FILME | SERIEN | MUSIK | BÜCHER | PANORAMA | INTERVIEWS


KINO | 17.06.2026

THE FURIOUS
Die Poesie des physischen Kinos

Mit „The Furious“ kehrt das asiatische Martial-Arts-Kino zu einer Tugend zurück, die im digitalen Actionzeitalter selten geworden ist: körperliche Glaubwürdigkeit. Kenji Tanigaki inszeniert Kampfsequenzen von beeindruckender Präzision und erinnert dabei an die große Tradition des Hongkong-Kinos der 1980er und 1990er Jahre. Zwischen Rachegeschichte, Entführungsdrama und Unterweltthriller entfaltet sich ein Film, dessen stärkste Sprache nicht das Wort, sondern die Bewegung ist. Zum Kinostart am 18. Juni präsentiert sich „The Furious“ als ebenso mitreißendes wie handwerklich bemerkenswertes Actionwerk.

von Richard-Heinrich Tarenz


© 2025 EDKO FILMS LIMITED.

Das zeitgenössische Actionkino befindet sich seit Jahren in einem merkwürdigen Spannungsverhältnis zu seinem eigenen Gegenstand. Während digitale Effekte immer spektakulärere Bilder ermöglichen, geht häufig jene physische Glaubwürdigkeit verloren, die einst das Fundament des Genres bildete. Die Körper werden zu Computergrafiken, die Räume zu virtuellen Konstruktionen und die Kämpfe zu mathematischen Animationen. „The Furious“, der am 18. Juni in die Kinos kommt, setzt dieser Entwicklung ein entschieden analoges Gegenmodell entgegen. Regisseur Kenji Tanigaki, der sich als Actiondesigner und Choreograf längst einen herausragenden Ruf innerhalb des asiatischen Genrefilms erarbeitet hat, erinnert daran, dass die eigentliche Kraft des Actionkinos aus der Sichtbarkeit menschlicher Anstrengung entsteht. Der Film ist dabei keineswegs revolutionär. Im Gegenteil: Seine größte Stärke besteht darin, bewährte Formen mit außergewöhnlicher Präzision zu beherrschen.

Die Tradition des Hongkong-Kinos

Bereits die ersten Kampfszenen machen deutlich, in welcher filmhistorischen Tradition sich „The Furious“ verortet. Die Choreografien erinnern an jene Blütezeit des Hongkong-Actionkinos, die in den 1980er- und 1990er-Jahren internationale Maßstäbe setzte. Filme von Regisseuren wie John Woo, Tsui Hark oder die Werke um Jackie Chan zeichneten sich durch eine einzigartige Verbindung aus athletischer Virtuosität, räumlicher Klarheit und choreografischer Präzision aus. Genau an diese Tradition knüpft Tanigaki an. Seine Kämpfe entstehen nicht im Schneideraum, sondern vor der Kamera. Die Bewegungen besitzen Gewicht, Geschwindigkeit und Konsequenz. Jeder Treffer wirkt spürbar, jede Ausweichbewegung verlangt körperliche Kontrolle. In einer Zeit, in der viele Actionfilme ihre Dynamik durch hektische Montage erzeugen, setzt „The Furious“ auf Transparenz. Der Zuschauer erkennt jederzeit die räumlichen Beziehungen zwischen den Figuren und kann die Choreografien als tatsächliche Leistungen wahrnehmen. Diese Klarheit verleiht dem Film eine bemerkenswerte Eleganz.

Der Körper als Erzählinstrument

Im Mittelpunkt stehen Wang Wei und Navin, gespielt von Xie Miao und Joe Taslim. Die Handlung folgt einer vergleichsweise klassischen Struktur. Ein Vater sucht seine entführte Tochter, während ein Journalist dem Verschwinden seiner Ehefrau nachgeht. Die Spuren führen beide Männer zu einem Netzwerk des Menschenhandels und schließlich zu einer Konfrontation mit den Verantwortlichen. Narrativ bewegt sich der Film damit auf vertrautem Terrain. Interessanterweise liegt seine eigentliche Qualität jedoch nicht im Drehbuch, sondern in der Art, wie die Figuren durch Bewegung charakterisiert werden. Besonders die Figur des stummen Wang Wei ist hierfür exemplarisch. Da ihm die verbale Kommunikation weitgehend verwehrt bleibt, wird sein Körper zum zentralen Ausdrucksmittel. Seine Haltung, seine Geschwindigkeit, seine Reaktionen und seine Kampfweise vermitteln Emotionen, die andere Filme über Dialoge transportieren würden. Die Action fungiert hier nicht als Unterbrechung der Handlung, sondern als Fortsetzung der Charakterentwicklung mit anderen Mitteln.

