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BELLETRISTIK | 07.01.2026

Sherlock Holmes Band 04
Der Fall Harry Houdini

Zwischen Deduktion und Illusion entfaltet „Der Fall Harry Houdini“ ein faszinierendes Spiel mit Wahrnehmung, Wahrheit und öffentlicher Inszenierung. Sherlock Holmes trifft im Berlin der Moderne auf die Kunst der Täuschung – und auf einen Gegner, der das Rampenlicht ebenso beherrscht wie das Verschwinden. Ein literarisch vielschichtiger Kriminalroman, der Detektivarbeit als kulturelles und ästhetisches Prinzip neu verhandelt.

von Anna Winter

Berlin, 1908. Bei einem Gastspiel Harry Houdinis mit Ehefrau Bess im namhaften Circus Busch entgeht der berühmte Entfesselungskünstler nur knapp einem Säureanschlag. Obwohl er einen begründeten Verdacht hat, wer hinter dem perfiden Mordversuch steckt, können die vermeintlichen Täter nicht dingfest gemacht werden. Die bei der Vorstellung zufällig anwesenden Sherlock Holmes und Dr. Watson bieten selbstverständlich ihre Hilfe an, um den verbrecherischen Unhold zur Strecke zu bringen.

Mit „Der Fall Harry Houdini“ gelingt dem vierten Band der Sherlock-Holmes-Reihe eine ebenso elegante wie atmosphärisch dichte Verbindung zweier Mythologien der Moderne: der rationalen Deduktionskunst des berühmten Detektivs der Literaturgeschichte und der schillernden Welt der Bühnenillusion, verkörpert durch den legendären Entfesselungskünstler Harry Houdini. Das Ergebnis ist ein Roman, der nicht nur als spannungsvoll erzählte Detektivgeschichte überzeugt, sondern auch als kulturhistorisch fein grundierte Milieustudie eines Berlins im frühen 20. Jahrhundert. Der erzählerische Kunstgriff, die Handlung konsequent aus der Perspektive Dr. Watsons zu entfalten, erweist sich dabei als besonders fruchtbar. Watson fungiert nicht allein als Chronist der Ereignisse, sondern als sensibler Vermittler zwischen der analytischen Schärfe Holmes’ und der staunenden Wahrnehmung des Lesers. Seine Beobachtungen verleihen der Geschichte emotionale Erdung, ohne je in Bewunderungsrhetorik zu verfallen. Gerade das bekannte Spannungsverhältnis zwischen Holmes’ intellektueller Überlegenheit und Watsons gelegentlicher Herabsetzung wird hier subtil ausgespielt und verleiht dem Text eine psychologische Tiefe, die über reine Fallkonstruktion hinausweist. Der narrative Auftakt im Circus Busch ist exemplarisch für die erzählerische Qualität des Romans. Die Bühne als Ort der Täuschung, der kontrollierten Gefahr und der öffentlichen Bewunderung wird zum idealen Resonanzraum für einen Mordanschlag, der gerade durch seine Unsichtbarkeit besticht. Dass ein Säureattentat mitten im Rampenlicht stattfinden kann, ohne vom Publikum bemerkt zu werden, setzt das zentrale Motiv des Romans: die Frage nach Wahrnehmung, Illusion und Wahrheit. In dieser Hinsicht bildet Houdini nicht nur einen prominenten Gaststar, sondern eine thematische Spiegelung Holmes’. Beide Figuren beherrschen ihre Kunst bis zur Perfektion – der eine die des Entkommens, der andere die des Durchschauens.

Besonders gelungen ist die Entscheidung, Berlin nicht bloß als exotischen Schauplatz zu nutzen, sondern als lebendigen, widersprüchlichen Organismus zu inszenieren. Die Jagd durch Varietés, Künstlerkneipen und nächtliche Straßenzüge entfaltet ein Panorama, das zwischen Glanz und Halbwelt oszilliert. Das Berlin dieses Romans ist ein Ort der Übergänge: zwischen Tradition und Moderne, Kunst und Kriminalität, Öffentlichkeit und Geheimnis. Holmes und Watson bewegen sich durch diese Stadt mit jener Mischung aus analytischer Distanz und körperlicher Präsenz, die man aus den klassischen Erzählungen kennt – zu Fuß, in Droschken, stets dem drohenden Kontrollverlust einen Schritt voraus. Die Figur Harry Houdinis ist dabei mit spürbarer Lust an der Charakterzeichnung entworfen. Sein Selbstbewusstsein, sein Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen und sein Drang zur Selbstinszenierung fügen sich glaubhaft zu einem Porträt, das weder zur Karikatur noch zur bloßen Staffage gerät. Houdini wird ernst genommen als handelnde Figur, deren Geheimnisse nicht allein auf der Bühne liegen. Sein späteres Verschwinden markiert folgerichtig den Punkt, an dem sich die Erzählung von der klassischen Ermittlungsstruktur löst und eine unerwartete Wendung nimmt, die den Leser zwingt, bisherige Annahmen zu revidieren. Stilistisch überzeugt der Roman durch eine Sprache, die sich deutlich an der klassischen Holmes-Tradition orientiert, ohne in bloße Imitation zu verfallen. Die Dialoge sind präzise gesetzt, das Erzähltempo ausgewogen, die Spannung entsteht weniger aus spektakulären Effekten als aus der sorgfältigen Verdichtung von Hinweisen und Motiven. Gerade hierin liegt die Stärke des Buches: Es vertraut auf die Intelligenz seiner Leser und auf die zeitlose Faszination des deduktiven Denkens. „Sherlock Holmes Band 04 – Der Fall Harry Houdini“ ist damit weit mehr als ein routinierter Serienbeitrag. Der Roman erweist sich als klug komponierte Hommage an zwei Ikonen ihrer Zeit und als atmosphärisch reiches Leseerlebnis, das die klassische Detektivliteratur um eine facettenreiche historische und kulturelle Dimension erweitert. Für Leserinnen und Leser, die Sherlock Holmes nicht nur als Rätselknacker, sondern als literarische Figur in lebendigen Zeiträumen schätzen, ist dieser Band eine ausgesprochen lohnende Entdeckung.


Sherlock Holmes Band 04 - Der Fall Harry Houdini

Nach Amy Onn, basierend auf Charakteren von Sir Arthur Conan Doyle
Titania Medien | 120 Seiten


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