BELLETRISTIK
| 21.01.2026
Mein
ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
Alena
Schröders Roman erzählt weibliche Geschichte als generationsübergreifendes
Geflecht aus Schweigen, Fürsorge und Widerstand. Zwischen Kriegsende
und Gegenwart entfaltet sich ein feministisches Erinnerungsprojekt von
großer emotionaler und politischer Präzision. „Mein
ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ ist ein eindringlicher
Beweis für die literarische Kraft des zeitgenössischen Frauenromans.
von
Anna Winter

Auf
zwei Zeitebenen wird die bewegende Geschichte zweier Frauen erzählt,
deren Leben durch eine unscheinbar wirkende Leinwand für immer
verbunden ist.
Mit
„Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ legt
Alena Schröder einen Familienroman vor, der sich mit bemerkenswerter
Klarheit und emotionaler Präzision in die Traditionslinie feministischer
Erinnerungsliteratur einschreibt. Das Buch entfaltet seine Kraft aus
der Verschränkung mehrerer weiblicher Lebensgeschichten, die über
Generationen hinweg durch Gewalt, Schweigen, Fürsorge und Selbstbehauptung
miteinander verbunden sind. Schröder interessiert sich dabei weniger
für historische Vollständigkeit als für die inneren Spuren,
die Geschichte in weiblichen Biografien hinterlässt – und
für die Frage, wie diese Spuren weitergegeben, verdeckt oder neu
gedeutet werden. Der Roman eröffnet im s
Frühjahr 1945 mit einer Situation äußerster Vulnerabilität:
Die junge Marlen erlebt das Ende des Krieges nicht als Befreiung, sondern
als existenzielle Bedrohung. Ihr Körper wird zum Objekt der Angst,
der Rückzug in die Enge einer Schublade zur einzigen Möglichkeit
des Überlebens. Bereits hier setzt Schröders feministischer
Zugriff ein, indem sie den historischen Ausnahmezustand konsequent aus
der Perspektive eines weiblichen, noch nicht erwachsenen Subjekts erzählt.
Krieg erscheint nicht als heroisches Ereignis, sondern als körperlich
eingeschriebene Erfahrung von Ohnmacht und Gefahr. Die Begegnung mit
Wilma, deren Gewaltgeschichte den Roman wie ein dunkler Unterstrom durchzieht,
markiert einen Wendepunkt. Zwischen den beiden entsteht eine Beziehung,
die sich jeder klassischen Kategorisierung entzieht: keine Mutter-Tochter-Dynamik
im herkömmlichen Sinne, sondern ein solidarisches Bündnis
zweier Frauen, die einander Halt geben, wo gesellschaftliche Strukturen
versagen. Wilmas Geheimnis – lange unausgesprochen, aber stets
präsent – fungiert dabei als Symbol für jene verdrängten
weiblichen Erfahrungen, die im kollektiven Gedächtnis der Nachkriegszeit
keinen Platz fanden. Schröder zeigt eindrücklich, wie Schweigen
nicht nur schützt, sondern auch vererbt wird. Die zweite Zeitebene,
angesiedelt im Berlin der Gegenwart, führt mit Hannah Borowski
eine Protagonistin ein, deren Lebensrealität scheinbar von größerer
Freiheit geprägt ist, die jedoch ebenfalls von Leerstellen bestimmt
wird.

Der
Tod der Großmutter reißt ein emotionales Vakuum, das durch
das plötzliche Auftauchen des leiblichen Vaters nicht gefüllt,
sondern weiter verunsichert wird. Hannahs Misstrauen ist dabei weniger
Ausdruck persönlicher Verletztheit als vielmehr Resultat einer
weiblichen Sozialisation, die gelernt hat, familiäre Narrative
zu hinterfragen. Schröder verweigert einfache Schuldzuweisungen
und legt stattdessen die Mechanismen offen, durch die patriarchale Abwesenheit
normalisiert und weibliche Vermittlungsarbeit unsichtbar gemacht wird.
Zentral für die Struktur des Romans ist das verschollene Gemälde,
das wie ein materieller Anker zwischen den Zeiten fungiert. Als Kunstwerk
– Öl auf Leinwand, ohne Titel – entzieht es sich eindeutiger
Zuschreibung und wird gerade dadurch zur Projektionsfläche weiblicher
Geschichte. Es steht für das, was gesehen, aber nicht benannt wurde;
für Lebensleistungen, die keinen offiziellen Rahmen erhielten.
In feministischer Lesart wird das Bild zum Gegenentwurf zur genealogischen
Ordnung des Namens und der Herkunft: Bedeutung entsteht hier nicht durch
Signatur, sondern durch Erinnerung. Stilistisch zeichnet sich Schröders
Roman durch eine große erzählerische Zugänglichkeit
aus, ohne je in Simplifizierung zu verfallen. Die Prosa ist klar, rhythmisch
und emotional präzise, getragen von einer tiefen Empathie für
ihre Figuren. Besonders überzeugend ist die Art und Weise, wie
der Text weibliche Fürsorge nicht romantisiert, sondern als ambivalente
Praxis zwischen Selbstaufgabe und Selbstermächtigung sichtbar macht.
Dass sich der Roman trotz seiner thematischen Schwere mit großer
Spannung liest, ist Ausdruck einer Autorin, die das narrative Handwerk
ebenso beherrscht wie die leisen Töne. „Mein ganzes Leben,
Öl auf Leinwand, ohne Titel“ ist damit weit mehr als ein
klassischer Familienroman. Es ist ein feministisches Erinnerungsprojekt,
das weibliche Erfahrung über Generationen hinweg ernst nimmt und
ihre Kontinuitäten sichtbar macht. Alena Schröder gelingt
ein berührendes, klug konstruiertes Buch, das zeigt, wie sehr persönliche
Geschichte und gesellschaftliche Verhältnisse ineinandergreifen
– und wie notwendig es ist, den verschwiegenen Stimmen der Vergangenheit
Raum zu geben.
MEIN
GANZES LEBEN, ÖL AUF LEINWAND, OHNE TITEL
Alena
Schröder (Autorin) | dtv Verlagsgesellschaft | 352 Seiten
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