Mit „Supergirl“
setzt das neue DC Universe seinen zweiten großen Kinobaustein
– und erlebt zugleich seinen ersten deutlichen Rückschlag.
Zwischen kosmischem Abenteuer, Charakterdrama und Fantasy-Epos verliert
sich der Film in einer erstaunlich freudlosen Inszenierung, die das
Potenzial ihrer Titelfigur kaum ausschöpft. Lediglich einzelne
Figuren und interessante thematische Ansätze lassen erahnen,
welches Werk hier möglich gewesen wäre.
Das
Superheldenkino lebt seit jeher von seinen Symbolen. Kaum eine Figur
verkörpert diese Wahrheit stärker als Superman – und
in seiner unmittelbaren Nachfolge Supergirl. Das berühmte „S“
auf der Brust steht nicht allein für übermenschliche Kräfte,
sondern für Hoffnung, moralische Orientierung und die Idee, dass
Macht stets Verantwortung bedeutet. Gerade deshalb besitzt „Supergirl“
innerhalb des neu gegründeten DC Universe eine besondere Bedeutung.
Nach dem gelungenen Auftakt des neuen filmischen Universums ruhte
auf dem zweiten großen Kinofilm die Erwartung, die erzählerische
und ästhetische Richtung dieses Neustarts weiter zu festigen.
Stattdessen entsteht der Eindruck eines Films, der sich seiner eigenen
Identität nie sicher wird. Zwischen melancholischem Charakterdrama,
Weltraum-Abenteuer, düsterem Fantasyfilm und klassischem Superheldenspektakel
verliert Supergirl zunehmend seine erzählerische Balance. Das
Resultat ist ein Werk, das zwar immer wieder interessante Gedanken
formuliert, ihnen jedoch kaum die filmische Form verleiht, die sie
verdienen würden.
Eine
Heldin ohne erzählerisches Zentrum
Im Mittelpunkt
steht Kara Zor-El, verkörpert von Milly Alcock. Die Grundidee
besitzt durchaus Reiz. Anders als Superman erscheint Kara nicht als
nahezu makellose Heldin. Sie trägt tiefe Traumata mit sich, kämpft
mit Schuldgefühlen und sucht ihren Platz zwischen persönlicher
Verzweiflung und moralischer Verantwortung. Diese psychologische Ausgangslage
eröffnet grundsätzlich interessante Perspektiven. Superheldenfilme
der vergangenen Jahre haben immer wieder gezeigt, dass innere Verletzlichkeit
die eigentliche Quelle dramatischer Spannung sein kann. Figuren wie
Logan, Matt Murdock oder selbst Bruce Wayne gewinnen gerade durch
ihre Widersprüche an Tiefe. Doch „Supergirl“ gelingt
es nur selten, diese Ambivalenz produktiv zu nutzen. Statt psychologische
Komplexität zu entwickeln, dominiert eine monotone Schwere, die
nahezu jede Szene bestimmt. Der Film verwechselt emotionale Ernsthaftigkeit
mit permanenter Trostlosigkeit. Wo Melancholie Differenzierung ermöglichen
könnte, entsteht eine erstaunliche Monotonie.
Das
Problem kryptonischer Allmacht
„Supergirl“
verweist auf ein bekanntes Problem des Superman-Mythos. Figuren nahezu
unbegrenzter Macht entziehen sich häufig klassischer Dramaturgie.
Spannung entsteht im Kino gewöhnlich aus Begrenzung, Verletzlichkeit
und Unsicherheit. Kara dagegen verfügt – zumindest unter
einer gelben Sonne – über nahezu unendliche Fähigkeiten.
Der Film versucht dieses strukturelle Problem durch wechselnde kosmische
Bedingungen und psychologische Belastungen zu lösen. Theoretisch
erscheint dieser Ansatz nachvollziehbar. Praktisch wirkt die Kräfteverteilung
jedoch oftmals beliebig. Nicht selten entsteht der Eindruck, dass
die Fähigkeiten der Protagonistin weniger inneren Regeln folgen
als den jeweiligen Erfordernissen einzelner Szenen. Dadurch verlieren
viele Konflikte ihre emotionale Dringlichkeit. Die Bedrohung bleibt
abstrakt.
