Guillermo
del Toros „Pans Labyrinth“ verwandelt die Geschichte des
Faschismus in ein Märchen von verstörender Schönheit.
Das Fantastische dient dabei nicht der Flucht aus der Wirklichkeit,
sondern ihrer schonungslosen Erkenntnis. Zwischen kindlicher Imagination,
politischer Gewalt und mythischer Bildordnung entsteht ein Kino der
moralischen Ambivalenz. Die Wiederaufführung am 06. Oktober in
der „BEST OF CINEMA – Reihe“ lädt dazu ein,
diesen Klassiker neu zu vermessen.
Mit „Pans Labyrinth“ hat Guillermo
del Toro 2006 einen Film geschaffen, der die Grenzen zwischen historischem
Drama, Horrorfilm und Märchenerzählung nicht bloß
überschreitet, sondern produktiv auflöst. Angesiedelt im
Spanien des Jahres 1944, wenige Jahre nach dem Sieg Francos im Bürgerkrieg,
verbindet der Film die konkrete Gewalt einer autoritären Ordnung
mit einer fantastischen Gegenwelt, deren Geschöpfe ebenso rätselhaft
wie bedrohlich erscheinen. Im Zentrum steht die junge Ofelia, die
mit ihrer schwangeren Mutter in ein abgelegenes Anwesen reist, wo
ihr Stiefvater, der franquistische Hauptmann Vidal, eine Einheit zur
Bekämpfung republikanischer Widerstandskämpfer kommandiert.
Während Vidal die Welt nach dem Prinzip von Disziplin, Hierarchie
und Gehorsam organisiert, entdeckt Ofelia ein verborgenes Labyrinth
und begegnet dort einem Faun, der ihr eröffnet, sie sei die wiedergeborene
Prinzessin eines unterirdischen Reiches. Die drei Prüfungen,
die ihr auferlegt werden, bilden fortan eine zweite Dramaturgie, die
sich mit der politischen Realität verschränkt, ohne von
ihr eindeutig getrennt werden zu können.
Zwei Wirklichkeiten,
eine moralische Topografie
Die zentrale Leistung des Films liegt in der
Inszenierung zweier Wirklichkeitsebenen, die weder als bloße
Realität und bloße Einbildung auseinanderfallen noch zu
einer harmonischen Synthese gelangen. Del Toro organisiert das Verhältnis
von Geschichte und Fantastik vielmehr als epistemologisches Spannungsfeld:
Was Ofelia erlebt, bleibt in seinem ontologischen Status bewusst uneindeutig,
besitzt aber unabhängig davon eine konkrete ethische Wirksamkeit.
Die fantastische Welt ist keine folgenlose Kompensation für die
Schrecken der Gegenwart. Sie stellt vielmehr jene Fragen, die die
politische Ordnung unterdrückt: Was bedeutet Gehorsam? Wann wird
Ungehorsam zur moralischen Pflicht? Kann ein Mensch seine Identität
gegen eine gewaltsam verordnete Herkunft behaupten? Der Film antwortet
nicht mit einem naiven Lob der Fantasie, sondern mit einer Poetik
der Entscheidung. Ofelias Gegenwelt gewinnt ihre Bedeutung gerade
dadurch, dass sie die Mechanismen der realen Macht sichtbar macht.
Während Vidal jede Handlung in ein System aus Befehlen, Protokollen
und genealogischer Selbstinszenierung überführt, eröffnet
das Labyrinth eine alternative Ordnung, in der Prüfungen nicht
die Unterwerfung unter eine Institution, sondern die Herausbildung
eines eigenen Urteils verlangen.
Die Architektur der
Macht
Diese politische Dialektik schreibt sich tief
in die mise-en-scène ein. Das Anwesen, in dem Vidal residiert,
erscheint als architektonische Verlängerung seines autoritären
Körpers: ein Raum der geraden Linien, der verschlossenen Türen,
der militärischen Abläufe und der kontrollierten Blickachsen.
