JACKASS:
EINER GEHT NOCH
Schmerz, Spektakel und Selbstironie
Mit „Jackass
5: Einer geht noch“ kehrt eines der einflussreichsten und zugleich
umstrittensten Medienphänomene der vergangenen 25 Jahre auf die
Kinoleinwand zurück. Die Dokumentation blickt auf eine Gruppe
von Außenseitern, die Anarchie, Schmerz und Selbstironie zu
einer eigenen Kunstform erhoben haben. Was einst als anarchisches
MTV-Experiment begann, entwickelte sich zu einem globalen Kulturereignis,
das Generationen von Zuschauern prägte. Zum Kinostart am 25.
Juni lohnt ein Blick auf ein Franchise, das die Grenzen zwischen Performance,
Komik und Körperkunst neu definierte.
Als
Ende der 1990er Jahre eine Gruppe junger Männer begann, sich
vor laufender Kamera freiwillig in Einkaufswagen zu setzen, von Dächern
zu springen, sich von Stieren attackieren zu lassen oder die Belastungsgrenzen
ihrer Körper auf immer absurdere Weise auszutesten, konnte kaum
jemand ahnen, dass daraus eines der prägendsten Popkulturphänomene
des frühen 21. Jahrhunderts entstehen würde. Mit der Dokumentation
„Jackass 5: Einer geht noch“, die am 25. Juni in die deutschen
Kinos kommt, erhält das bemerkenswerte Kapitel der Unterhaltungsgeschichte
nun ein weiteres filmisches Denkmal. Die Produktion blickt auf ein
Franchise zurück, das über Jahrzehnte hinweg gleichermaßen
Bewunderung, Irritation, moralische Debatten und kulturwissenschaftliches
Interesse hervorrief. Die Geschichte von Jackass ist dabei weit mehr
als die Geschichte spektakulärer Stunts. Sie erzählt auch
von den Veränderungen populärer Medien, vom Wandel von Männlichkeitsbildern,
von der Entstehung viraler Unterhaltung lange vor dem Zeitalter sozialer
Netzwerke und von einer neuen Form körperlicher Performance,
die zwischen Kunst, Komik und Selbstzerstörung oszilliert.
Die
Geburt eines popkulturellen Ausnahmephänomens
Die Ursprünge
von Jackass liegen in einer Medienlandschaft, die heute fast historisch
erscheint. Zu Beginn der 2000er Jahre befand sich das Musikfernsehen
auf dem Höhepunkt seiner kulturellen Bedeutung. Insbesondere
MTV fungierte als Laboratorium neuer Jugendkulturen und ästhetischer
Experimente. In diesem Umfeld entstand eine Sendung, die sich jeder
klassischen Kategorisierung entzog. Jackass verband Skateboard-Kultur,
dokumentarische Elemente, Performancekunst, Slapstick, Reality-TV
und anarchischen Humor zu einem Format, das radikal gegen die Konventionen
des damaligen Fernsehens verstieß. Im Zentrum standen Persönlichkeiten
wie Johnny Knoxville, Bam Margera, Steve-O, Chris Pontius, Preston
Lacy, Jason „Wee Man“ Acuña, Ehren McGhehey und
Ryan Dunn. Anders als klassische Schauspieler verkörperten sie
keine Rollen. Ihre Authentizität wurde zum eigentlichen Markenzeichen
des Formats. Das Publikum sah keine fiktionalen Helden, sondern reale
Menschen, die bereit waren, sich selbst zum Gegenstand der Komik zu
machen.
