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KINO | 05.08.2026

NIGHTBORN
Zwischen Folklore und Horror

Mit „Nightborn“ legt Hanna Bergholm einen atmosphärisch dichten Horrorfilm vor, der seine stärksten Momente aus der suggestiven Kraft finnischer Folklore und einer eindrucksvollen visuellen Gestaltung bezieht. Doch trotz bemerkenswerter Einzelqualitäten gelingt es dem Werk nur bedingt, seine zahlreichen metaphorischen und psychologischen Ebenen zu einem geschlossenen Ganzen zu verbinden. Zwischen Body Horror, Familiendrama und Märchenmythologie verliert sich die Erzählung wiederholt in dramaturgischen Wiederholungen und erzählerischer Unentschlossenheit.

von Richard-Heinrich Tarenz


© Pietari Peltola Alamode Film

Mit ihrem Langfilmdebüt „Hatching“ etablierte sich die finnische Regisseurin Hanna Bergholm innerhalb kürzester Zeit als eine der interessantesten Stimmen des gegenwärtigen europäischen Horrorfilms. Das Werk verband psychologischen Terror, praktische Spezialeffekte und eine außergewöhnlich präzise Allegorie familiärer Erwartungshaltungen zu einer ebenso verstörenden wie emotional eindringlichen Filmerfahrung und setzte damit einen bemerkenswert hohen ästhetischen Maßstab. Entsprechend groß sind die Erwartungen an ihren zweiten Spielfilm „Nightborn“, der zahlreiche formale und motivische Konstanten seiner Vorgängerarbeit übernimmt, ohne jedoch deren erzählerische Geschlossenheit oder metaphorische Präzision vollständig zu erreichen. Dabei wird rasch deutlich, dass Bergholm ihrem bevorzugten filmischen Kosmos treu bleibt. Erneut interessiert sie sich weniger für konventionelle Schockeffekte als für jene schleichenden Prozesse psychischer Destabilisierung, die sich aus familiären Beziehungen, verdrängter Vergangenheit und mythischen Vorstellungswelten speisen. „Nightborn“ ist deshalb weniger klassischer Monsterfilm als psychologisches Horrordrama, dessen eigentliche Bedrohung aus der Ungewissheit über die Grenzen zwischen Realität, Trauma und Mythologie erwächst.

Mutterschaft als Horror-Narrativ

Im Zentrum der Handlung steht Saga, die gemeinsam mit ihrem Ehemann Jon in ihr abgelegenes Elternhaus in den finnischen Wäldern zurückkehrt, um dort ein neues Leben zu beginnen. Nach der Geburt ihres Kindes mehren sich jedoch Ereignisse, die zunehmend den Eindruck entstehen lassen, dass das Neugeborene keiner gewöhnlichen biologischen Ordnung unterliegt. Parallel dazu treten verdrängte Familiengeheimnisse zutage, welche die Geschichte immer stärker mit den mythischen Traditionen der nordischen Folklore verbinden. Filmwissenschaftlich betrachtet greift „Nightborn“ damit ein Motiv auf, das innerhalb des Horrorgenres seit Jahrzehnten präsent ist: die Transformation der Mutterschaft in einen Raum existenzieller Verunsicherung. Bereits Werke wie „Rosemaries Baby“, „Der Babadook „ oder „Relic - Dunkles Vermächtnis“ verbanden familiäre Erfahrungen mit psychischen beziehungsweise übernatürlichen Bedrohungen. Bergholm erweitert diese Tradition um eine spezifisch finnische Perspektive, indem sie Mutterschaft nicht ausschließlich als psychologische Erfahrung interpretiert, sondern zugleich in ein kulturelles Gedächtnis archaischer Naturmythen einschreibt.

