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KINO | 28.10.2026

Klara und die Sonne
Im Licht der künstlichen Seele

Taika Waititi erschließt Kazuo Ishiguros Zukunftsvision als poetische Reflexion über künstliches Bewusstsein, familiäre Verletzlichkeit und die Grenzen menschlicher Fürsorge. In einer technologisierten Gesellschaft wird eine künstliche Gefährtin zum Spiegel menschlicher Sehnsüchte. Jenna Ortega verkörpert eine Figur, deren unverstellte Wahrnehmung vertraute Vorstellungen von Empathie infrage stellt. Zwischen märchenhafter Leichtigkeit und existenzieller Melancholie entfaltet sich eine Geschichte über Nähe und Verlust.

von Richard-Heinrich Tarenz


© 2026 CTMG, Inc. All Rights Reserved. **ALL IMAGES ARE PROPERTY OF SONY PICTURES ENTERTAINMENT INC.
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Eine Zukunft zwischen Isolation und Sehnsucht

Die Zukunft, die „Klara und die Sonne“ entwirft, erscheint weniger als spektakuläre Dystopie denn als subtile Fortschreibung gesellschaftlicher Gegenwart. Nach einem globalen Krieg und dem Zusammenbruch digitaler Infrastrukturen erwerben wohlhabende Familien künstliche Gefährten, sogenannte Artificial Friends, um ihren Kindern Gesellschaft zu leisten. Die technische Lösung verweist auf ein soziales Problem: Während Maschinen immer besser menschliche Nähe simulieren können, schwinden die Gelegenheiten zu unmittelbarer Begegnung. Taika Waititi richtet den Blick auf diese Spannung, ohne die künstliche Intelligenz vorrangig als Bedrohung zu inszenieren. Vielmehr wird sie zum Prüfstein menschlicher Selbstgewissheit. Die vertraute, beinahe märchenhafte Oberfläche des Films kontrastiert mit einer Welt, deren Bewohner sich zunehmend hinter Konventionen und emotionalen Schutzmechanismen verschanzen. So entsteht ein Zukunftsbild, das seine Aktualität nicht aus technischen Prognosen bezieht, sondern aus der Frage, welche sozialen Bedürfnisse technologischer Fortschritt tatsächlich befriedigen kann.

Klara: Eine andere Form des Sehens

Jenna Ortega verleiht Klara eine bemerkenswerte Präsenz. Als solarbetriebene künstliche Gefährtin begegnet sie ihrer Umgebung mit einer Aufmerksamkeit, die zugleich fremdartig und anrührend wirkt. Ihre Beziehung zur Sonne geht über die technische Funktion einer Energiequelle hinaus: Das Licht wird zum Symbol einer Weltordnung, in der Hoffnung und Abhängigkeit untrennbar miteinander verbunden sind. Klara beobachtet Menschen, deren Verhalten sie nicht immer versteht, und macht gerade dadurch deren Widersprüche sichtbar. Ihre scheinbare Naivität erweist sich als eigenständige Perspektive auf menschliche Beziehungen, die von unausgesprochenen Erwartungen, Ängsten und Gewohnheiten geprägt sind. Ortega gestaltet diese Fremdheit nicht als bloße Kuriosität, sondern verleiht der Figur eine emotionale Glaubwürdigkeit, die aus kleinen Gesten und konzentrierter Wahrnehmung entsteht. Klara muss nicht zweifelsfrei als menschlich gelten, um menschliche Regungen auszulösen. Der Film verschiebt damit die Frage nach künstlichem Bewusstsein: Entscheidend ist nicht allein, was ein Wesen empfindet, sondern auch, welche Bedeutung seine Handlungen für andere gewinnen.

