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KINO | 28.10.2026

GLAUBE
Eine Entscheidung gegen die Erwartungen

Alauda Ruiz de Azúa erzählt in „Glaube“ von einer 17jährigen, deren Wunsch, ins Kloster einzutreten, eine Familie an ihre emotionalen und weltanschaulichen Grenzen führt. Im Mittelpunkt steht Ainara, eine gute Schülerin, die sich zwischen universitärer Zukunft, erster romantischer Annäherung und religiöser Berufung nicht für den erwartbaren Lebensentwurf entscheidet. Aus den Auseinandersetzungen mit ihrer Tante Maite und ihrem Vater Iñaki entwickelt sich ein präzises Drama über die Schwierigkeit, den Willen einer jungen Frau ernst zu nehmen, ohne ihn vorschnell zu erklären.

von Richard-Heinrich Tarenz


© 2025 - David Herranz

Ein ungewöhnlicher Entschluss im gewöhnlichen Alltag

Ainara steht kurz vor dem Schulabschluss, erzielt gute Leistungen und erlebt mit Mikel eine erste romantische Annäherung. Alles scheint auf einen vertrauten Übergang ins Erwachsenenleben hinauszulaufen: Nach der Schule soll ein Studium folgen, während Freundschaften und erste Liebeserfahrungen den Horizont der kommenden Jahre öffnen. Doch Ainara entwickelt eine andere Vorstellung ihrer Zukunft. Sie fühlt sich zunehmend zum klösterlichen Leben hingezogen und beginnt, die Universität nicht mehr als selbstverständliches Ziel zu betrachten. Alauda Ruiz de Azúa gewinnt aus dieser Diskrepanz zwischen äußerer Normalität und innerer Neuorientierung die Spannung ihres Films. Ainaras Wunsch erscheint nicht als dramatischer Ausbruch aus einer sichtbar unerträglichen Lebenssituation, sondern entsteht mitten in einem Alltag, der für ihre Familie eigentlich in geordneten Bahnen verlaufen sollte. Gerade diese unspektakuläre Ausgangslage macht die Entscheidung so irritierend: Es gibt keinen eindeutigen äußeren Anlass, der sie für die anderen plausibel machen würde. Der Film folgt damit nicht dem Muster einer Rebellion, die sich aus einer klar benennbaren Unterdrückung speist, sondern untersucht die Irritation, die entsteht, wenn ein junger Mensch andere Prioritäten entwickelt als sein Umfeld. Feministisch betrachtet liegt die entscheidende Frage darin, ob Ainaras Selbstbestimmung auch dann Anerkennung findet, wenn sie nicht den gesellschaftlich vertrauten Vorstellungen weiblicher Emanzipation entspricht. Denn ihr Wunsch nach einem religiösen Leben steht quer zu jenem Zukunftsmodell, das Ausbildung, berufliche Unabhängigkeit und romantische Beziehungen als naheliegende Stationen eines gelungenen weiblichen Lebens voraussetzt. Ruiz de Azúa macht aus diesem Widerspruch keinen abstrakten Thesenkonflikt, sondern verankert ihn in den konkreten Erwartungen, die an Ainara herangetragen werden. Ihr Entschluss verändert nicht nur die Frage, was sie selbst werden möchte, sondern auch, wie ihre Familie sie wahrnimmt.

