Mit
„Was haben wir gelacht“ gelingt den Regisseurinnen Eva
Müller und Isabel Schneider weit mehr als eine historische Bestandsaufnahme
weiblicher Unterhaltungs-kultur. Ihr Dokumentarfilm entwickelt sich
vielmehr zu einer ebenso präzisen wie vielschichtigen Analyse
der bundesdeutschen Mediengeschichte, in deren Zentrum die Frage steht,
wer überhaupt das Recht besitzt, öffentlich zu sprechen,
zu provozieren und – vielleicht am wichtigsten – über
wen gelacht wird. Die Dokumentation versteht Humor nicht als harmloses
Freizeitvergnügen, sondern als gesellschaftliche Praxis. Lachen
erscheint hier als kultureller Code, der Macht verteilt, Hierarchien
stabilisiert oder eben auch unterläuft. Gerade aus dieser Perspektive
entfaltet der Film seine außerordentliche Relevanz. Er erzählt
nicht lediglich die Geschichte erfolgreicher Komödiantinnen,
sondern rekonstruiert die Bedingungen, unter denen Frauen den traditionell
männlich dominierten Raum der Fernsehunterhaltung überhaupt
erst betreten konnten.
Humor
als patriarchale Ordnung
Die feministische
Filmtheorie hat seit den Arbeiten von Denkerinnen wie Laura Mulvey
immer wieder darauf hingewiesen, dass audiovisuelle Medien keineswegs
neutrale Abbilder gesellschaftlicher Wirklichkeit darstellen. Vielmehr
reproduzieren sie kulturelle Blickordnungen, Geschlechterrollen und
Macht-verhältnisse. „Was haben wir gelacht“ überträgt
dies Erkenntnis auf die Geschichte der deutschen Fernsehunterhaltung.
Die klassische Samstag-abendshow erscheint nicht länger als nostalgischer
Ort gemeinschaftlicher Unterhaltung, sondern als Bühne einer
klar definierten Geschlechterordnung. Männer moderierten, kommentierten
und bestimmten die Regeln des Humors; Frauen erschienen vielfach als
dekorative Ergänzung oder als Zielscheibe komischer Mechanismen.
Gerade darin liegt die eigentliche analytische Stärke des Films.
Er verzichtet auf moralische Vereinfachungen und rekonstruiert stattdessen
jene kulturellen Strukturen, innerhalb derer Sexismus über Jahrzehnte
als Selbstverständlichkeit funktionierte. Humor wurde häufig
genutzt, um gesellschaftliche Dominanzverhältnisse zu normalisieren.
Wer sich ihnen widersetzte, riskierte, selbst zum Gegenstand des Gelächters
zu werden.
Die
Aneignung des komischen Raumes
Vor diesem Hintergrund
erhalten die Karrieren von Hella von Sinnen, Maren Kroymann, Esther
Schweins, Gaby Köster und Bettina Böttinger eine weit größere
Bedeutung als bloße Erfolgsgeschichten einzelner Künstlerinnen.
Die Dokumentation zeigt eindrucksvoll, wie unterschiedlich diese Frauen
auf vergleichbare strukturelle Herausforderungen reagierten. Jede
entwickelte ihre eigene Form komischer Selbst-behauptung. Mal geschah
dies über radikale Direktheit, mal über satirische Präzision,
mal über bewusst volkstümliche Figuren oder subtile Ironie.
Gemeinsam war ihnen jedoch der Umstand, dass sie einen öffentlichen
Raum betraten, der lange Zeit nahezu ausschließlich von männlichen
Stimmen geprägt worden war. Filmwissenschaftlich betrachtet handelt
es sich dabei um einen Prozess kultureller Raumaneignung. Die Bühne
wird nicht lediglich betreten; sie wird verändert. Weibliche
Komik entwickelt eigene Perspektiven auf Körper, Sprache, Sexualität
und gesellschaftliche Rollenbilder und erweitert dadurch das ästhetische
Spektrum deutscher Fernsehunterhaltung grundlegend.
Die
Montage als demokratischer Dialog
Eine besondere
Qualität des Films liegt in seiner formalen Gestaltung. Eva Müller
und Isabel Schneider verzichten bewusst auf einen autoritär erklärenden
Dokumentarstil. Stattdessen entwickeln sie durch Montage einen vielstimmigen
Dialog zwischen den Protagonistinnen. Die Gespräche entstehen
weniger durch direkte Begegnungen als durch klug arrangierte Bildfolgen,
Archivmaterial und ineinandergreifende Erinnerungen. Aussagen kommentieren
einander, widersprechen sich gelegentlich oder vertiefen frühere
Gedanken. Dadurch entsteht eine filmische Struktur, die selbst feministische
Prinzipien verkörpert: Hier dominiert keine einzelne Stimme;
vielmehr entwickelt sich Erkenntnis aus Vielstimmigkeit. Dieses Verfahren
erinnert an dokumentarische Ansätze des essayistischen Kinos,
bei denen Montage nicht lediglich Informationen ordnet, sondern eigenständiges
Denken hervorbringt. Die Regisseurinnen vertrauen darauf, dass Bedeutung
aus der Beziehung der Bilder entsteht – eine Entscheidung, die
den Film intellektuell außerordentlich reizvoll macht.
Fernsehen
als Spiegel gesellschaftlicher Macht
Besonders eindrucksvoll
arbeitet die Dokumentation heraus, wie eng Fernsehgeschichte und gesellschaftliche
Geschlechterordnung miteinander verbunden waren. Die großen
Unterhaltungsshows der Bundesrepublik erscheinen im Rückblick
nicht nur als populäre Fernsehformate, sondern als kulturelle
Institutionen, in denen Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit
öffentlich verhandelt wurden. Charmant gemeinte Grenzüberschreitungen,
körperliche Übergriffigkeiten oder scheinbar harmlose Herrenwitze
werden dabei nicht nachträglich skandalisiert, sondern historisch
eingeordnet. Gerade diese Differenzierung gehört zu den größten
Qualitäten des Films. Er verzichtet auf vereinfachende Gegenwartsurteile
und rekonstruiert stattdessen die kulturellen Bedingungen, unter denen
bestimmte Verhaltensweisen jahrzehntelang gesellschaftliche Akzeptanz
fanden. Dadurch wird sichtbar, wie sehr sich öffentliche Wahrnehmungen
inzwischen verändert haben.