Zwischen Freundschaft und Verlust

Die Beziehung zwischen Klara und der Jugendlichen Josie bildet das emotionale Zentrum der Erzählung. Was zunächst wie die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft erscheint, erhält eine tragische Dimension, als sich Josies lebensbedrohliche Erkrankung offenbart. Klaras Rolle innerhalb der Familie verändert sich damit grundlegend: Aus einer Gefährtin, die den Alltag bereichern soll, wird eine Figur, an die sich die Hoffnung auf einen möglichen Ausweg bindet. Waititi verbindet das märchenhafte Motiv einer besonderen Freundschaft mit der existenziellen Erfahrung, dass Fürsorge nicht mit der Macht gleichzusetzen ist, einen Verlust abzuwenden. Gerade diese Verbindung verleiht der Geschichte ihre emotionale Tiefe. Die spielerischen Elemente schaffen einen Kontrast zur Bedrohlichkeit der Situation, ohne deren Ernst grundsätzlich aufzuheben. Hoffnung erscheint nicht als Versprechen eines glücklichen Endes, sondern als Haltung, die angesichts der eigenen Grenzen Bestand haben kann. In dieser Perspektive gewinnt Klaras Zuwendung eine beinahe rituelle Qualität: Sie handelt aus dem Wunsch heraus, helfen zu können, obwohl ihr die Bedingungen des menschlichen Lebens nur teilweise zugänglich sind.

Die Familie als emotionaler Resonanzraum

Amy Adams verkörpert Josies Mutter Chrissy als eine Frau, deren kontrolliertes Auftreten eine tiefer liegende Verunsicherung erkennen lässt. Ihre emotionale Zurückhaltung wirkt wie der Versuch, sich gegen einen möglichen Verlust zu wappnen. Doch die Selbstbeherrschung, die Schutz verspricht, erschwert zugleich die unmittelbare Begegnung mit den Menschen, für die sie Verantwortung trägt. Klara tritt in dieses familiäre Gefüge ein, ohne dessen unausgesprochene Regeln vollständig zu erfassen. Ihre Perspektive legt dadurch die Spannungen zwischen Fürsorge, Kontrolle und Angst frei. Rachel House ergänzt die Konstellation als Melania um eine direktere, weniger konventionelle Haltung. Gemeinsam zeichnen die Figuren das Bild einer Familie, in der Zuneigung vorhanden ist, aber nicht immer angemessen zum Ausdruck findet. Adams verleiht Chrissy eine kontrollierte Verletzlichkeit, die den Konflikt zwischen mütterlicher Liebe und emotionaler Abschirmung greifbar macht. Die Familie wird so zum sozialen Mikrokosmos einer Gesellschaft, die zwar über technische Möglichkeiten zur Organisation von Fürsorge verfügt, deren emotionale Voraussetzungen jedoch nicht automatisch beherrscht.


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Erinnerung und die Fragilität des Selbst

Klaras zunehmend beeinträchtigtes digitales Gedächtnis führt die philosophische Dimension des Films auf eine konkrete Ebene. Wenn Erinnerungen verblassen und Zusammenhänge verloren gehen, gerät nicht nur die Informationsverarbeitung, sondern auch die Kontinuität ihrer Beziehung zur Welt ins Wanken. Erinnerung erscheint als Voraussetzung dafür, Erfahrungen zu ordnen und eine eigene Geschichte auszubilden. Darin berührt die künstliche Gefährtin eine zutiefst menschliche Erfahrung: Auch menschliche Identität hängt davon ab, Vergangenes zu bewahren und dem Erlebten Bedeutung zu verleihen. Die Frage, ob Klara tatsächlich empfindet oder lediglich überzeugend auf menschliche Gefühle reagiert, verliert angesichts dieser Entwicklung ihre eindeutige Trennschärfe. Der Film fordert vielmehr dazu auf, die ethische Bedeutung eines Wesens nicht allein an dessen innerem Zustand festzumachen. Beziehungen entstehen auch durch Handlungen, gegenseitige Abhängigkeit und die Folgen, die wir füreinander haben. Die technische Beschaffenheit Klaras bleibt dabei relevant, definiert aber nicht abschließend ihren Wert. So wird das Gedächtnis zum Bindeglied zwischen der Science-Fiction-Prämisse und der allgemeineren Frage, wie Identität unter den Bedingungen von Veränderung und Verlust bestehen kann.