Die Wassermühle, die Vidal als Hauptquartier dient, verbindet
industrielle Zweckmäßigkeit mit einer eigentümlichen
Todesstarre. Hier wird Geschichte verwaltet, vermessen und diszipliniert.
Demgegenüber stehen die organischen Formen des Waldes, die verschlungenen
Wege des Labyrinths und die unterirdischen Räume, deren Materialität
von Stein, Wurzeln, Erde und feuchtem Mauerwerk geprägt ist.
Del Toro konstruiert damit keine simple Opposition zwischen Zivilisation
und Natur, sondern eine konkurrierende Raumsemantik: Auf der einen
Seite die geometrische Rationalität der Herrschaft, auf der anderen
eine ältere, ambivalente und nicht vollständig kontrollierbare
Ordnung. Das Labyrinth ist dabei kein bloßes Versteck, sondern
ein Übergangsraum, in dem sich Identität erst durch Bewegung,
Irrtum und Entscheidung konstituiert. Seine verschlungene Form widerspricht
der linearen Geschichtsauffassung des Faschismus, die Herkunft, Nation
und Zukunft in eine scheinbar zwingende Abfolge bringen möchte.
Der Körper als
Schauplatz der Ideologie
Del Toros Kreaturendesign gehört zu den
nachhaltigsten Errungenschaften des Films. Der Faun, der keineswegs
einfach als freundlicher Helfer auftritt, verkörpert eine Schwellenexistenz
zwischen Mensch, Tier, Gottheit und Naturmacht. Seine deformierte
Physiognomie, seine rissige Haut und seine schwer lesbare Mimik verweigern
jede eindeutige anthropomorphe Identifikation. Er ist weder Erlöser
noch verlässlicher moralischer Kompass, sondern eine Figur der
Prüfung, deren Anweisungen Ofelia nicht blind folgen darf. Noch
radikaler verfährt der Film mit dem Pale Man, jener bleichen,
schlaffen Gestalt, deren Augen sich nicht im Gesicht, sondern in den
Handflächen befinden. Der Körper wird hier zum grotesken
Diagramm einer Macht, die sehen, richten und verschlingen will, ohne
selbst ein menschliches Antlitz zu besitzen. Die Bankettszene, in
der Ofelia trotz des Verbots von den Trauben isst und dadurch das
Ungeheuer erweckt, gehört zu den prägnantesten Sequenzen
des modernen fantastischen Kinos. Sie verbindet religiöse Ikonografie,
politische Allegorie und körperlichen Horror: Der gedeckte Tisch
erinnert an ein sakrales Festmahl, während die reglose Kreatur
eine Ordnung repräsentiert, deren Reichtum auf dem Entzug und
der Vernichtung anderer beruht. Das Monströse erscheint hier
nicht als Gegenwelt zur Zivilisation, sondern als deren entlarvte
Wahrheit.
Die politische
Bedeutung des Films erschöpft sich jedoch nicht in der Gegenüberstellung
von Ofelia und Vidal. Eine entscheidende Gegenbewegung wird durch
Mercedes verkörpert, die im Haushalt des Hauptmanns arbeitet
und zugleich heimlich den republikanischen Widerstand unterstützt.
Ihre Handlungsmacht entsteht nicht aus spektakulärer Überlegenheit,
sondern aus genauer Beobachtung, taktischer Verschwiegenheit und der
Fähigkeit, sich innerhalb einer repressiven Ordnung unsichtbar
zu bewegen. Mercedes’ Widerstand ist körperlich, praktisch
und kollektiv; er beruht nicht auf heroischer Selbstdarstellung, sondern
auf Fürsorge, Risiko und Solidarität. Dadurch erweitert
der Film sein politisches Panorama um eine feministische Perspektive.
Die Frauenfiguren sind nicht lediglich Opfer der männlichen Gewaltordnung,
sondern entwickeln Formen des Handelnden, die sich deren Logik entziehen.
