Mit „The
Furious“ kehrt das asiatische Martial-Arts-Kino zu einer Tugend
zurück, die im digitalen Actionzeitalter selten geworden ist:
körperliche Glaubwürdigkeit. Kenji Tanigaki inszeniert Kampfsequenzen
von beeindruckender Präzision und erinnert dabei an die große
Tradition des Hongkong-Kinos der 1980er und 1990er Jahre. Zwischen
Rachegeschichte, Entführungsdrama und Unterweltthriller entfaltet
sich ein Film, dessen stärkste Sprache nicht das Wort, sondern
die Bewegung ist. Zum Kinostart am 18. Juni präsentiert sich
„The Furious“ als ebenso mitreißendes wie handwerklich
bemerkenswertes Actionwerk.
Das
zeitgenössische Actionkino befindet sich seit Jahren in einem
merkwürdigen Spannungsverhältnis zu seinem eigenen Gegenstand.
Während digitale Effekte immer spektakulärere Bilder ermöglichen,
geht häufig jene physische Glaubwürdigkeit verloren, die
einst das Fundament des Genres bildete. Die Körper werden zu
Computergrafiken, die Räume zu virtuellen Konstruktionen und
die Kämpfe zu mathematischen Animationen. „The Furious“,
der am 18. Juni in die Kinos kommt, setzt dieser Entwicklung ein entschieden
analoges Gegenmodell entgegen. Regisseur Kenji Tanigaki, der sich
als Actiondesigner und Choreograf längst einen herausragenden
Ruf innerhalb des asiatischen Genrefilms erarbeitet hat, erinnert
daran, dass die eigentliche Kraft des Actionkinos aus der Sichtbarkeit
menschlicher Anstrengung entsteht. Der Film ist dabei keineswegs revolutionär.
Im Gegenteil: Seine größte Stärke besteht darin, bewährte
Formen mit außergewöhnlicher Präzision zu beherrschen.
Die
Tradition des Hongkong-Kinos
Bereits die ersten
Kampfszenen machen deutlich, in welcher filmhistorischen Tradition
sich „The Furious“ verortet. Die Choreografien erinnern
an jene Blütezeit des Hongkong-Actionkinos, die in den 1980er-
und 1990er-Jahren internationale Maßstäbe setzte. Filme
von Regisseuren wie John Woo, Tsui Hark oder die Werke um Jackie Chan
zeichneten sich durch eine einzigartige Verbindung aus athletischer
Virtuosität, räumlicher Klarheit und choreografischer Präzision
aus. Genau an diese Tradition knüpft Tanigaki an. Seine Kämpfe
entstehen nicht im Schneideraum, sondern vor der Kamera. Die Bewegungen
besitzen Gewicht, Geschwindigkeit und Konsequenz. Jeder Treffer wirkt
spürbar, jede Ausweichbewegung verlangt körperliche Kontrolle.
In einer Zeit, in der viele Actionfilme ihre Dynamik durch hektische
Montage erzeugen, setzt „The Furious“ auf Transparenz.
Der Zuschauer erkennt jederzeit die räumlichen Beziehungen zwischen
den Figuren und kann die Choreografien als tatsächliche Leistungen
wahrnehmen. Diese Klarheit verleiht dem Film eine bemerkenswerte Eleganz.
Der
Körper als Erzählinstrument
Im Mittelpunkt
stehen Wang Wei und Navin, gespielt von Xie Miao und Joe Taslim. Die
Handlung folgt einer vergleichsweise klassischen Struktur. Ein Vater
sucht seine entführte Tochter, während ein Journalist dem
Verschwinden seiner Ehefrau nachgeht. Die Spuren führen beide
Männer zu einem Netzwerk des Menschenhandels und schließlich
zu einer Konfrontation mit den Verantwortlichen. Narrativ bewegt sich
der Film damit auf vertrautem Terrain. Interessanterweise liegt seine
eigentliche Qualität jedoch nicht im Drehbuch, sondern in der
Art, wie die Figuren durch Bewegung charakterisiert werden. Besonders
die Figur des stummen Wang Wei ist hierfür exemplarisch. Da ihm
die verbale Kommunikation weitgehend verwehrt bleibt, wird sein Körper
zum zentralen Ausdrucksmittel. Seine Haltung, seine Geschwindigkeit,
seine Reaktionen und seine Kampfweise vermitteln Emotionen, die andere
Filme über Dialoge transportieren würden. Die Action fungiert
hier nicht als Unterbrechung der Handlung, sondern als Fortsetzung
der Charakterentwicklung mit anderen Mitteln.
Choreografie
als filmische Kunstform
Filmwissenschaftlich
betrachtet gehört die Choreografie zu den oft unterschätzten
Künsten des Kinos. Wie Tanz, Theater und Musik basiert sie auf
Rhythmus, Timing und räumlicher Organisation. In „The Furious“
wird diese Dimension besonders deutlich. Tanigaki und Actionchoreograf
Kensuke Sonomura inszenieren Kämpfe nicht als chaotische Gewaltakte,
sondern als präzise komponierte Bewegungsabläufe. Jeder
Schlag besitzt eine Funktion innerhalb eines größeren Musters.
