SACHBUCH
| 15.10.2025
NEMESIS'
TÖCHTER
Wut
als Erkenntniskraft, Mythos als Gegenwart: „Nemesis’ Töchter“
liest weibliche Rage nicht als Exzess, sondern als Symptom struktureller
Gewalt. Tara-Louise Wittwer verbindet popfeministische Vermittlung mit
mythologischer Tiefenschärfe. Ein Buch, das benennt, was viele
fühlen – und damit politische Sichtbarkeit erzeugt. Ein notwendiger,
streitbarer Beitrag zur feministischen Gegenwartsliteratur.
von
Anna Winter

Seit
Jahrhunderten werden Frauen unterdrückt. Frauen, die in irgendeiner
Weise Stärke ausgestrahlt, sich selbst ermächtigt und zur
Wehr gesetzt haben, werden belächelt, verurteilt und dämonisiert.
Und all diese Frauen leben in uns weiter - ihre Angst, ihre Freude,
ihre Liebe. Und ihre Wut. All diese Mütter, Großmütter
und Urgroßmütter. Alle Frauen der Geschichte, die große
Opfer auf dem steinigen Weg zur Gleichberechtigung bringen mussten.
Mit
„Nemesis’ Töchter“ legt Tara-Louise Wittwer ein
Buch vor, das weniger den Anspruch erhebt, feministische Theorie neu
zu erfinden, als vielmehr deren affektive Grundlage freizulegen. Es
ist ein Text, der aus Wut geschrieben ist – und genau darin liegt
seine literarische wie politische Bedeutung. Wittwer versteht Wut nicht
als individuelles Versagen oder als moralisch fragwürdige Emotion,
sondern als kollektives Symptom struktureller Ungleichheit. In dieser
Umwertung eines jahrhundertelang pathologisierten Gefühls positioniert
sich das Buch klar innerhalb eines feministischen Diskurses, der Emotionen
nicht länger vom Politischen trennt. Der Titel verweist programmatisch
auf die Figur der Nemesis, deren Bedeutungsverschiebung Wittwer als
paradigmatisch für den Umgang mit weiblicher Macht liest. Aus einer
göttlichen Instanz der ausgleichenden Gerechtigkeit wird im Verlauf
der Kulturgeschichte eine unkontrollierbare, rachsüchtige Gestalt
– ein narratives Muster, das sich bis in gegenwärtige Zuschreibungen
weiblicher Wut fortsetzt. Diese mythologische Lesart dient Wittwer nicht
als ornamentale Referenz, sondern als analytisches Werkzeug: Sie macht
sichtbar, wie weibliches Begehren nach Gerechtigkeit systematisch delegitimiert
und moralisch diskreditiert wird. Literarisch bewegt sich „Nemesis’
Töchter“ an der Schnittstelle zwischen autobiografischem
Essay, politischem Manifest und popkultureller Intervention. Wittwers
Schreibweise ist bewusst niedrigschwellig, repetitiv und aufzählend
– eine Form, die an digitale Kommunikationsräume erinnert,
aus denen die Autorin hervorgegangen ist. Diese Ästhetik ist kein
Mangel, sondern Teil der Argumentation: Die Wiederholung struktureller
Ungerechtigkeiten verweist auf ihre Alltäglichkeit und Persistenz.
Gewalt, Überlastung, Schönheitsnormen, ökonomische Benachteiligung
– all dies erscheint nicht als singuläres Ereignis, sondern
als sich ständig erneuernde Erfahrung weiblicher Existenz im Patriarchat.

Aus
literaturwissenschaftlicher Perspektive lässt sich diese Form als
eine Art affektives Protokoll lesen. Wittwer archiviert kollektive Erfahrungen,
die häufig individualisiert oder banalisiert werden. Gerade darin
entfaltet der Text seine feministische Schlagkraft: Er produziert Wiedererkennung
und schafft ein gemeinsames Vokabular für Gefühle, die sonst
vereinzelt bleiben. Die oft kritisierte Erkenntnisnähe –
das Wissen darum, dass Frauen sich nachts unsicher fühlen oder
Care-Arbeit ungleich verteilt ist – erweist sich hier nicht als
Schwäche, sondern als bewusste Strategie. Das Buch richtet sich
nicht primär an akademisch geschulte Leser*innen, sondern an jene,
die diese Wahrheiten leben. Zugleich bleibt „Nemesis’ Töchter“
nicht frei von Spannungen. Die starke Fokussierung auf Benennung und
Sammlung lässt die Frage nach konkreten Transformationsstrategien
bewusst offen. Wittwer verweigert einfache Lösungen und misstraut
großen utopischen Entwürfen. Stattdessen setzt sie auf Solidarität,
Schwesterlichkeit und affektive Verbundenheit als ethische Praxis. Diese
Haltung mag politisch unzureichend erscheinen, ist aber literarisch
konsequent: Das Buch versteht sich weniger als Handlungsanleitung denn
als Bewusstseinsraum. Gerade hierin liegt sein Wert für eine feministische
Gegenwartsliteratur. „Nemesis’ Töchter“ insistiert
darauf, dass Wut kein Endpunkt, sondern ein Anfang ist – ein Zustand
der Wachheit, aus dem heraus erst politisches Denken möglich wird.
Wittwer rehabilitiert eine Emotion, die Frauen traditionell abgesprochen
wird, und schreibt sie als legitime Reaktion auf systemische Gewalt
fest. In einer Kultur, die weibliche Anpassung belohnt und weiblichen
Zorn sanktioniert, ist dies ein radikaler Akt. So ist „Nemesis’
Töchter“ kein abgeschlossenes Theoriegebäude, sondern
ein offener Text, der sich seiner eigenen Vorläufigkeit bewusst
ist. Er fordert nicht Zustimmung, sondern Resonanz. Und gerade dadurch
erfüllt er eine zentrale feministische Funktion: Er macht sichtbar,
was zu lange als privat, übertrieben oder unangemessen galt –
und verleiht der gerechten Wut eine literarische Stimme.
Tara-Louise
Wittwer ist studierte Kulturwissen-schaftlerin und lebt in
Berlin. Hier arbeitet sie als Autorin und Content Creatorin. 2019 gründete
sie ihr Unternehmen wastarasagt mit dem gleichnamigen, schnell wachsenden
Instagram-Account. Auf ihren Social-Media-Kanälen spricht sie über
Feminismus sowie den Einfluss von Popkultur und Medien auf die eigene
Identität. Im SPIEGEL erscheint ihre wöchentliche Kolumne
„Was Tara meint“.
NEMESIS'
TÖCHTER
Tara-Louise
Wittwer (Autorin) | Droemer Knaur Verlagsgruppe | 240 Seiten
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