Ofelias Verweigerung, Vidal nicht als Vater anzuerkennen, und Mercedes’
entschlossene Unterstützung der Guerilla bilden zwei Varianten
desselben ethischen Prinzips: Herkunft und Autorität besitzen
keine Legitimität, wenn sie auf Gewalt beruhen.
Das
Kind als Ort der historischen Imagination
Ofelia ist dabei
keine makellose Märchenheldin. Sie lügt, widersetzt sich,
missversteht Regeln und handelt aus Neugier, Angst oder Trotz. Gerade
diese Unvollkommenheit bewahrt die Figur davor, zum bloßen Symbol
zu erstarren. Ihre kindliche Perspektive ermöglicht eine Wahrnehmung,
die die Erwachsenenwelt nicht mehr besitzt: Sie erkennt die Künstlichkeit
der Rituale, die Absurdität der Befehle und die zerstörerische
Leere hinter Vidals patriarchaler Selbstinszenierung. Der Film romantisiert
die Kindheit jedoch nicht. Ofelias Imagination ist von Gewalt durchzogen,
und ihre Prüfungen führen sie nicht in eine unschuldige
Welt, sondern in ein Reich von Blut, Opfer und Verlust. Das Kindliche
wird damit zu einer Erkenntnisform, nicht zu einem Schutzraum. In
Ofelias Blick verschieben sich die Maßstäbe: Nicht derjenige,
der Macht besitzt, erweist sich als erwachsen, sondern derjenige,
der Verantwortung für seine Entscheidungen übernimmt.
Ein
Schlüsselwerk der Filmgeschichte
Die filmhistorische
Bedeutung von „Pans Labyrinth“ liegt in seiner exemplarischen
Verbindung von politischem Kino und Genreimagination. Der Film beweist,
dass Fantasy nicht notwendig eskapistisch, Horror nicht notwendig
irrational und Märchen nicht notwendig unpolitisch sein müssen.
Er führt Traditionen zusammen, die im klassischen Kino häufig
getrennt behandelt wurden: den historischen Faschismusfilm, den psychologischen
Kinderfilm, die groteske Körperfantastik, das Gothic Cinema und
die allegorische Märchenerzählung. Dabei steht del Toro
in einer Linie mit Filmen, die historische Traumata durch das Übernatürliche
artikulieren, entwickelt diese Strategie jedoch zu einer eigenständigen
visuellen und ethischen Grammatik weiter. Die politische Realität
wird nicht nachträglich mit fantastischen Symbolen dekoriert;
sie ist von Anfang an durch Bilder des Unheimlichen strukturiert.
Gerade deshalb besitzt der Film eine nachhaltige Wirkung auf das zeitgenössische
Kino. Er zeigt, dass fantastische Formen nicht von der Wirklichkeit
wegführen müssen, sondern deren verdrängte Schichten
freilegen können. Die Wiederaufführung am 06. Oktober im
Rahmen der „BEST OF CINEMA – Reihe“ bietet somit
mehr als die nostalgische Rückkehr eines vielfach ausgezeichneten
Klassikers auf die Leinwand. Sie eröffnet die Gelegenheit, einen
Film erneut zu sehen, dessen Bildsprache, politische Präzision
und moralische Offenheit bis heute nichts von ihrer verstörenden
Kraft eingebüßt haben. „Pans Labyrinth“ bleibt
ein Werk über die Gewalt der Geschichte – und über
die beharrliche Möglichkeit, ihr durch Imagination, Solidarität
und die Weigerung zum Gehorsam eine andere Zukunft entgegenzusetzen.
PANS LABYRINTH
Wiederaufführung:
06.10.26 | FSK 16
R: Guillermo del Toro | D: Ivana Baquero, Sergi López, Doug
Jones
Spanien, Mexiko 2006 | STUDIOCANAL