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KINO | 01.07.2026

SUPERGIRL

Mit „Supergirl“ setzt das neue DC Universe seinen zweiten großen Kinobaustein – und erlebt zugleich seinen ersten deutlichen Rückschlag. Zwischen kosmischem Abenteuer, Charakterdrama und Fantasy-Epos verliert sich der Film in einer erstaunlich freudlosen Inszenierung, die das Potenzial ihrer Titelfigur kaum ausschöpft. Lediglich einzelne Figuren und interessante thematische Ansätze lassen erahnen, welches Werk hier möglich gewesen wäre.

von Richard-Heinrich Tarenz


© 2025 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

Das Superheldenkino lebt seit jeher von seinen Symbolen. Kaum eine Figur verkörpert diese Wahrheit stärker als Superman – und in seiner unmittelbaren Nachfolge Supergirl. Das berühmte „S“ auf der Brust steht nicht allein für übermenschliche Kräfte, sondern für Hoffnung, moralische Orientierung und die Idee, dass Macht stets Verantwortung bedeutet. Gerade deshalb besitzt „Supergirl“ innerhalb des neu gegründeten DC Universe eine besondere Bedeutung. Nach dem gelungenen Auftakt des neuen filmischen Universums ruhte auf dem zweiten großen Kinofilm die Erwartung, die erzählerische und ästhetische Richtung dieses Neustarts weiter zu festigen. Stattdessen entsteht der Eindruck eines Films, der sich seiner eigenen Identität nie sicher wird. Zwischen melancholischem Charakterdrama, Weltraum-Abenteuer, düsterem Fantasyfilm und klassischem Superheldenspektakel verliert Supergirl zunehmend seine erzählerische Balance. Das Resultat ist ein Werk, das zwar immer wieder interessante Gedanken formuliert, ihnen jedoch kaum die filmische Form verleiht, die sie verdienen würden.

Eine Heldin ohne erzählerisches Zentrum

Im Mittelpunkt steht Kara Zor-El, verkörpert von Milly Alcock. Die Grundidee besitzt durchaus Reiz. Anders als Superman erscheint Kara nicht als nahezu makellose Heldin. Sie trägt tiefe Traumata mit sich, kämpft mit Schuldgefühlen und sucht ihren Platz zwischen persönlicher Verzweiflung und moralischer Verantwortung. Diese psychologische Ausgangslage eröffnet grundsätzlich interessante Perspektiven. Superheldenfilme der vergangenen Jahre haben immer wieder gezeigt, dass innere Verletzlichkeit die eigentliche Quelle dramatischer Spannung sein kann. Figuren wie Logan, Matt Murdock oder selbst Bruce Wayne gewinnen gerade durch ihre Widersprüche an Tiefe. Doch „Supergirl“ gelingt es nur selten, diese Ambivalenz produktiv zu nutzen. Statt psychologische Komplexität zu entwickeln, dominiert eine monotone Schwere, die nahezu jede Szene bestimmt. Der Film verwechselt emotionale Ernsthaftigkeit mit permanenter Trostlosigkeit. Wo Melancholie Differenzierung ermöglichen könnte, entsteht eine erstaunliche Monotonie.

Das Problem kryptonischer Allmacht

„Supergirl“ verweist auf ein bekanntes Problem des Superman-Mythos. Figuren nahezu unbegrenzter Macht entziehen sich häufig klassischer Dramaturgie. Spannung entsteht im Kino gewöhnlich aus Begrenzung, Verletzlichkeit und Unsicherheit. Kara dagegen verfügt – zumindest unter einer gelben Sonne – über nahezu unendliche Fähigkeiten. Der Film versucht dieses strukturelle Problem durch wechselnde kosmische Bedingungen und psychologische Belastungen zu lösen. Theoretisch erscheint dieser Ansatz nachvollziehbar. Praktisch wirkt die Kräfteverteilung jedoch oftmals beliebig. Nicht selten entsteht der Eindruck, dass die Fähigkeiten der Protagonistin weniger inneren Regeln folgen als den jeweiligen Erfordernissen einzelner Szenen. Dadurch verlieren viele Konflikte ihre emotionale Dringlichkeit. Die Bedrohung bleibt abstrakt.

