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KINO | 05.08.2026

Ice Cream Man
Wenn Transgression zur bloßen Routine wird

Mit „Ice Cream Man“ kehrt Eli Roth zu jenem exzessiven Horrorkino zurück, das seine Karriere geprägt hat, verfehlt jedoch überraschend deutlich jene Balance zwischen Provokation, Satire und erzählerischer Kohärenz, die seine stärksten Arbeiten auszeichnete. Der Film setzt nahezu kompromisslos auf Schockbilder und groteske Gewaltchoreografien, ohne diesen eine tragfähige dramaturgische oder metaphorische Struktur gegenüberzustellen. Zwischen nostalgischer Vorstadtästhetik, Splatter-Exzess und schwarzer Komödie verliert.

von Richard-Heinrich Tarenz


© The Horror Section (c) STUDIOCANAL SAS (c) 2026

Kaum ein gegenwärtiger US-amerikanischer Genreregisseur ist so eng mit der Idee des filmischen Tabubruchs verbunden wie Eli Roth. Seit den frühen 2000er-Jahren kultiviert sein Werk eine Ästhetik der Provokation, deren Ziel nie allein die graphische Darstellung von Gewalt war, sondern vielmehr die Infragestellung gesellschaftlicher Komfortzonen. In seinen gelungensten Arbeiten verband Roth drastische Körperlichkeit mit satirischen oder kulturkritischen Subtexten. Filme wie „Hostel“ oder „Thanksgiving“ nutzten den Horror nicht ausschließlich als Vehikel des Schocks, sondern als Spiegel gesellschaftlicher Ängste, ökonomischer Machtverhältnisse oder konsumkultureller Obsessionen. Mit „Ice Cream Man“, der am 6. August in den deutschen Kinos startet, versucht Roth erneut, vertraute amerikanische Ikonografie in ihr Gegenteil zu verkehren. Der freundlich lächelnde Eisverkäufer, Sinnbild unbeschwerter Kindheitserinnerungen und suburbaner Idylle, verwandelt sich in den Auslöser eines blutigen Albtraums, in dessen Verlauf Kinder zu willenlosen Mordinstrumenten werden. Die Grundidee besitzt zweifellos erhebliches satirisches Potenzial, doch bleibt der Film über weite Strecken hinter den Möglichkeiten seiner Prämisse zurück.

Die Verkehrung amerikanischer Vorstadtmythen

Der Schauplatz einer scheinbar perfekten Kleinstadt gehört seit Jahrzehnten zu den produktivsten Topoi des amerikanischen Horrorkinos. Bereits Werke wie „Halloween“, „Blue Velvet“ oder „It“ entwickelten ihren Schrecken aus dem Kontrast zwischen bürgerlicher Normalität und verborgener Gewalt. „Ice Cream Man“ reiht sich bewusst in diese Tradition ein, indem er Baseballplätze, gepflegte Vorgärten und sommerliche Nachbarschaften als Kulisse eines eskalierenden Massakers nutzt. Die zentrale Idee, dass ausgerechnet Kinder nach dem Verzehr dämonischen Speiseeises zu brutalen Tätern werden, besitzt auf den ersten Blick eine subversive Qualität. Die Unschuld der Kindheit wird dekonstruiert, familiäre Schutzräume kollabieren innerhalb weniger Minuten, und das vertraute Bild amerikanischer Vorstadtidylle verwandelt sich in eine groteske Splatterlandschaft. Filmwissenschaftlich betrachtet handelt es sich hierbei um eine klassische Strategie des Horrorgenres: Das Alltägliche wird verfremdet, vertraute Symbole werden in Träger existenzieller Bedrohung transformiert. Gerade deshalb wäre eine tiefere Reflexion über Manipulierbarkeit, Generationenkonflikte oder gesellschaftliche Verdrängungsmechanismen denkbar gewesen. Doch der Film interessiert sich nur am Rande für diese Möglichkeiten.