Die Ästhetik des Unsichtbaren

Zu den überzeugendsten Qualitäten des Films gehört zweifellos seine visuelle und akustische Inszenierung. Bergholm versteht es ausgezeichnet, Schrecken nicht durch permanente Sichtbarkeit entstehen zu lassen, sondern durch gezielte Verweigerung. Das rätselhafte Wesen bleibt über weite Strecken fragmentarisch erfahrbar; einzelne Körperpartien, undeutliche Silhouetten sowie verstörende Lautäußerungen ersetzen eindeutige Offenbarung. Gerade diese Reduktion steigert die Suggestivkraft erheblich, weil sie die Imagination des Publikums aktiviert und den Horror im Unsichtbaren verankert. Besonders hervorzuheben ist dabei der Einsatz praktischer Spezialeffekte. In einer Zeit, in der computergenerierte Kreaturen vielfach jede materielle Präsenz verlieren, entwickelt „Nightborn“ durch Puppentechnik und physische Effekte eine bemerkenswerte haptische Qualität. Das Wesen besitzt Gewicht, Körperlichkeit und Textur; seine Existenz wirkt greifbar und dadurch wesentlich beunruhigender als viele digitale Monstergestalten des gegenwärtigen Genrefilms. Bergholm demonstriert damit erneut ein feines Gespür für die materialästhetischen Möglichkeiten des Horrorkinos. Auch die Tonspur übernimmt eine zentrale dramaturgische Funktion. Unnatürliche Schreie, tierhafte Laute und kaum lokalisierbare Geräusche aus dem Wald erzeugen eine permanente Atmosphäre latenter Bedrohung. Der Horror entsteht weniger aus dem Sichtbaren als aus der Erwartung des Kommenden, wodurch der Film an klassische Suspense-Strategien anknüpft und seine stärksten Momente gerade dann erreicht, wenn er Zurückhaltung übt.

Finnische Mythologie als kultureller Resonanzraum

Die Einbindung finnischer Volksüberlieferungen gehört zweifellos zu den originellsten Aspekten von „Nightborn“. Anstatt universelle Horrorkonventionen lediglich zu reproduzieren, verankert Bergholm ihre Erzählung in regionalen Legenden über Waldwesen, Trolle und dunkle Naturmächte. Der finnische Wald erscheint dabei nicht bloß als Schauplatz, sondern als eigenständiger kultureller Raum, dessen jahrhundertealte Mythen weiterhin auf die Gegenwart einwirken. Diese mythologische Dimension verleiht dem Film eine atmosphärische Eigenständigkeit, die ihn von zahlreichen internationalen Horrorproduktionen unterscheidet. Natur wird nicht romantisiert, sondern als ambivalente Sphäre dargestellt, in der menschliche Zivilisation und archaische Kräfte miteinander kollidieren. Gerade die Verbindung von Familiengeschichte und folkloristischem Erbe eröffnet interessante kulturwissenschaftliche Perspektiven, welche das Genre um eine ethnografische Komponente bereichern.


© Pietari Peltola Alamode Film

Zwischen Allegorie und Dramaturgie

Gerade dort jedoch, wo „Nightborn“ seine größten Ambitionen entfaltet, treten zugleich seine deutlichsten Schwächen hervor. Der Film entwickelt mehrere thematische Ebenen nebeneinander: transgenerationale Traumata, Mutterschaft, postpartale psychische Belastungen, familiäre Schuld sowie mythologische Determination. Jede dieser Ideen besitzt für sich genommen beträchtliches erzählerisches Potenzial, doch gelingt ihre Integration nur eingeschränkt. Im Gegensatz zu „Hatching“, dessen metaphorische Konstruktion außerordentlich geschlossen wirkte und sämtliche erzählerischen Elemente aufeinander bezog, erscheinen die Symbolsysteme von „Nightborn“ oftmals additiv statt organisch miteinander verbunden. Die psychologischen Deutungsebenen und die folkloristischen Motive existieren über weite Strecken parallel, ohne sich vollständig gegenseitig zu durchdringen. Dadurch entsteht der Eindruck, dass der Film zahlreiche interessante Fragen aufwirft, deren Beantwortung jedoch häufig angedeutet bleibt. Hinzu kommen dramaturgische Probleme, die insbesondere im Mittelteil deutlich spürbar werden. Mehrere Sequenzen variieren ähnliche Konfliktkonstellationen, ohne die Handlung substantiell voranzutreiben. Wiederholte Momente der Verunsicherung erzeugen zwar Atmosphäre, verlieren jedoch mit zunehmender Laufzeit an Intensität. Eine konsequentere Verdichtung des Drehbuchs hätte dem Film zweifellos größere narrative Stringenz verliehen und seine psychologische Spannung nachhaltig gesteigert.

