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KINO | 08.07.2026

Etwas ganz Besonderes
Zwischen Identität und Erinnerung

Zwischen familiären Verwerfungen, ostdeutscher Identität und der Suche nach einem Platz im eigenen Leben entfaltet „Etwas ganz Besonderes“ seine leise Kraft. Eva Trobisch verbindet psychologische Präzision mit einer außergewöhnlich offenen Erzählweise, die den Figuren Raum zum Atmen gibt. Im Zentrum steht die beeindruckende Entdeckung Frida Hornemann, deren nuanciertes Spiel den Film nachhaltig prägt.

von Richard-Heinrich Tarenz


© Adrian Campean / Trimafilm

Zwischen Identität und Erinnerung

Mit „Etwas ganz Besonderes“ gelingt der Regisseurin Eva Trobisch ein Film, der sich jeder einfachen Kategorisierung entzieht. Obwohl der Film mit atmosphärischen Momenten arbeitet, die an psychologischen Horror erinnern, liegt sein eigentliches Grauen nicht im Übernatürlichen, sondern in den kaum sichtbaren Rissen familiärer Beziehungen, in den Verwerfungen zwischen Generationen und in den fortwirkenden Spuren gesellschaftlicher Transformation. Das Bedrohliche entsteht hier nicht durch Schockeffekte, sondern aus der Erkenntnis, dass Erinnerungen, Erwartungen und unausgesprochene Konflikte eine zerstörerische Kraft entwickeln können. Damit reiht sich „Etwas ganz Besonderes“ in jene seltenen deutschen Gegenwartsfilme ein, die psychologische Intimität mit einer präzisen gesellschaftlichen Beobachtung verbinden. Trobisch interessiert sich weniger für spektakuläre Wendungen als für jene Zwischenräume menschlicher Kommunikation, in denen sich Verletzungen, Hoffnungen und Missverständnisse sedimentieren. Gerade diese Konzentration auf das Unspektakuläre macht den Film zu einer außergewöhnlich intensiven Kinoerfahrung.

Die Familie als Mikrokosmos gesellschaftlicher Veränderungen

Der Schauplatz in der thüringischen Residenzstadt Greiz ist dabei weit mehr als eine malerische Kulisse. Die Stadt wird zum historischen Resonanzraum, in dem unterschiedliche Zeit- und Erfahrungsebenen aufeinandertreffen. Drei Generationen leben in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander und tragen die Last ihrer jeweiligen Lebensentwürfe ebenso mit sich wie die Erwartungen an die Zukunft. Der familiäre Konflikt entzündet sich an ökonomischen Unsicherheiten ebenso wie an unterschiedlichen Vorstellungen von Tradition und Fortschritt. Während die ältere Generation um den Fortbestand ihrer Existenz ringt, verkörpert die mittlere Generation den schwierigen Versuch, zwischen Herkunft und Neubeginn zu vermitteln. Die jüngeren Figuren wiederum stehen vor der Aufgabe, ihre Identität überhaupt erst zu entwickeln – ohne stabile Orientierungspunkte. Bemerkenswert ist dabei, wie konsequent der Film auf eindeutige Schuldzuweisungen verzichtet. Jede Figur besitzt nachvollziehbare Motive, jede Perspektive erhält ihr eigenes Gewicht. Gerade dadurch entwickelt sich eine seltene emotionale Komplexität, die den Zuschauer nicht zur schnellen Bewertung, sondern zur geduldigen Beobachtung einlädt.