Zwischen
Space Opera und düsterem Märchen
Auch tonal bleibt
„Supergirl“ bemerkenswert unentschlossen. Die Reise durch
verschiedene Planetensysteme eröffnet eigentlich faszinierende
Möglichkeiten. Das kosmische Setting könnte das DC-Universum
erheblich erweitern und neue visuelle Räume erschließen.
Stattdessen dominiert eine überraschend eintönige Inszenierung.
Viele Schauplätze bleiben austauschbar, zahlreiche Szenen wirken
wie digital erzeugte Zwischenwelten ohne materielle Präsenz.
Die Science-Fiction-Kulisse entwickelt kaum jene Eigenständigkeit,
welche große Weltraumepen auszeichnet. Gerade im Vergleich zu
modernen Vertretern des Genres fällt auf, wie wenig Sinn für
räumliche Atmosphäre entsteht.
Das
Scheitern der Action
Die größte
Schwäche des Films liegt jedoch in seiner Inszenierung. Action
besitzt im Superheldenkino nicht nur spektakuläre Funktion, sondern
erfüllt stets eine narrative Aufgabe. Gute Action erzählt
Charaktere. „Supergirl“ verfehlt dieses Ziel nahezu vollständig.
Die Kämpfe leiden unter unübersichtlicher Bildgestaltung,
einer häufig zu dunklen Ausleuchtung und einer digitalen Ästhetik,
welche den physischen Eindruck nahezu vollständig auflöst.
Besonders problematisch erscheint dabei die Kameraarbeit. Anstatt
Bewegungen nachvollziehbar zu gestalten, verliert sich die Inszenierung
immer wieder in hektischen Perspektivwechseln und computergenerierten
Räumen, deren physikalische Logik kaum erfahrbar wird. Das Ergebnis
erinnert an die problematischsten Momente früherer DC-Produktionen.
Gewalt besitzt keine Schwere mehr. Bewegung verliert ihre Richtung.
Und selbst spektakuläre Zerstörung bleibt erstaunlich emotionslos.
Gerade hierin unterscheidet sich „Supergirl“ deutlich
vom zuvor erschienenen „Superman“, dessen Action trotz
stilistischer Eigenheiten stets räumlich nachvollziehbar blieb.
Weibliche
Heldenschaft zwischen Eigenständigkeit
und Klischee
Besonders bedauerlich ist, dass der Film das
Potenzial seiner Hauptfigur nur unzureichend ausschöpft. Supergirl
gehört seit Jahrzehnten zu den interessantesten Figuren des DC-Kosmos,
weil sie stets im Schatten eines übermächtigen Vorbildes
existiert. Ihre Geschichten handeln häufig weniger von Stärke
als von Identität. Der Film greift diesen Gedanken zwar auf,
entwickelt ihn jedoch kaum weiter. Kara bleibt erstaunlich passiv
gegenüber ihrer eigenen Geschichte. Häufig reagiert sie
lediglich auf äußere Ereignisse, anstatt ihre Entwicklung
selbst aktiv voranzutreiben. Dabei besitzt Milly Alcock durchaus die
schauspielerische Präsenz, dieser Figur größere Tiefe
zu verleihen. Besonders in den wenigen ruhigen Momenten zeigt sich
eine Verletzlichkeit, die den gesamten Film hätte tragen können.
Gerade deshalb wirkt das verschenkte Potenzial umso deutlicher.
Lobo stiehlt der Heldin
die Schau
Die größte Überraschung des
Films liefert Jason Momoa als Lobo. Sein Auftritt bringt genau jene
Energie in den Film, die zuvor nahezu vollständig fehlte. Lobo
verbindet anarchischen Humor mit physischer Präsenz und einer
selbstironischen Überzeichnung, die erstaunlich gut funktioniert.
Seine Szenen erinnern daran, dass Comicverfilmungen trotz aller Ernsthaftigkeit
auch Vergnügen bereiten dürfen. Ironischerweise entwickelt
ausgerechnet die Nebenfigur mehr Charisma als die eigentliche Protagonistin.