Darstellerische Qualität und inszenatorische Souveränität

Ungeachtet dieser strukturellen Defizite überzeugt „Nightborn“ durch seine schauspielerischen Leistungen. Seidi Haarla trägt den Film mit bemerkenswerter Intensität und gestaltet Saga als vielschichtige Figur zwischen Fürsorge, Angst, Erschöpfung und wachsender Entschlossenheit. Gerade weil ihre Darstellung auf übertriebene Emotionalisierung verzichtet, gewinnen die zunehmend surrealen Ereignisse an Glaubwürdigkeit. Rupert Grint ergänzt diese Dynamik mit einer angenehm zurückhaltenden Interpretation seines Charakters und verhindert, dass die familiären Konflikte in melodramatische Überzeichnung abgleiten. Auch inszenatorisch bestätigt Bergholm ihre außergewöhnliche Begabung für suggestive Bildkompositionen. Ihre Kamera beobachtet geduldig, vertraut auf lange Spannungsbögen und entwickelt aus Licht, Schatten und Naturkulissen eine bedrückende Atmosphäre, die den Film selbst in seinen schwächeren erzählerischen Passagen trägt. Insbesondere das kompromisslose Finale entfaltet eine verstörende Konsequenz, welche die zuvor aufgebaute Bedrohung wirkungsvoll kulminieren lässt und den Zuschauer mit nachhaltiger Irritation zurücklässt.

FAZIT: Atmosphärisch überzeugend, dramaturgisch unausgewogen

„Nightborn“ bestätigt Hanna Bergholm als Filmemacherin mit einer unverwechselbaren ästhetischen Handschrift und einem ausgeprägten Gespür für atmosphärischen Horror, der seine Wirkung weniger aus spektakulären Schockeffekten als aus psychologischer Verunsicherung und kultureller Tiefendimension bezieht. Die Verbindung praktischer Spezialeffekte, finnischer Folklore und existenzieller Themen verleiht dem Film eine bemerkenswerte Eigenständigkeit innerhalb des zeitgenössischen Horrorkinos. Gleichzeitig bleibt jedoch der Eindruck bestehen, dass Bergholms zweite Regiearbeit ihre zahlreichen erzählerischen und metaphorischen Ambitionen nicht vollständig zu einer kohärenten Gesamtkomposition verdichtet. Dramaturgische Wiederholungen, eine stellenweise nachlassende narrative Dynamik sowie die nur teilweise gelingende Verknüpfung ihrer zentralen Themen verhindern, dass „Nightborn“ jene außergewöhnliche Geschlossenheit erreicht, welche „Hatching“ zu einem modernen Genrehöhepunkt machte. So bleibt „Nightborn“ letztlich ein durchaus sehenswerter, visuell beeindruckender und intellektuell ambitionierter Horrorfilm, dessen atmosphärische Qualitäten seine erzählerischen Schwächen zwar nicht vollständig kompensieren können, dessen unverwechselbare Bildsprache und mythologische Eigenständigkeit jedoch eindrucksvoll unterstreichen, weshalb Hanna Bergholm weiterhin zu den spannendsten Regisseurinnen des europäischen Genrekinos zählt. Gerade weil „Nightborn“ hinter den außerordentlich hohen Erwartungen zurückbleibt, wirkt der Film weniger wie eine Enttäuschung als vielmehr wie eine Zwischenstation im Werk einer Filmemacherin, deren künstlerisches Potenzial unvermindert großes Interesse auf ihre zukünftigen Arbeiten weckt.


NIGHTBORN

Start: 06.08.26 | FSK 16
R: Hanna Bergholm | D: Seidi Haarla, Rupert Grint, Pamela Tola
Finnland, Litauen, Frankreich, Großbritannien 2026 | Alamode Film


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