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KINO | 01.10.2026

VERITY - Dunkle Geheimnisse

„Verity – Dunkle Geheimnisse“ möchte psychologischen Thriller, erotisches Melodram und gotische Familiengeschichte zugleich sein – und verliert dabei seine tonale Mitte. Michael Showalter verwandelt Colleen Hoovers Bestseller in ein luxuriös ausgestattetes, aber erstaunlich lebloses Suspense-Konstrukt. Wo der Film Ambivalenz verspricht, setzt er auf Markierungen; wo Begehren entstehen soll, bleibt vor allem kalkulierte Provokation.

von Richard-Heinrich Tarenz


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Die Bestseller-Adaption als ästhetisches Problem

Mit „Verity – Dunkle Geheimnisse“ erreicht die filmische Verwertung von Colleen Hoovers Romanwelt einen Punkt, an dem sich nicht mehr nur die Qualität einzelner Adaptionen, sondern das Verhältnis zwischen literarischem Bestseller und industrieller Genrefertigung beobachten lässt. Hollywood hat seit Jahrzehnten ein Faible für populäre Romane, deren Marktpräsenz die filmische Verwertbarkeit scheinbar bereits garantiert. Doch Popularität ist noch keine filmische Form. „Verity“ besitzt auf dem Papier jene Ingredienzen, aus denen sich ein publikumswirksamer Psychothriller destillieren lässt: eine Schriftstellerin im Zustand körperlicher und geistiger Immobilität, ein Ehemann mit undurchsichtiger Vergangenheit, eine junge Autorin als Eindringling in ein wohlhabendes Haus, ein geheimes Manuskript und die permanente Ungewissheit darüber, welche Version der Ereignisse Gültigkeit besitzt. Das Problem liegt weniger im Stoff als in der Art, wie der Film dessen Ambivalenzen ausstellt, anstatt sie tatsächlich zu erzeugen.

Ein Thriller, der seinem eigenen Zweifel misstraut

Lowen Ashleigh, gespielt von Dakota Johnson, ist eine Schriftstellerin mit Anerkennung, aber ohne entsprechenden kommerziellen Erfolg. Nach einem verstörenden Zufallstreffen mit Jeremy Crawford, verkörpert von Josh Hartnett, wird sie damit beauftragt, die unvollendete Thriller-Reihe von dessen Ehefrau Verity fortzuführen. Die Bestsellerautorin ist nach einem Unfall gelähmt und weitgehend reaktionslos; Lowen zieht in das großzügige Haus der Familie, um dort Material für ihre Arbeit zu sichten. Diese Konstruktion könnte eine klassische Variation des gotischen Hauses hervorbringen: Architektur als Speicher verdrängter Geschichte, Räume als psychische Topografie, das Eindringen einer Fremden als Auslöser verborgener Konflikte. Doch „Verity“ vertraut seinen eigenen Leerstellen nicht. Das Drehbuch signalisiert fast ununterbrochen, dass irgendwo ein Geheimnis lauert. Suspense entsteht dadurch nicht aus dem Widerstand zwischen Wissen und Nichtwissen, sondern aus der demonstrativen Ankündigung des Nichtwissens. Der Film sagt dem Publikum gewissermaßen fortwährend, dass es misstrauisch sein soll – und nimmt ihm damit einen Teil jener interpretativen Freiheit, die psychologisches Kino überhaupt erst spannend macht.

Der erste Schock und das Problem der Plausibilität

Bereits die erste Begegnung zwischen Lowen und Jeremy legt diese Schwäche offen. Lowen wird Zeugin eines tödlichen Verkehrsunfalls und dabei selbst mit Blut bespritzt. Jeremy hilft ihr anschließend, sich zu reinigen, und erzählt beiläufig von einer eigenen traumatischen Erfahrung mit dem Tod seiner Tochter. Die Szene soll gleichermaßen Schock, Begegnung und Charakterisierung leisten; tatsächlich wirkt sie wie eine dramaturgische Abkürzung. Die Figuren verhalten sich weniger wie Menschen als wie Funktionen eines Drehbuchs, das möglichst schnell seine biografischen Geheimnisse miteinander verknoten möchte. Das Problem ist nicht, dass ein Thriller unwahrscheinliche Situationen konstruiert. Das Problem entsteht dort, wo die Inszenierung die psychologische Reaktion auf diese Unwahrscheinlichkeit nicht mitliefert. Der Film verlangt Vertrauen in seine Prämisse, ohne jenes Vertrauen durch Beobachtung und Charakterzeichnung zu verdienen.

Das Haus als ungenutzte Psyche

Besonders verschenkt ist das Potenzial des Crawford-Anwesens. Die luxuriöse Architektur, die abgeschiedene Lage und die familiären Verlusterfahrungen bieten ideale Voraussetzungen für eine moderne Variante des Gothic Cinema. Das Haus könnte ein Gedächtnisraum sein, in dem jede Tür, jeder Korridor und jedes Möbelstück eine andere Version der Vergangenheit suggeriert. Amy Williams’ Produktionsdesign verleiht den Räumen durchaus eine kostspielige Eleganz; doch die Ausstattung bleibt überwiegend dekorativ. Die Räume werden betrachtet, aber kaum dramatisch aktiviert. Statt eine psychische Topografie zu entwickeln, produziert der Film eine Art luxuriöses Immobilienbild mit gelegentlichen Schreckmomenten. Gerade weil die Umgebung so sorgfältig gestaltet ist, fällt auf, wie wenig die Inszenierung aus ihr herausholt.