Dabei entsteht eine Form visueller Musikalität. Die Kämpfe
entwickeln Tempi, Beschleunigungen und Pausen. Sie folgen einer Dramaturgie,
die weit über die bloße Frage hinausgeht, wer gewinnt und
wer verliert. Besonders eindrucksvoll ist die Fähigkeit des Films,
unterschiedliche Kampfstile miteinander zu kombinieren. Die internationale
Besetzung ermöglicht eine Begegnung verschiedener Traditionen
asiatischer Kampfkunst, die sich zu einer eigenständigen choreografischen
Sprache verbinden.
Ebenso bemerkenswert
ist die Nutzung der Schauplätze. Die Kämpfe finden nicht
in abstrakten Arenen statt, sondern in konkret erfahrbaren Räumen.
Besonders die Auseinandersetzungen in der Eisfabrik gehören zu
den stärksten Sequenzen des Films. Die industrielle Umgebung
wird aktiv in die Choreografie integriert. Räume, Hindernisse,
Maschinen und Architektur beeinflussen die Bewegungen der Figuren
und erzeugen eine zusätzliche Ebene visueller Komplexität.
Hier zeigt sich die hohe Qualität der Kameraarbeit. Die Inszenierung
vermeidet die heute verbreitete Tendenz, Action durch extreme Nahaufnahmen
zu zerstückeln. Stattdessen wechseln weite Einstellungen und
präzise Kamerabewegungen einander ab und bewahren stets die Übersicht
über das Geschehen. Der Zuschauer erlebt nicht einzelne Schläge,
sondern die gesamte Dynamik des Kampfes.
Männlichkeit
zwischen Verletzlichkeit und Entschlossenheit
Interessant ist
auch die Darstellung von Männlichkeit. Obwohl „The Furious“
zahlreiche klassische Motive des Actionkinos verwendet, vermeidet
der Film weitgehend jene toxischen Übersteigerungen, die das
Genre lange geprägt haben. Wei und Navin kämpfen nicht aus
Ruhmsucht oder Machtdemonstration. Ihr Handeln wird durch Verlust,
Fürsorge und familiäre Bindungen motiviert. Die Suche nach
einer Tochter beziehungsweise einer Ehefrau bildet den emotionalen
Kern der Handlung. Gewalt erscheint nicht als Selbstzweck, sondern
als Ausdruck existenzieller Verzweiflung. Dadurch gewinnen die Figuren
eine emotionale Glaubwürdigkeit, die über viele vergleichbare
Genrefilme hinausgeht. Gleichzeitig bleibt bemerkenswert, dass die
weiblichen Figuren primär als narrative Auslöser fungieren.
Sie besitzen innerhalb der eigentlichen Handlung vergleichsweise wenig
Eigenständigkeit. Der Film bewegt sich hier in traditionellen
Genremustern, ohne diese grundlegend zu hinterfragen. Dies stellt
keine gravierende Schwäche dar, markiert jedoch eine Grenze seiner
ansonsten bemerkenswerten Modernität.
Die
Ethik des Realismus
Was „The
Furious“ letztlich von vielen gegenwärtigen Produktionen
unterscheidet, ist seine fast altmodische Wertschätzung körperlicher
Arbeit. Die langen Einstellungen, die sichtbare Anstrengung der Darsteller
und die komplexen Choreografien erzeugen eine besondere Form filmischer
Authentizität. Man spürt förmlich die Monate des Trainings,
die Präzision der Vorbereitung und die Risiken der Umsetzung.
Der Film erinnert damit an eine zentrale Wahrheit des Actionkinos:
Die Faszination entsteht nicht allein durch Gewalt, sondern durch
die Bewunderung menschlicher Fähigkeiten. In jeder gelungenen
Kampfszene liegt ein Moment sportlicher, tänzerischer und performativer
Exzellenz.
Fazit
„The Furious“
ist kein Film, der das Actiongenre neu erfindet. Sein Drehbuch folgt
vertrauten Mustern, seine Figuren bewegen sich innerhalb bekannter
Konstellationen und seine Geschichte überrascht nur selten. Gerade
deshalb wirkt seine handwerkliche Qualität umso beeindruckender.
Kenji Tanigaki konzentriert sich auf das Wesentliche: präzise
Choreografien, starke Darsteller, klare Bildgestaltung und eine kompromisslose
Wertschätzung körperlicher Performance. Das Ergebnis ist
ein Actionfilm, der die große Tradition des asiatischen Martial-Arts-Kinos
würdigt und zugleich zeigt, weshalb diese Tradition bis heute
nichts von ihrer Faszination verloren hat. „The Furious“
ist ein Werk, das weniger durch narrative Innovation als durch seine
filmische Ausführung überzeugt. In seinen besten Momenten
erreicht es jene seltene Form kinetischer Schönheit, bei der
Gewalt zur Choreografie und Bewegung zur Kunst wird.
THE FURIOUS
Start:
18.06.26 | FSK 18
R: Kenji Tanigaki | D: Xie Miao, Joe Taslim, Brian Le
Hong-Kong, China 2025 | capelight pictures