Maite und Ainara: Fürsorge unter Vorbehalt

Besonders deutlich wird dieser Konflikt in der Beziehung zwischen Ainara und ihrer Tante Maite, die von Patricia López Arnaiz mit großer emotionaler Präzision gespielt wird. Als Atheistin misstraut Maite der religiösen Berufung ihrer Nichte und vermutet, dass hinter ihr ungelöste Trauer um die verstorbene Mutter stehen könnte. Sie möchte Ainara dazu bewegen, zunächst zu studieren und andere Möglichkeiten kennenzulernen, bevor sie sich auf ein Leben im Kloster festlegt. Diese Haltung ist nachvollziehbar, weil sie aus Sorge entsteht und die weitreichenden Konsequenzen einer Entscheidung im Alter von siebzehn Jahren ernst nimmt. Zugleich offenbart sie einen Widerspruch: Maite verteidigt Ainara gegen eine mögliche Einflussnahme durch das religiöse Umfeld, versucht aber selbst, deren Entscheidung in eine Richtung zu lenken, die sie für vernünftiger hält. Ihre Kritik an der katholischen Schule und ihr Bemühen, die Nichte von einer vermeintlich voreiligen Festlegung abzubringen, sind deshalb nicht einfach mit der Verteidigung von Freiheit gleichzusetzen. Der Film macht diese Spannung in den Gesprächen zwischen den beiden Frauen erfahrbar. Maite möchte die Beweggründe Ainaras verstehen, ist aber zugleich versucht, sie durch eine psychologische Erklärung zu ersetzen: Wenn der Wunsch aus Trauer hervorgegangen ist, so die implizite Logik, könnte er sich durch Zeit, Ablenkung und neue Erfahrungen wieder auflösen. Die Möglichkeit, dass Ainara tatsächlich eine religiöse Berufung empfindet, bleibt für Maite schwer auszuhalten. López Arnaiz verleiht dieser Haltung eine glaubwürdige Mischung aus Entschiedenheit, Zuneigung und innerer Unruhe. Ihre Maite ist keine bloße Gegenspielerin, sondern eine Frau, deren Fürsorge an eine Grenze stößt: Sie möchte die Nichte schützen, muss aber erkennen, dass Schutz und Kontrolle ineinander übergehen können. Darin liegt eine der präzisesten feministischen Beobachtungen des Films. Auch zwischen Frauen entsteht Solidarität nicht automatisch aus gemeinsamer Sorge; sie muss sich daran bewähren, ob die andere Person in ihrer Verschiedenheit anerkannt werden kann.

Iñakis Abwesenheit und die familiäre Ordnung

Ainaras Vater Iñaki reagiert auf den Entschluss seiner Tochter anders als Maite, doch auch seine Haltung prägt den Konflikt. Während die Tante aktiv versucht, Ainara von ihrer Berufung abzubringen, erscheint der Vater vergleichsweise distanziert. Maite wirft ihm vor, sich zu wenig um die Tochter zu kümmern, und übernimmt selbst den Versuch, Ainaras Entscheidung zu beeinflussen. Dadurch entsteht eine familiäre Konstellation, in der die Auseinandersetzung über Religion zugleich zu einem Streit über Verantwortung wird: Wer fühlt sich verpflichtet, Ainara zu begleiten, wer darf in ihrem Namen sprechen, und wer nimmt ihre Bedürfnisse tatsächlich wahr? Die unterschiedlichen Reaktionen von Vater und Tante verhindern, dass die Familie als einheitlicher Block erscheint. Vielmehr zeigt der Film, wie ein einschneidender Entschluss bereits bestehende Spannungen sichtbar macht. Maite richtet ihre Energie auf die Zukunft der Nichte und deutet deren Verhalten als mögliches Zeichen eines emotionalen Mangels; Iñakis zurückhaltende Reaktion lässt dagegen offen, ob er seiner Tochter vertraut, überfordert ist oder sich der Auseinandersetzung entzieht. Ainara befindet sich damit in einem Beziehungsgefüge, in dem andere ihre Entscheidung diskutieren, während ihre eigene Perspektive nur schwer gegen die Sorge und die Erwartungen der Erwachsenen zur Geltung kommt. Die feministische Dimension entsteht hier aus der konkreten Verteilung familiärer Rollen.


© 2025 - David Herranz

Die erwachsenen Figuren verstehen sich als verantwortlich für Ainara, doch ihre Verantwortung ist nicht frei von eigenen Ängsten und Bedürfnissen. Der Film verurteilt sie nicht pauschal, sondern zeigt, wie sehr der Versuch, einen jungen Menschen vor einer folgenreichen Entscheidung zu bewahren, von der eigenen Vorstellung eines richtigen Lebens geprägt ist. Gerade deshalb wird die familiäre Auseinandersetzung zu mehr als einem Streit zwischen religiöser und säkularer Weltanschauung: Sie handelt davon, ob elterliche und verwandtschaftliche Fürsorge den Übergang in die Selbstständigkeit ermöglichen oder ihn ungewollt erschweren.