Zwischen Space Opera und düsterem Märchen

Auch tonal bleibt „Supergirl“ bemerkenswert unentschlossen. Die Reise durch verschiedene Planetensysteme eröffnet eigentlich faszinierende Möglichkeiten. Das kosmische Setting könnte das DC-Universum erheblich erweitern und neue visuelle Räume erschließen. Stattdessen dominiert eine überraschend eintönige Inszenierung. Viele Schauplätze bleiben austauschbar, zahlreiche Szenen wirken wie digital erzeugte Zwischenwelten ohne materielle Präsenz. Die Science-Fiction-Kulisse entwickelt kaum jene Eigenständigkeit, welche große Weltraumepen auszeichnet. Gerade im Vergleich zu modernen Vertretern des Genres fällt auf, wie wenig Sinn für räumliche Atmosphäre entsteht.

Das Scheitern der Action

Die größte Schwäche des Films liegt jedoch in seiner Inszenierung. Action besitzt im Superheldenkino nicht nur spektakuläre Funktion, sondern erfüllt stets eine narrative Aufgabe. Gute Action erzählt Charaktere. „Supergirl“ verfehlt dieses Ziel nahezu vollständig. Die Kämpfe leiden unter unübersichtlicher Bildgestaltung, einer häufig zu dunklen Ausleuchtung und einer digitalen Ästhetik, welche den physischen Eindruck nahezu vollständig auflöst. Besonders problematisch erscheint dabei die Kameraarbeit. Anstatt Bewegungen nachvollziehbar zu gestalten, verliert sich die Inszenierung immer wieder in hektischen Perspektivwechseln und computergenerierten Räumen, deren physikalische Logik kaum erfahrbar wird. Das Ergebnis erinnert an die problematischsten Momente früherer DC-Produktionen. Gewalt besitzt keine Schwere mehr. Bewegung verliert ihre Richtung. Und selbst spektakuläre Zerstörung bleibt erstaunlich emotionslos. Gerade hierin unterscheidet sich „Supergirl“ deutlich vom zuvor erschienenen „Superman“, dessen Action trotz stilistischer Eigenheiten stets räumlich nachvollziehbar blieb.


© 2025 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

Weibliche Heldenschaft zwischen Eigenständigkeit und Klischee

Besonders bedauerlich ist, dass der Film das Potenzial seiner Hauptfigur nur unzureichend ausschöpft. Supergirl gehört seit Jahrzehnten zu den interessantesten Figuren des DC-Kosmos, weil sie stets im Schatten eines übermächtigen Vorbildes existiert. Ihre Geschichten handeln häufig weniger von Stärke als von Identität. Der Film greift diesen Gedanken zwar auf, entwickelt ihn jedoch kaum weiter. Kara bleibt erstaunlich passiv gegenüber ihrer eigenen Geschichte. Häufig reagiert sie lediglich auf äußere Ereignisse, anstatt ihre Entwicklung selbst aktiv voranzutreiben. Dabei besitzt Milly Alcock durchaus die schauspielerische Präsenz, dieser Figur größere Tiefe zu verleihen. Besonders in den wenigen ruhigen Momenten zeigt sich eine Verletzlichkeit, die den gesamten Film hätte tragen können. Gerade deshalb wirkt das verschenkte Potenzial umso deutlicher.

Lobo stiehlt der Heldin die Schau

Die größte Überraschung des Films liefert Jason Momoa als Lobo. Sein Auftritt bringt genau jene Energie in den Film, die zuvor nahezu vollständig fehlte. Lobo verbindet anarchischen Humor mit physischer Präsenz und einer selbstironischen Überzeichnung, die erstaunlich gut funktioniert. Seine Szenen erinnern daran, dass Comicverfilmungen trotz aller Ernsthaftigkeit auch Vergnügen bereiten dürfen. Ironischerweise entwickelt ausgerechnet die Nebenfigur mehr Charisma als die eigentliche Protagonistin. Dies ist weniger ein Verdienst Lobos als vielmehr Ausdruck der unzureichenden Figurenführung Karas.