Choreografie als filmische Kunstform

Filmwissenschaftlich betrachtet gehört die Choreografie zu den oft unterschätzten Künsten des Kinos. Wie Tanz, Theater und Musik basiert sie auf Rhythmus, Timing und räumlicher Organisation. In „The Furious“ wird diese Dimension besonders deutlich. Tanigaki und Actionchoreograf Kensuke Sonomura inszenieren Kämpfe nicht als chaotische Gewaltakte, sondern als präzise komponierte Bewegungsabläufe. Jeder Schlag besitzt eine Funktion innerhalb eines größeren Musters. Dabei entsteht eine Form visueller Musikalität. Die Kämpfe entwickeln Tempi, Beschleunigungen und Pausen. Sie folgen einer Dramaturgie, die weit über die bloße Frage hinausgeht, wer gewinnt und wer verliert. Besonders eindrucksvoll ist die Fähigkeit des Films, unterschiedliche Kampfstile miteinander zu kombinieren. Die internationale Besetzung ermöglicht eine Begegnung verschiedener Traditionen asiatischer Kampfkunst, die sich zu einer eigenständigen choreografischen Sprache verbinden.


© 2025 EDKO FILMS LIMITED.

Räume der Gewalt

Ebenso bemerkenswert ist die Nutzung der Schauplätze. Die Kämpfe finden nicht in abstrakten Arenen statt, sondern in konkret erfahrbaren Räumen. Besonders die Auseinandersetzungen in der Eisfabrik gehören zu den stärksten Sequenzen des Films. Die industrielle Umgebung wird aktiv in die Choreografie integriert. Räume, Hindernisse, Maschinen und Architektur beeinflussen die Bewegungen der Figuren und erzeugen eine zusätzliche Ebene visueller Komplexität. Hier zeigt sich die hohe Qualität der Kameraarbeit. Die Inszenierung vermeidet die heute verbreitete Tendenz, Action durch extreme Nahaufnahmen zu zerstückeln. Stattdessen wechseln weite Einstellungen und präzise Kamerabewegungen einander ab und bewahren stets die Übersicht über das Geschehen. Der Zuschauer erlebt nicht einzelne Schläge, sondern die gesamte Dynamik des Kampfes.

Männlichkeit zwischen Verletzlichkeit und Entschlossenheit

Interessant ist auch die Darstellung von Männlichkeit. Obwohl „The Furious“ zahlreiche klassische Motive des Actionkinos verwendet, vermeidet der Film weitgehend jene toxischen Übersteigerungen, die das Genre lange geprägt haben. Wei und Navin kämpfen nicht aus Ruhmsucht oder Machtdemonstration. Ihr Handeln wird durch Verlust, Fürsorge und familiäre Bindungen motiviert. Die Suche nach einer Tochter beziehungsweise einer Ehefrau bildet den emotionalen Kern der Handlung. Gewalt erscheint nicht als Selbstzweck, sondern als Ausdruck existenzieller Verzweiflung. Dadurch gewinnen die Figuren eine emotionale Glaubwürdigkeit, die über viele vergleichbare Genrefilme hinausgeht. Gleichzeitig bleibt bemerkenswert, dass die weiblichen Figuren primär als narrative Auslöser fungieren. Sie besitzen innerhalb der eigentlichen Handlung vergleichsweise wenig Eigenständigkeit. Der Film bewegt sich hier in traditionellen Genremustern, ohne diese grundlegend zu hinterfragen. Dies stellt keine gravierende Schwäche dar, markiert jedoch eine Grenze seiner ansonsten bemerkenswerten Modernität.

Die Ethik des Realismus

Was „The Furious“ letztlich von vielen gegenwärtigen Produktionen unterscheidet, ist seine fast altmodische Wertschätzung körperlicher Arbeit. Die langen Einstellungen, die sichtbare Anstrengung der Darsteller und die komplexen Choreografien erzeugen eine besondere Form filmischer Authentizität. Man spürt förmlich die Monate des Trainings, die Präzision der Vorbereitung und die Risiken der Umsetzung. Der Film erinnert damit an eine zentrale Wahrheit des Actionkinos: Die Faszination entsteht nicht allein durch Gewalt, sondern durch die Bewunderung menschlicher Fähigkeiten. In jeder gelungenen Kampfszene liegt ein Moment sportlicher, tänzerischer und performativer Exzellenz.

Fazit

„The Furious“ ist kein Film, der das Actiongenre neu erfindet. Sein Drehbuch folgt vertrauten Mustern, seine Figuren bewegen sich innerhalb bekannter Konstellationen und seine Geschichte überrascht nur selten. Gerade deshalb wirkt seine handwerkliche Qualität umso beeindruckender. Kenji Tanigaki konzentriert sich auf das Wesentliche: präzise Choreografien, starke Darsteller, klare Bildgestaltung und eine kompromisslose Wertschätzung körperlicher Performance. Das Ergebnis ist ein Actionfilm, der die große Tradition des asiatischen Martial-Arts-Kinos würdigt und zugleich zeigt, weshalb diese Tradition bis heute nichts von ihrer Faszination verloren hat. „The Furious“ ist ein Werk, das weniger durch narrative Innovation als durch seine filmische Ausführung überzeugt. In seinen besten Momenten erreicht es jene seltene Form kinetischer Schönheit, bei der Gewalt zur Choreografie und Bewegung zur Kunst wird.


THE FURIOUS

Start: 18.06.26 | FSK 18
R: Kenji Tanigaki | D: Xie Miao, Joe Taslim, Brian Le
Hong-Kong, China 2025 | capelight pictures


AGB | IMPRESSUM