genrefiguren behandelt, sondern als verletzliche Menschen innerhalb eines zunehmend irrationalen Universums.

Ein faszinierender Beinahe-Erfolg

Und dennoch bleibt „Passenger“ letztlich ein Film der unvollständigen Möglichkeiten. Das Finale verliert deutlich an Präzision und driftet zeitweise in eine beinahe beliebige Übernatürlichkeit ab, die nicht mehr dieselbe suggestive Kraft besitzt wie die kontrollierte Ambivalenz der ersten zwei Drittel. Man spürt förmlich, dass Øvredal stärker an Atmosphäre und Suspense interessiert ist als an narrativer Auflösung. Das führt zu einem eigentümlichen Spannungsverhältnis: Der Film begeistert in einzelnen Momenten durch außergewöhnliche inszenatorische Qualität, erreicht jedoch nie vollständig die thematische Geschlossenheit, die sein Material eigentlich ermöglichen würde. Doch vielleicht liegt genau darin auch ein Teil seines Reizes. Passenger wirkt wie ein verlorener Highway-Horrorfilm aus einer anderen Ära – weniger perfekt konstruiert als atmosphärisch erlebt. Ein Film, dessen Bilder, Räume und Spannungsmomente länger nachhallen als seine eigentliche Geschichte. Und so bleibt am Ende vor allem das Gefühl einer nächtlichen Fahrt über menschenleere Highways: orientierungslos, unheimlich, gelegentlich holprig – aber seltsam hypnotisch.


PASSENGER

Start: 28.05.26 | FSK 16
R: André Øvredal | D: Jacob Scipio, Lou Llobell, Melissa Leo
USA 2026 | Paramount Pictures Germany


 


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