Eine Ästhetik zwischen künstlicher Ordnung und organischem Leben

Die visuelle Gestaltung verleiht dieser Reflexion einen eigenen Resonanzraum. Goldene Lichtstimmungen, retrohafte Gestaltungselemente und eine leicht entrückte Umgebung lassen die dargestellte Zukunft vertraut und zugleich unwirklich erscheinen. Die Räume wirken weniger wie Schauplätze einer radikal fremden Epoche als wie bekannte Lebenswelten, deren gesellschaftliche Ordnung brüchig geworden ist. Diese ästhetische Ambivalenz lässt sich als Ausdruck einer Welt lesen, in der technische Modernisierung und emotionale Entfremdung nebeneinander bestehen. Das Produktionsdesign verleiht der Zukunft eine eigentümliche Zeitlosigkeit, während die Bildgestaltung das Verhältnis von künstlicher Oberfläche und menschlicher Verletzlichkeit unterstreicht. Michael Giacchinos Musik ergänzt die visuellen Motive um eine melodische, märchenhafte Dimension. Sie führt das Geschehen in einen emotional zugänglichen Raum, ohne die grundlegenden Fragen der Geschichte auf eine rein technische Betrachtung zu reduzieren. Bild, Raum und Klang etablieren damit eine Atmosphäre, in der das Fantastische nicht als Gegenwelt zur Realität erscheint, sondern als Möglichkeit, deren emotionale Strukturen neu wahrzunehmen.

Taika Waititi und die Öffnung des Science-Fiction-Genres

Taika Waititis Regie bringt eine Handschrift in die Geschichte ein, die für die Verbindung von Humor, Außenseiterperspektiven und emotionaler Zugänglichkeit bekannt ist. In „Klara und die Sonne“ richtet sich diese Neigung auf einen Stoff, dessen melancholischer Kern die Grenzen zwischen spielerischer Leichtigkeit und existenzieller Ernsthaftigkeit auslotet. Die märchenhafte Anlage eröffnet einen Zugang zu Fragen, die im Science-Fiction-Kino häufig über technologische Kontrolle oder die Bedrohung durch autonome Systeme verhandelt werden. Klara erscheint weder als bloßes Werkzeug menschlicher Wünsche noch als feindliche Alternative zum Menschen. Ihre Position zwischen diesen Kategorien macht sie vielmehr zu einer Figur, an der sich vertraute Vorstellungen von Bewusstsein und moralischem Wert überprüfen lassen. Waititis Ansatz gewinnt seine Eigenständigkeit aus dieser Verschiebung des Blickwinkels. Die Geschichte muss künstliche Intelligenz nicht als überlegene oder minderwertige Form des Lebens klassifizieren, um deren ethische Bedeutung auszuloten. Stattdessen rückt sie die menschliche Verantwortung für jene Wesen ins Zentrum, die wir erschaffen, einsetzen und in unsere sozialen Beziehungen integrieren.

Im Dialog mit der Filmgeschichte

Im thematischen Umfeld von „Ex Machina“, „Her“, „Marjorie Prime“ und „Robot Dreams“ steht „Klara und die Sonne“ für eine Variante des Science-Fiction-Kinos, die weniger an der Machtfrage zwischen Mensch und Maschine als an den emotionalen Folgen ihrer Beziehung interessiert ist. Der Film verbindet die technologische Prämisse mit einer Reflexion über Fürsorge und die Grenzen menschlicher Kontrolle. Seine besondere Perspektive liegt darin, die künstliche Gefährtin nicht allein als Projektionsfläche menschlicher Wünsche zu behandeln, sondern als Anlass, die Voraussetzungen moralischer Verantwortung zu hinterfragen. Die Vorstellung, Menschlichkeit lasse sich eindeutig an biologischer Herkunft oder vertrauten Ausdrucksformen erkennen, verliert dadurch an Selbstverständlichkeit. Zugleich behauptet der Film nicht, dass technische Systeme menschliche Beziehungen ersetzen könnten. Er zeigt vielmehr, dass Fürsorge mehr verlangt als funktionale Verfügbarkeit: Sie setzt Aufmerksamkeit und die Anerkennung der Eigenständigkeit eines Gegenübers voraus. In dieser Hinsicht entwickelt die Geschichte eine gesellschaftliche Dimension, die über die Frage nach künstlichem Bewusstsein hinausreicht und die Verantwortung einer zunehmend technisierten Welt berührt.


KLARA UND DIE SONNE

Start: 29.10.26 | FSK 12
R: Taika Waititi | D: Jenna Ortega, Mia Tharia, Amy Adams
USA 2026 | Sony Pictures Germany


 

 

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