Das Symbol der Hoffnung

Zu den wenigen wirklich gelungenen Momenten zählt die wiederkehrende Reflexion über das berühmte kryptonische Symbol. Der Film erinnert daran, dass Superhelden weniger durch ihre Kräfte als durch ihre moralische Funktion definiert werden. Das „S“ steht nicht für Überlegenheit, sondern für Hoffnung. Immer dann, wenn „Supergirl“ diese Idee ernst nimmt, gewinnt der Film kurzzeitig jene emotionale Größe, die seine Geschichte eigentlich besitzen müsste. Leider bleiben diese Augenblicke selten. Sie erscheinen eher als Fragmente eines besseren Films.

Was bedeutet „Supergirl“ für das neue DC Universe?

Gerade deshalb besitzt der Film vor allem im größeren Zusammenhang des DC Universe besondere Bedeutung. James Gunn hat den Neustart von DC bewusst unter das Leitmotiv emotionaler Aufrichtigkeit gestellt. Sein „Superman“ zeigte, dass klassische Superhelden auch im gegenwärtigen Kino funktionieren können, wenn sie wieder als moralische Figuren verstanden werden. „Supergirl“ stellt diese Entwicklung nun erstmals infrage. Der Film beweist, dass ein überzeugendes Gesamtkonzept allein keine starken Einzelwerke garantiert. Ein Shared Universe lebt letztlich nicht von langfristigen Plänen, sondern von der Qualität jedes einzelnen Films. Dennoch wäre es verfrüht, aus diesem Rückschlag pessimistische Schlüsse zu ziehen. Gerade das Marvel Cinematic Universe (MCU) zeigte in seinen frühen Jahren, dass einzelne schwächere Beiträge den Erfolg eines größeren Projekts nicht zwangsläufig gefährden. Entscheidend wird sein, ob das DCU seine programmatische Vielfalt bewahrt und zugleich wieder stärker auf erzählerische Präzision setzt. Positiv bleibt, dass James Gunn bislang den Mut erkennen lässt, unterschiedlichen Regisseuren eigene Handschriften zuzugestehen. Diese Offenheit könnte langfristig gerade gegenüber der oft kritisierten Uniformität anderer Franchise-Systeme zum entscheidenden Vorteil werden.

Fazit

„Supergirl“ ist der bislang schwächste Beitrag des neuen DC Universe. Der Film besitzt durchaus interessante Ideen über Trauma, Verantwortung und moralische Identität. Auch Milly Alcock überzeugt immer wieder durch ihre intensive Darstellung einer innerlich zerrissenen Heldin, während Jason Momoa als Lobo den wenigen wirklich unbeschwerten Glanzpunkt setzt. Doch eine unentschlossene Dramaturgie, überraschend schwach inszenierte Actionsequenzen und eine visuelle Gestaltung, die selten über generische digitale Bilder hinausfindet, verhindern, dass diese Qualitäten ihr volles Potenzial entfalten. Für das DCU bedeutet „Supergirl“ daher weniger eine Krise als eine Mahnung. Der erfolgreiche Neustart dieses Universums wird sich nicht allein durch große Pläne oder ikonische Figuren sichern lassen. Entscheidend bleibt, dass jeder einzelne Film jene erzählerische Präzision, visuelle Eigenständigkeit und emotionale Wahrhaftigkeit entwickelt, die Superhelden seit jeher zu modernen Mythen gemacht haben. „Supergirl“ erinnert letztlich daran, dass selbst das stärkste Symbol nur dann leuchtet, wenn die filmische Inszenierung ihm die notwendige Strahlkraft verleiht.


SUPERGIRL

Start: 25.06.26 | FSK 12
R: Craig Gillespie | D: Milly Alcock, Matthias Schoenaerts, Eve Ridley
USA 2026 | Warner Bros. GmbH


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