Es
gibt Horror-Franchises, die erfolgreich sind. Und es gibt Horror-Franchises,
die ein Genre nachhaltig verändern. Die Evil-Dead-Reihe gehört
zweifellos zur zweiten Kategorie. Seit dem Erscheinen des ersten Films
Anfang der 1980er Jahre hat sie Generationen von Filmemachern beeinflusst,
die Bildsprache des Horrorkinos erweitert und eine Popkultur hervorgebracht,
deren Spuren sich bis heute in Filmen, Serien, Videospielen und Internetkulturen
finden lassen. Mit „Evil Dead Burn“, der am 9. Juli in
den deutschen Kinos startet, erhält dieses außergewöhnliche
Universum nun ein weiteres Kapitel. Da keine Pressevorführung
stattgefunden hat, verbietet sich eine seriöse filmkritische
Bewertung des Werkes. Gleichwohl bietet der Kinostart Anlass, die
bemerkenswerte Geschichte eines Franchises zu würdigen, das seit
mehr als vier Jahrzehnten zu den prägendsten Erscheinungen des
internationalen Horrorkinos zählt. Der neue Film unter der Regie
von Sébastien Vanicek erzählt von einer trauernden Frau,
die nach dem Verlust ihres Ehemannes Zuflucht bei ihrer Schwiegerfamilie
sucht, ehe dämonische Mächte das abgelegene Familienanwesen
in einen Ort des Grauens verwandeln. Die bekannten Deadites kehren
zurück und setzen die Tradition des Franchise in neuer Form fort.
Die
Revolution aus der Waldhütte
Die Geschichte
von Evil Dead beginnt dort, wo viele filmische Legenden ihren Ursprung
haben: im unabhängigen Kino. Als der junge Regisseur Sam Raimi
1981 gemeinsam mit Produzent Rob Tapert und Hauptdarsteller Bruce
Campbell „The Evil Dead“ realisierte, entstand der Film
unter denkbar bescheidenen Bedingungen. Doch gerade die finanziellen
Einschränkungen wurden zum Motor kreativer Innovation. Die berühmten
rasenden Kamerafahrten durch den Wald, die subjektive Perspektive
des unsichtbaren Bösen und die exzessive physische Energie der
Inszenierung verliehen dem Film eine Dynamik, die Anfang der 1980er
Jahre nahezu beispiellos war. Während viele Horrorfilme jener
Epoche auf Atmosphäre und Suspense setzten, entwickelte Raimi
eine Form des Horrors, die von Bewegung, kinetischer Kraft und visueller
Entgrenzung geprägt war. Filmhistorisch markierte „The
Evil Dead“ einen entscheidenden Moment: Das Genre wurde wieder
jung, wild und unberechenbar.
Vom
Terror zur grotesken Komödie
Eine der bemerkenswertesten
Leistungen des Franchise besteht in seiner Fähigkeit zur ständigen
Transformation. Mit „Evil Dead II“ gelang Raimi eine ungewöhnliche
Weiterentwicklung. Der Film blieb Horrorfilm, entwickelte zugleich
jedoch eine zunehmend absurde Komik. Körperliche Verstümmelung,
dämonische Besessenheit und groteske Gewalt wurden mit Elementen
des Slapsticks kombiniert. Hier entstand jene einzigartige Mischung
aus Schrecken und Humor, die bis heute das Markenzeichen der Reihe
bildet. Filmwissenschaftlich betrachtet bewegt sich Evil Dead damit
in einer Tradition, die bis zu den grotesken Überzeichnungen
des expressionistischen Kinos und den anarchischen Komödien der
Stummfilmzeit zurückreicht. Die Gewalt wird nicht nur als Bedrohung
inszeniert, sondern zugleich als exzessives Spektakel.
Ash
Williams und die Geburt einer Ikone
Mit der Entwicklung
der Reihe entstand auch eine der bedeutendsten Figuren der modernen
Horrorkultur. Ash Williams, gespielt von Bruce Campbell, begann als
gewöhnlicher Überlebender eines Albtraums. Im Verlauf der
Filme entwickelte er sich jedoch zu einer popkulturellen Ikone. Seine
Kettensäge als Prothese, seine übertriebene Männlichkeit,
seine Selbstüberschätzung und sein trockener Humor machten
ihn zu einer Figur, die klassische Heldenbilder zugleich verkörperte
und parodierte. Ash ist weder makelloser Actionheld noch tragischer
Horrorprotagonist. Er ist eine groteske Mischung aus beidem. Gerade
deshalb wurde er zu einer Identifikationsfigur für mehrere Generationen
von Genrefans.
„Army
of Darkness“ und die Öffnung des Universums
Mit „Army
of Darkness“ entfernte sich die Reihe schließlich weit
vom klassischen Horrorfilm. Der Film verband Fantasy, Abenteuerkino,
Mittelalterparodie und Horror zu einem hybriden Spektakel, das heute
Kultstatus genießt. Damit bewies das Franchise eine bemerkenswerte
Flexibilität. Wo andere Horrorreihen ihre Konzepte wiederholen,
entwickelte sich Evil Dead ständig weiter. Die Filme verstanden
ihre eigene Mythologie nie als Einschränkung, sondern als Einladung
zur Neuerfindung.