Der Schock als Selbstzweck

Statt seine Ausgangsidee erzählerisch oder metaphorisch weiterzuentwickeln, konzentriert sich Ice Cream Man nahezu ausschließlich auf die Aneinanderreihung immer drastischerer Gewaltszenen. Mordwerkzeuge wechseln im Minutentakt, Körper werden zerstückelt, enthauptet oder auf andere Weise deformiert, während die Inszenierung jede neue Eskalation als Steigerung der vorherigen versteht. Dabei wird deutlich, dass Roth erneut auf praktische Spezialeffekte setzt, deren handwerkliche Qualität durchaus Anerkennung verdient. Zahlreiche Effekte besitzen eine physische Materialität, die digitalen Produktionen häufig fehlt und dem Splatterfilm traditionell eine besondere Körperlichkeit verleiht. Gleichwohl entsteht der Eindruck, dass die technische Virtuosität zum eigentlichen Selbstzweck geworden ist. Die Effekte dienen kaum der Dramaturgie oder Figurenentwicklung, sondern präsentieren sich als Attraktionen einer makabren Jahrmarktschau, deren Reiz mit zunehmender Laufzeit merklich nachlässt. Hier offenbart sich ein grundlegendes Problem des Films: Seine Gewalt besitzt kaum rhythmische Variation. Wo überzeugende Horrorfilme Spannungsbögen entwickeln und zwischen Andeutung, Erwartung und Eskalation differenzieren, präsentiert „Ice Cream Man“ nahezu permanent maximale Übersteigerung. Gerade dadurch verliert das Gezeigte paradoxerweise an Wirkung. Permanenter Exzess erzeugt keine Intensität mehr, sondern Gewöhnung.

Zwischen Splatter-Hommage und Selbstkopie

Offenkundig versteht sich „Ice Cream Man“ als Liebeserklärung an das Exploitation-Kino der siebziger und achtziger Jahre. Zahlreiche Motive erinnern an frühe Splatterklassiker, an Kinderhorrorfilme, dämonische Kleinstadterzählungen und moderne Extremwerke gleichermaßen. Diese intertextuelle Offenheit könnte durchaus produktiv sein, doch bleibt sie weitgehend auf bloße Zitatästhetik beschränkt. Immer wieder evoziert der Film Assoziationen zu ikonischen Werken des Genres, ohne deren erzählerische oder ästhetische Qualität zu erreichen. Die stumme Erscheinung des titelgebenden Antagonisten verweist ebenso auf gegenwärtige Horrorikonen wie die Grundkonstellation manipulierter Kinder an klassische Genrevorbilder erinnert. Doch anstatt diese Traditionen eigenständig weiterzuentwickeln, reproduziert Roth bekannte Versatzstücke in auffallend schematischer Form. Gerade hierin unterscheidet sich „Ice Cream Man“ von den überzeugenderen Vertretern des modernen Splatterfilms. Wo etwa zeitgenössische Extremhorrorfilme aus ihren Gewaltexzessen eine beinahe opernhafte Choreografie entwickeln oder groteske Bildwelten mit einer unverwechselbaren ikonografischen Handschrift verbinden, wirkt Roths Inszenierung erstaunlich funktional und überraschend einfallslos.


© The Horror Section (c) STUDIOCANAL SAS (c) 2026

Die Krise der Satire

Besonders problematisch erscheint die Haltung des Films gegenüber seinem eigenen Material. Über weite Strecken vermittelt „Ice Cream Man“ den Eindruck, seine eigene Absurdität permanent kommentieren zu wollen. Jede Übertreibung scheint bereits ironisch gebrochen, jede Eskalation versteht sich als augenzwinkernde Selbstparodie. Filmtheoretisch entsteht daraus eine eigentümliche Form postmoderner Distanzierung. Der Film verweigert jede emotionale Ernsthaftigkeit und immunisiert sich gegen Kritik, indem er seine eigene Lächerlichkeit fortwährend mitinszeniert. Gerade dadurch verliert jedoch der Horror seine eigentliche Wirkung. Schrecken entsteht nur dort, wo das Gezeigte zumindest temporär ernst genommen wird. Wer jede Szene bereits als ironischen Kommentar präsentiert, verhindert notwendigerweise jene emotionale Beteiligung, auf der das Genre beruht. Auch die Hintergrundgeschichte des titelgebenden Antagonisten illustriert dieses Problem exemplarisch. Anstatt dem Eisverkäufer eine psychologisch oder mythologisch nachvollziehbare Dimension zu verleihen, entwickelt der Film eine zunehmend groteske Herkunftserzählung, deren Absurdität jede Form narrativer Glaubwürdigkeit unterminiert. Selbst innerhalb der Logik des Horrorkinos wirkt diese Konstruktion übermäßig bemüht und dramaturgisch wenig überzeugend.