Die
Körperlichkeit als Spektakel
Jackass gehört
zu den interessantesten Phänomenen seiner Epoche. Das Franchise
operiert mit einer Form der Körperlichkeit, die in der modernen
Unterhaltungsindustrie selten geworden war. Während das klassische
Hollywood-Kino körperliche Risiken zunehmend durch Spezialeffekte
ersetzte, stellte Jackass die physische Realität wieder in den
Mittelpunkt. Jeder Sturz, jeder Zusammenprall und jede Verletzung
war tatsächlich erfolgt. Gerade diese Unmittelbarkeit erzeugte
jene eigentümliche Mischung aus Faszination und Unbehagen, die
das Publikum weltweit anzog. Die Zuschauer wussten, dass sie keinem
Trickfilm der digitalen Ära begegneten, sondern realen Konsequenzen
körperlicher Entscheidungen. In dieser Hinsicht steht Jackass
überraschend nahe an historischen Formen des Spektakels. Man
kann Verbindungen zum Slapstick-Kino eines Buster Keaton oder Harold
Lloyd erkennen, deren Kunst ebenfalls auf realen körperlichen
Risiken beruhte. Ebenso lassen sich Parallelen zu Zirkuskunst, Vaudeville-Theater
oder Performance-Art ziehen. Der entscheidende Unterschied bestand
darin, dass Jackass diese Traditionen durch die Ästhetik der
Skateboard- und Punkkultur neu interpretierte.
Johnny
Knoxville und die Neuerfindung des Antihelden
Keine Figur verkörpert
den Geist des Franchise stärker als Johnny Knoxville. Als Moderator,
Initiator und Gesicht der Reihe entwickelte er eine Form des Antiheldentums,
die sich fundamental von traditionellen Actionstars unterschied. Während
klassische Helden Stärke, Kontrolle und Unverletzbarkeit demonstrieren,
basiert Knoxvilles Persona auf Verletzlichkeit, Scheitern und Selbstironie.
Er gewinnt nicht durch Überlegenheit, sondern durch seine Bereitschaft,
Risiken einzugehen und die eigene Lächerlichkeit offenzulegen.
Gerade hierin liegt eine der kulturell interessantesten Dimensionen
von Jackass. Die Reihe unterläuft traditionelle Vorstellungen
hegemonialer Männlichkeit. Die Beteiligten präsentieren
sich nicht als dominante Alphamänner, sondern als Menschen, die
sich gegenseitig verspotten, scheitern und verletzlich zeigen. Hinter
der oft grobschlächtigen Oberfläche verbirgt sich somit
eine bemerkenswerte Dekonstruktion klassischer männlicher Rollenbilder.
Von Beginn an
war Jackass Gegenstand heftiger Kontroversen. Kritiker warfen dem
Format vor, gefährliches Verhalten zu glorifizieren und insbesondere
junge Zuschauer zu riskanten Nachahmungen zu verleiten. Elternverbände,
Medienaufsichten und Politiker diskutierten wiederholt über Verantwortung
und Grenzen der Unterhaltung. Diese Debatten waren keineswegs unbegründet.
Gleichzeitig übersahen viele Kritiker einen wesentlichen Aspekt:
Jackass funktionierte nicht primär als Anleitung, sondern als
Spektakel der Übertreibung. Die Akteure inszenierten sich bewusst
als Grenzgänger, deren Handlungen gerade deshalb faszinierend
wirkten, weil sie außerhalb gesellschaftlicher Normalität
lagen. Die Spannung zwischen Ablehnung und Faszination wurde zu einem
zentralen Bestandteil des Erfolgs.
Die
Kinofilme und die Expansion des Universums
Mit dem Wechsel
auf die Kinoleinwand begann eine neue Phase des Franchise. Die Filme
erweiterten das Konzept erheblich. Höhere Budgets ermöglichten
aufwendigere Stunts, internationale Drehorte und technisch komplexere
Inszenierungen. Gleichzeitig blieb der Kern unverändert: die
Dynamik einer Gruppe von Freunden, die bereit war, für einen
Lacher nahezu jede Form körperlicher Demütigung in Kauf
zu nehmen. Bemerkenswert ist dabei, dass die Filme trotz ihrer oft
chaotischen Erscheinung eine erstaunlich präzise Dramaturgie
besitzen. Sie funktionieren wie eine Serie sorgfältig komponierter
Attraktionen, deren Wirkung aus Rhythmus, Überraschung und Eskalation
entsteht. In gewisser Weise stehen sie damit in der Tradition früher
Attraktionskinos, wie sie Filmhistoriker Tom Gunning beschrieben hat:
Kino nicht primär als Erzählung, sondern als unmittelbares
Ereignis.