Die distanzierte Kamera und Ainaras Eigenständigkeit

Auch die Bildgestaltung trägt dazu bei, dass Ainaras Entschluss nicht vorschnell psychologisch festgelegt wird. Die Kamera zeigt sie häufig mit einer spürbaren Distanz zu ihrer Umgebung, sodass ihre Isolation sichtbar wird, ohne sie vollständig auf die Rolle eines leidenden Mädchens zu reduzieren. Diese Inszenierung passt zur familiären Situation: Ainara ist körperlich weiterhin Teil des Alltags, doch ihre Vorstellung von der Zukunft entfernt sie zunehmend von den Erwartungen der anderen. Gleichzeitig lässt die Bildsprache ihre Entschlossenheit bestehen. Ihre Distanz kann als Zeichen der Einsamkeit verstanden werden, aber ebenso als Ausdruck eines inneren Raums, den sie gegen die Deutungen ihrer Familie zu behaupten versucht. Die Kamera erklärt nicht, was Ainara fühlt, sondern hält die Spannung zwischen äußerer Zurückhaltung und innerer Überzeugung offen. Dadurch wird das Publikum nicht auf eine bestimmte Interpretation verpflichtet. Wer Maite folgt, kann die Distanz als Hinweis auf eine mögliche Krise lesen; wer Ainara stärker vertraut, kann darin die Konzentration auf eine Entscheidung erkennen, die sich nicht durch die Erwartungen anderer bestimmen lassen soll. Die visuelle Zurückhaltung ist deshalb auch eine ethische Haltung gegenüber der Figur: Sie lässt zu, dass Ainara mehr bleibt als die Summe der Erklärungen, die ihre Angehörigen für sie finden. Wo das langsame Erzähltempo gelegentlich die Geduld herausfordert, schafft es zugleich Raum für die Beobachtung von Blicken, Reaktionen und Veränderungen innerhalb der familiären Gespräche. Der Film entwickelt seine Spannung weniger aus äußeren Ereignissen als aus der allmählichen Verschiebung von Nähe und Distanz zwischen den Figuren. Seine Form entspricht damit dem Gegenstand: Eine Entscheidung, die für Ainara zunehmend an Klarheit gewinnt, wird für die Menschen um sie herum immer schwerer einzuordnen.

Eine feministische Perspektive ohne einfache Antwort

Die Stärke von „Glaube“ liegt darin, dass der Film seine feministische Dimension aus einem konkreten Konflikt entwickelt, ohne Ainara zur eindeutigen Heldin einer Emanzipationsgeschichte zu stilisieren. Ihre schulischen Leistungen, ihre Gefühle für Mikel, ihre Beziehung zur Familie und ihre Hinwendung zum Kloster bleiben Bestandteile derselben Biografie. Keine dieser Erfahrungen erklärt die anderen vollständig. Ebenso wenig lässt sich Maite auf die Rolle einer kontrollierenden Tante reduzieren: Ihre Sorge ist berechtigt, ihre Schlussfolgerungen sind jedoch nicht zwangsläufig richtig. Aus dieser wechselseitigen Begrenzung entsteht die eigentliche Stärke des Dramas. Die Frage, ob Ainara von religiösen Autoritäten beeinflusst wird, bleibt relevant, aber sie darf nicht dazu führen, dass jede religiöse Entscheidung einer jungen Frau automatisch als Ausdruck fremder Macht betrachtet wird. Umgekehrt garantiert die Ernsthaftigkeit ihres Wunsches nicht, dass sämtliche Konsequenzen bereits absehbar wären. Ruiz de Azúa hält beide Möglichkeiten offen und konzentriert sich auf die Beziehungen, in denen sie verhandelt werden. Die familiären Gespräche, die Gegenüberstellung musikalischer Welten und die distanzierte Beobachtung Ainaras machen sichtbar, wie schwierig es ist, Selbstbestimmung zu respektieren, wenn die Entscheidung eines anderen Menschen den eigenen Vorstellungen widerspricht. Der Film überzeugt gerade deshalb, weil er nicht vorgibt, diese Schwierigkeit durch eine moralische Schlussfolgerung beseitigen zu können. Er nimmt Ainara ernst, ohne alle Zweifel an ihrer Entscheidung zum Schweigen zu bringen, und zeigt die Familie in ihrer Sorge, ohne ihr deshalb das Recht auf Kontrolle zuzugestehen. „Glaube“ wird so zu einem feinfühligen Drama über die Freiheit einer jungen Frau, deren Zukunft nicht allein deshalb anderen gehören darf, weil sie sie besser zu verstehen glauben.


GLAUBE

Start: 29.10.26 | FSK 12
R: Alauda Ruiz de Azúa | D: Blanca Soroa, Patricia López Arnaiz
Spanien, Frankreich 2026 | Leonine

 

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