Kinder als Monster – Ein verstörendes Motiv ohne Konsequenz

Die wohl provokanteste Idee des Films besteht in der Transformation gewöhnlicher Schulkinder zu sadistischen Tätern. Dieses Motiv besitzt grundsätzlich erhebliches verstörungspotenzial, weil es kulturelle Vorstellungen von Unschuld und Schutzbedürftigkeit radikal infrage stellt. Doch auch hier bleibt Roth an der Oberfläche. Die Kinder erscheinen nach ihrer Verwandlung kaum noch als Figuren mit eigener Psychologie, sondern fungieren lediglich als gesichtslose Horde aggressiver Angreifer. Ihre Handlungen entwickeln weder individuelle Motivation noch emotionale Komplexität. Dadurch verlieren sie rasch ihren anfänglichen Schrecken und werden zu bloßen Funktionsträgern der nächsten Splattersequenz. Gerade hierin verschenkt der Film eine seiner interessantesten erzählerischen Möglichkeiten. Statt die moralische Irritation des Publikums auszunutzen oder die familiären Konsequenzen dieser Gewalt näher zu untersuchen, reduziert „Ice Cream Man“ seine jungen Figuren auf stereotype Horrormonster.

Inszenatorische Routine statt filmischer Innovation

Auch formal bleibt der Film hinter seinen Möglichkeiten zurück. Die Bildgestaltung orientiert sich an einer überhellen, beinahe künstlichen Vorstadtästhetik, deren Kontrast zur expliziten Gewalt durchaus reizvoll sein könnte. Allerdings entwickelt Roth aus diesem Gegensatz kaum eigenständige visuelle Spannung. Die Kamera bleibt funktional, die Montage konzentriert sich nahezu ausschließlich auf die Präsentation der Gewaltszenen, während atmosphärischer Suspense weitgehend ausbleibt. Dabei zeigt sich ein bemerkenswerter Widerspruch: Obwohl Ice Cream Man permanent auf Überwältigung setzt, entfaltet die Inszenierung überraschend wenig filmische Energie. Die Gewalt ist sichtbar, aber selten wirklich schockierend; die Provokation ist laut, aber selten nachhaltig.

FAZIT: Viel Lärm, wenig Verstörung

„Ice Cream Man“ besitzt ohne Zweifel handwerkliche Qualitäten. Die praktischen Spezialeffekte überzeugen, einzelne groteske Bildideen demonstrieren Eli Roths ungebrochene Lust am exzessiven Genrekino, und die Grundprämisse einer dämonischen Verkehrung amerikanischer Kindheitsnostalgie hätte durchaus das Potenzial für eine ebenso bissige wie verstörende Horrorsatire besessen. Gerade weil diese Voraussetzungen vorhanden sind, fällt das Ergebnis umso ernüchternder aus. Die dramaturgische Eindimensionalität, die permanente Selbstironie und die nahezu ausschließliche Konzentration auf immer neue Splattereffekte verhindern, dass sich aus den zahlreichen Einzelideen ein kohärenter Horrorfilm entwickelt. Statt Spannung, Atmosphäre oder psychologischer Verunsicherung dominiert eine mechanische Abfolge makabrer Attraktionen, deren Schockwert sich erstaunlich schnell erschöpft. So bleibt „Ice Cream Man“ letztlich ein Film, der Grenzüberschreitung mit Lautstärke verwechselt und Provokation häufig lediglich behauptet, anstatt sie tatsächlich filmisch einzulösen. Für Liebhaber kompromisslosen Splatterkinos mag das Werk aufgrund seiner handgemachten Effekte und seiner hemmungslosen Exzesse durchaus einen gewissen Reiz besitzen.


ICE CREAM MAN

Start: 06.08.26 | FSK 18
R: Eli Roth | D: Ari Millen, Benjamin Byron Davis, Karen Cliche
Kanada 2026 | StudioCanal Deutschland


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