Multiperspektivisches Erzählen als ästhetisches Prinzip

Bereits in ihren früheren Arbeiten bewies Eva Trobisch ein außerordentliches Gespür für psychologische Feinzeichnung. Mit „Etwas ganz Besonderes“ erweitert sie ihren erzählerischen Ansatz jedoch erheblich. Anstelle einer klassischen Hauptfigur entfaltet sich ein Ensemblefilm, dessen Dramaturgie auf einer fein austarierten Choreografie wechselnder Perspektiven basiert. Diese Struktur erinnert weniger an konventionelle Plotmechanismen als an die Dynamik realer Familienzusammenkünfte. Gespräche beginnen beiläufig, brechen unvermittelt ab und setzen sich an anderer Stelle fort. Konflikte entstehen oft aus scheinbaren Nebensächlichkeiten, während entscheidende emotionale Verschiebungen nahezu lautlos stattfinden. Dadurch entwickelt der Film eine außergewöhnliche Authentizität, die weit über naturalistische Inszenierung hinausgeht. Die Offenheit dieser Erzählweise verlangt Aufmerksamkeit und Geduld, belohnt das Publikum jedoch mit einer seltenen Dichte emotionaler Erfahrungen. Nicht jede Frage wird beantwortet, nicht jeder Konflikt aufgelöst. Gerade diese bewusste Unabgeschlossenheit verleiht dem Film seine nachhaltige Wirkung.

Casting als Spiegel gesellschaftlicher Selbstinszenierung

Eine besonders kluge dramaturgische Entscheidung besteht darin, eine Fernseh-Castingshow zum erzählerischen Katalysator zu machen. Dabei interessiert sich der Film nicht für die Mechanismen medialer Unterhaltung an sich, sondern für die Frage, wie Menschen lernen, sich selbst als erzählbare Figur zu begreifen. Die Bewerbung der jungen Lea wird damit zu weit mehr als einer individuellen Coming-of-Age-Erfahrung. Sie wird zum Symbol für den Versuch, sich unter den Blicken anderer neu zu definieren. Die Kamera der Castingshow fungiert gewissermaßen als gesellschaftlicher Spiegel, vor dem Unsicherheiten sichtbar werden, die zuvor lediglich unterschwellig existierten. Besonders eindrucksvoll verbindet der Film diese individuelle Identitätssuche mit den historischen Erfahrungen Ostdeutschlands nach der deutschen Wiedervereinigung. Die Frage nach der eigenen Position in einer veränderten gesellschaftlichen Ordnung erhält dadurch eine zusätzliche historische Dimension. Persönliche Biografien und kollektive Geschichte verschränken sich zu einem vielschichtigen Geflecht, das der Film mit bemerkenswerter Sensibilität entfaltet.


© Adrian Campean / Trimafilm

Dokumentarische Offenheit und inszenatorische Präzision

Obwohl das Drehbuch sorgfältig konstruiert ist, vermittelt die Inszenierung den Eindruck größtmöglicher Spontaneität. Trobisch arbeitet mit einer bemerkenswert offenen Regieführung, die ihren Darstellerinnen und Darstellern erhebliche Freiräume einräumt. Dadurch entstehen Dialoge und Begegnungen von außergewöhnlicher Natürlichkeit. Die Kamera beobachtet häufig eher, als dass sie kommentiert. Sie begleitet ihre Figuren mit respektvoller Distanz und verzichtet weitgehend auf demonstrative Emotionalisierung. Gerade diese Zurückhaltung verstärkt die Intensität vieler Szenen. Das Publikum wird nicht geführt, sondern eingeladen, selbst Bedeutungen zu entdecken. Diese Arbeitsweise erinnert phasenweise an dokumentarische Verfahren, ohne jemals die formale Kontrolle über das erzählerische Gesamtgefüge zu verlieren. Vielmehr entsteht ein faszinierendes Wechselspiel aus sorgfältiger Komposition und scheinbarer Zufälligkeit.

Frida Hornemann – Der bemerkenswerte Durchbruch einer außergewöhnlichen Schauspielerin