Dies ist weniger ein Verdienst Lobos als vielmehr Ausdruck der unzureichenden
Figurenführung Karas.
Das Symbol der Hoffnung
Zu den wenigen wirklich gelungenen Momenten
zählt die wiederkehrende Reflexion über das berühmte
kryptonische Symbol. Der Film erinnert daran, dass Superhelden weniger
durch ihre Kräfte als durch ihre moralische Funktion definiert
werden. Das „S“ steht nicht für Überlegenheit,
sondern für Hoffnung. Immer dann, wenn „Supergirl“
diese Idee ernst nimmt, gewinnt der Film kurzzeitig jene emotionale
Größe, die seine Geschichte eigentlich besitzen müsste.
Leider bleiben diese Augenblicke selten. Sie erscheinen eher als Fragmente
eines besseren Films.
Was bedeutet „Supergirl“
für das neue DC Universe?
Gerade deshalb besitzt der Film vor allem im
größeren Zusammenhang des DC Universe besondere Bedeutung.
James Gunn hat den Neustart von DC bewusst unter das Leitmotiv emotionaler
Aufrichtigkeit gestellt. Sein „Superman“ zeigte, dass
klassische Superhelden auch im gegenwärtigen Kino funktionieren
können, wenn sie wieder als moralische Figuren verstanden werden.
„Supergirl“ stellt diese Entwicklung nun erstmals infrage.
Der Film beweist, dass ein überzeugendes Gesamtkonzept allein
keine starken Einzelwerke garantiert. Ein Shared Universe lebt letztlich
nicht von langfristigen Plänen, sondern von der Qualität
jedes einzelnen Films. Dennoch wäre es verfrüht, aus diesem
Rückschlag pessimistische Schlüsse zu ziehen. Gerade das
Marvel Cinematic Universe (MCU) zeigte in seinen frühen Jahren,
dass einzelne schwächere Beiträge den Erfolg eines größeren
Projekts nicht zwangsläufig gefährden. Entscheidend wird
sein, ob das DCU seine programmatische Vielfalt bewahrt und zugleich
wieder stärker auf erzählerische Präzision setzt. Positiv
bleibt, dass James Gunn bislang den Mut erkennen lässt, unterschiedlichen
Regisseuren eigene Handschriften zuzugestehen. Diese Offenheit könnte
langfristig gerade gegenüber der oft kritisierten Uniformität
anderer Franchise-Systeme zum entscheidenden Vorteil werden.
Fazit
„Supergirl“ ist der bislang schwächste
Beitrag des neuen DC Universe. Der Film besitzt durchaus interessante
Ideen über Trauma, Verantwortung und moralische Identität.
Auch Milly Alcock überzeugt immer wieder durch ihre intensive
Darstellung einer innerlich zerrissenen Heldin, während Jason
Momoa als Lobo den wenigen wirklich unbeschwerten Glanzpunkt setzt.
Doch eine unentschlossene Dramaturgie, überraschend schwach inszenierte
Actionsequenzen und eine visuelle Gestaltung, die selten über
generische digitale Bilder hinausfindet, verhindern, dass diese Qualitäten
ihr volles Potenzial entfalten. Für das DCU bedeutet „Supergirl“
daher weniger eine Krise als eine Mahnung. Der erfolgreiche Neustart
dieses Universums wird sich nicht allein durch große Pläne
oder ikonische Figuren sichern lassen. Entscheidend bleibt, dass jeder
einzelne Film jene erzählerische Präzision, visuelle Eigenständigkeit
und emotionale Wahrhaftigkeit entwickelt, die Superhelden seit jeher
zu modernen Mythen gemacht haben. „Supergirl“ erinnert
letztlich daran, dass selbst das stärkste Symbol nur dann leuchtet,
wenn die filmische Inszenierung ihm die notwendige Strahlkraft verleiht.
SUPERGIRL
Start:
25.06.26 | FSK 12
R: Craig Gillespie | D: Milly Alcock, Matthias Schoenaerts, Eve
Ridley
USA 2026 | Warner Bros. GmbH