Der
Verlust und das Älterwerden
Zur Geschichte
von Jackass gehört jedoch auch eine melancholische Dimension.
Der Tod von Ryan Dunn im Jahr 2011 markierte einen tiefen Einschnitt
für die Gruppe und ihre Anhängerschaft. Gleichzeitig machte
das fortschreitende Alter der Beteiligten deutlich, dass die Zeit
auch vor den Ikonen des Franchise nicht haltmacht. Spätere Produktionen
entwickelten deshalb eine neue Tonlage. Neben den bekannten Stunts
traten zunehmend Themen wie Freundschaft, Erinnerung und Vergänglichkeit
in den Vordergrund. Die einstigen Rebellen wurden zu Veteranen ihrer
eigenen Kulturgeschichte. Gerade diese Entwicklung verleiht der Dokumentation
„Jackass 5: Einer geht noch“ besondere Relevanz.
Die
popkulturelle Bedeutung von Jackass
Heute lässt
sich der Einfluss von Jackass kaum überschätzen. Die Reihe
prägte Generationen von Internetvideos, Reality-Formaten und
Social-Media-Inhalten. Lange bevor Plattformen wie YouTube, TikTok
oder Instagram existierten, etablierte Jackass eine Ästhetik
spontaner Authentizität, die später zum Standard digitaler
Unterhaltung werden sollte. Zahlreiche Influencer, Content-Creator
und Online-Persönlichkeiten stehen bewusst oder unbewusst in
dieser Tradition. Zugleich demonstrierte Jackass, dass populäre
Kultur nicht zwangsläufig zwischen Hoch- und Massenkultur unterscheiden
muss. Das Franchise wurde gleichermaßen Gegenstand akademischer
Analysen und millionenfach konsumierter Unterhaltung. Kaum ein anderes
Medienphänomen hat die Grenzen zwischen Subkultur und Mainstream
so erfolgreich überschritten.
Eine
Dokumentation als kulturelle Bestandsaufnahme
Auch ohne eine
Vorab-Sichtung lässt sich festhalten, dass „Jackass 5:
Einer geht noch“ zu einem günstigen Zeitpunkt erscheint.
Das Franchise ist inzwischen alt genug geworden, um historisch betrachtet
werden zu können. Die Dokumentation besitzt damit die Chance,
nicht nur Erinnerungen an spektakuläre Stunts wachzurufen, sondern
die kulturelle Bedeutung eines Phänomens sichtbar zu machen,
das die Medienlandschaft nachhaltig verändert hat. Sie erscheint
in einer Phase, in der die ersten Zuschauer der MTV-Serie längst
erwachsen geworden sind und sich die Geschichte von Jackass zunehmend
als Kapitel der Popkulturgeschichte lesen lässt.
Fazit
„Jackass
5: Einer geht noch“ markiert die Rückkehr eines Franchise,
das über Jahrzehnte hinweg die Grenzen zwischen Unterhaltung,
Performance und körperlichem Experiment neu definiert hat. Die
Dokumentation bietet Anlass, auf ein Medienphänomen zurückzublicken,
dessen Einfluss weit über spektakuläre Stunts hinausreicht.
Jackass hat die Ästhetik digitaler Unterhaltung vorweggenommen,
traditionelle Heldenbilder unterlaufen und eine einzigartige Form
körperlicher Komik etabliert. Zum Kinostart am 25. Juni erscheint
die Dokumentation daher nicht nur als nostalgischer Rückblick,
sondern als Gelegenheit, die kulturelle Bedeutung eines der ungewöhnlichsten
und einflussreichsten Franchises der modernen Popgeschichte neu zu
bewerten. Denn hinter allen Explosionen, Stürzen und Schmerzen
stand stets dieselbe Idee: Unterhaltung als radikale Form menschlicher
Selbstinszenierung.
JACKASS: EINER GEHT NOCH
Start:
25.06.26 | FSK 16
R: Jeff Tremaine | D: Johnny Knoxville, Bam Margera, Steve-O
USA 2026 | Paramount Pictures Germany