Das Manuskript als falsche Tiefe

Das heimlich entdeckte Manuskript bildet das narrative Zentrum des Films. Darin findet Lowen eine autobiografische Version von Veritys Ehe und Vergangenheit, die mit Jeremys Darstellung der Ereignisse kollidiert. Veritys Stimme aus dem Off erzeugt eine zweite Erzählebene und verwandelt das Haus nachträglich in einen Speicher konkurrierender Wahrheiten. Hier könnte „Verity“ seine interessanteste Frage stellen: Ist Schreiben Zeugnis, Selbstrechtfertigung oder Manipulation? Und wie verändert sich eine Beziehung, wenn ihre Geschichte in voneinander abweichenden Versionen vorliegt? Der Film formuliert diese Fragen durchaus, beantwortet sie jedoch durch eine Kaskade von Enthüllungen, Täuschungen und Gegentäuschungen, die den Zweifel zunehmend mechanisch erscheinen lassen. Die Ambivalenz wird nicht offen gehalten, sondern immer wieder neu beschriftet. Dadurch verliert sie ihre produktive Unschärfe.


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Dakota Johnson und die Ökonomie der Apathie

Dakota Johnson bringt in diese Konstruktion eine interessante Starpersona ein, die der Film jedoch kaum produktiv nutzt. Ihre häufig bewusst reduzierte, leicht distanzierte Präsenz kann im richtigen Kontext äußerst wirkungsvoll sein: Sie erzeugt Figuren, deren Innenleben sich nicht unmittelbar preisgibt und deren Reaktionen eine subtile Ironie besitzen. In „Verity“ jedoch wird diese Qualität kaum in dramaturgische Spannung übersetzt. Lowens Distanziertheit wirkt weniger wie ein bewusst gesetztes Wahrnehmungsangebot als wie ein Fremdkörper innerhalb eines Films, der seine Emotionen eigentlich möglichst deutlich ausstellen möchte. Wo Johnsons kontrollierte Präsenz Mehrdeutigkeit erzeugen könnte, kollidiert sie mit einer Inszenierung, die permanent nach maximaler emotionaler Lesbarkeit verlangt.

Stars als Fremdkörper

Ähnliches gilt für Josh Hartnett und Anne Hathaway. Hartnett versieht Jeremy mit einer glatten, beinahe absichtlich undurchsichtigen Oberfläche; doch der Film gibt dieser Undurchsichtigkeit kaum psychologische Textur. Hathaway wiederum muss als Verity zwischen körperlicher Immobilität und erzählerischer Omnipräsenz vermitteln. Ihre Figur ist physisch nahezu ausgeschaltet und besitzt zugleich über das Manuskript eine Stimme, die die Vergangenheit rückwirkend kontrollieren möchte. In dieser Konstellation hätte eine faszinierende Spannung zwischen Körper und Autorität entstehen können. Stattdessen wird Hathaway überwiegend als Projektionsfläche für eine extravagante Schurkenfigur eingesetzt. Ihre Präsenz wirkt dadurch weniger verstörend als ausgestellt.

Michael Showalter und die verfehlte Tonlage

Besonders auffällig ist die Diskrepanz zwischen dem Material und der bisherigen ästhetischen Herkunft des Regisseurs. Michael Showalter hat in „The Idea of You“ bewiesen, dass er romantische Beziehungen mit Leichtigkeit, Rhythmus und einem Gespür für Starchemie inszenieren kann. „Verity“ verlangt dagegen eine präzise Kontrolle zwischen Erotik, Horror, Camp und psychologischem Realismus. Showalter findet für diese widersprüchlichen Register keine überzeugende Balance. Die erotischen Szenen bleiben eigentümlich unbeteiligt, das Melodramatische wird schwerfällig und die grotesken Elemente besitzen häufig eine Komik, die nicht intendiert scheint. Der Film möchte zugleich schockieren und verführen, ernst genommen werden und seine eigene Übertreibung genießen. Er findet jedoch keinen stabilen Ton, der diese Gegensätze produktiv vermitteln könnte.

Erotik ohne Körperlichkeit

Besonders deutlich wird dies in der Behandlung des Begehrens. „Verity“ bewegt sich innerhalb einer Tradition des erotischen Thrillers, in der Sexualität nicht nur Attraktion, sondern Erkenntnismedium und Machtinstrument ist. Hier aber bleibt Erotik überwiegend Behauptung. Körper begegnen einander, ohne dass zwischen ihnen eine überzeugende Spannung entsteht; selbst explizit aufgeladene Situationen wirken choreografiert statt sinnlich. Eine Szene im Fond einer Limousine und ein weiterer sexueller Moment in einer ungewöhnlichen Badewanne wollen Grenzüberschreitung signalisieren, erzeugen jedoch eher das Bewusstsein dafür, wie sehr der Film Erotik als Genrezeichen einsetzt. Das Begehren wird zitiert, nicht entwickelt.

Wenn die Wendung zur Routine wird

Auch die Dramaturgie der Enthüllungen leidet unter diesem Prinzip. „Verity“ baut seine Handlung auf die Frage, welcher Version der Vergangenheit zu trauen ist. Doch jede Wendung wird so deutlich vorbereitet, dass die spätere Überraschung bereits im Augenblick ihrer Einführung an Gewicht verliert. Das Publikum soll mehrfach seine Einschätzung korrigieren, erhält dafür aber kaum die Möglichkeit, sich eine eigene zu bilden. Der Film misstraut der Ambiguität und produziert deshalb immer neue Erklärungen. Die vermeintliche Komplexität seiner Konstruktion besteht zunehmend aus der Anzahl der möglichen Wahrheiten, nicht aus ihrer psychologischen oder moralischen Tiefe.


VERITY - DUNKLE GEHEIMNISSE

Start: 01.10.26 | FSK 12
R: Michael Showalter | D: Anne Hathaway, Dakota Johnson, Josh Hartnett
Südkorea 2026 | Sony Pictures Germany


 

 

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