Die größte Entdeckung des Films ist zweifellos Frida Hornemann, die mit ihrer Verkörperung der Lea einen jener seltenen Kinoauftritte liefert, bei denen unmittelbar spürbar wird, dass hier eine neue Schauspielpersönlichkeit ihren Platz gefunden hat. Hornemann gelingt das Kunststück, die Widersprüche des Jugendalters mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit sichtbar zu machen. Ihre Lea schwankt permanent zwischen Unsicherheit und Entschlossenheit, zwischen kindlicher Verletzlichkeit und dem Wunsch nach Eigenständigkeit. Keine dieser Emotionen wirkt behauptet oder kalkuliert; vielmehr entfalten sie sich mit einer organischen Natürlichkeit, die den gesamten Film trägt. Besonders eindrucksvoll ist ihre Fähigkeit, innere Vorgänge nahezu ausschließlich über minimale Veränderungen von Blick, Körperhaltung und Sprachrhythmus zu vermitteln. Wo andere junge Darsteller emotionale Zustände illustrieren würden, entwickelt Hornemann eine stille, beinahe beiläufige Präsenz, die den Zuschauer unweigerlich an ihrer Gedankenwelt teilhaben lässt. Gerade in den Szenen, in denen Lea gezwungen ist, sich selbst vor fremden Menschen zu definieren, offenbart Hornemann eine außergewöhnliche Präzision im Spiel. Die Unsicherheit ihrer Figur wird niemals zur bloßen Schüchternheit reduziert; vielmehr erscheint sie als Ausdruck einer existenziellen Suche nach Identität. Diese psychologische Differenzierung verleiht ihrer Darstellung eine Reife, die weit über ihr Alter hinausweist. Man darf diesen Film daher mit guten Gründen als den künstlerischen Durchbruch Frida Hornemanns bezeichnen. Sie besitzt jene seltene Fähigkeit, Aufmerksamkeit nicht durch demonstrative Virtuosität, sondern durch Authentizität zu erzeugen. Gerade diese Form zurückhaltender Intensität macht sie zu einer der spannendsten jungen Schauspielerinnen des deutschen Gegenwartskinos. Dass Hornemanns Leistung ihre volle Wirkung entfalten kann, liegt auch am hervorragend zusammengestellten Ensemble. Max Riemelt, Florian Lukas, Eva Löbau, Gina Henkel und Thomas Schubert entwickeln gemeinsam ein dichtes Beziehungsgeflecht, in dem jede Figur glaubwürdig erscheint und keine bloße dramaturgische Funktion erfüllt. Bemerkenswert ist insbesondere, wie selbstverständlich professionelle Schauspieler und junge Nachwuchsdarsteller miteinander agieren. Dadurch entsteht eine Ensembleleistung, deren Natürlichkeit den Eindruck vermittelt, man beobachte tatsächliche familiäre Beziehungen und keine inszenierten Konstellationen.

Ein bedeutender Beitrag zum deutschen Gegenwartskino

„Etwas ganz Besonderes“ ist ein Film, der sich der schnellen Konsumierbarkeit bewusst verweigert. Statt auf eindeutige Antworten setzt Eva Trobisch auf Ambivalenz, auf Zwischentöne und auf das Vertrauen in die Aufmerksamkeit ihres Publikums. Gerade darin liegt seine außergewöhnliche Qualität. Filmwissenschaftlich betrachtet verbindet das Werk Elemente des Ensemblefilms, des Familiendramas und des psychologischen Spannungskinos zu einer eigenständigen Form, die sich traditionellen Genregrenzen entzieht. Die Fragen nach Identität, Erinnerung, gesellschaftlichem Wandel und familiärer Zugehörigkeit werden dabei weder didaktisch noch symbolisch überhöht, sondern aus den Figuren selbst entwickelt. Mit seiner präzisen Beobachtungsgabe, seiner beeindruckenden Ensembleleistung und nicht zuletzt dem herausragenden Debüt von Frida Hornemann gehört „Etwas ganz Besonderes“ zu den bemerkenswertesten deutschen Kinostarts der jüngeren Zeit. Eva Trobisch beweist erneut, dass großes Kino nicht von spektakulären Effekten lebt, sondern von der Fähigkeit, das Unsichtbare sichtbar zu machen – jene leisen Verschiebungen menschlicher Beziehungen, aus denen sich die tiefsten Erschütterungen ergeben. Hier feiert nicht nur ein außergewöhnlicher Film Premiere, sondern auch eine Schauspielerin, deren Name man sich für die Zukunft des deutschen Kinos unbedingt merken sollte.


ETWAS GANZ BESONDERES

Start: 09.07.26 | FSK 12
R: Eva Trobisch | D: Frida Hornemann, Max Riemelt, Eva Löbau
Deutschland 2026 | Pandora Filmverleih


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