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SACHBUCH | 28.01.2026

Das erwachsene Land
Deutschland ohne Amerika – eine historische Chance

Ein Plädoyer für politische Mündigkeit im posttransatlantischen Zeitalter. Holger Stark analysiert die historische Abhängigkeit Europas von den USA und ihre strukturellen Folgen. Das Buch verbindet geopolitische Diagnose mit konkreten Strategien für europäische Souveränität. Ein zentraler Beitrag zur Frage, was politische Reife im 21. Jahrhundert bedeutet.

von Anna Winter

Ohne Amerika kein Europa, ohne US-Soldaten keine Sicherheit – das war die Formel, die seit dem Zweiten Weltkrieg galt. Mit Donald Trump geht diese Epoche unwiderruflich zu Ende. Die Amerikaner sind keine Freunde mehr. Für die Babyboomer und alle danach, die mit Jeans von Levi’s und Big Macs aufgewachsen sind, bedeutet dies das Ende eines Weltbildes.

Mit „Das erwachsene Land“ legt Holger Stark eine ebenso analytisch präzise wie politisch ambitionierte Untersuchung der transatlantischen Beziehungen vor, die sich als programmatischer Einspruch gegen jahrzehntelang eingeübte Gewissheiten liest. Das Buch ist weniger eine Abrechnung mit den Vereinigten Staaten als ein Plädoyer für politische Mündigkeit: für ein Deutschland und ein Europa, das seine sicherheits-, wirtschafts- und außenpolitischen Interessen nicht länger reflexhaft aus einer Haltung der Abhängigkeit heraus definiert, sondern als souveräner Akteur auftritt. Historisch verankert Stark seine Argumentation in der Nachkriegsordnung, in der das westdeutsche Selbstverständnis eng mit dem Schutzversprechen der USA verwoben war. Diese Konstellation erscheint bei ihm nicht als moralisches Versagen, sondern als rationales Ergebnis einer Weltlage, in der militärische Sicherheit, wirtschaftlicher Wiederaufbau und politische Integration ohne amerikanische Rückendeckung kaum denkbar gewesen wären. Gerade diese nüchterne Anerkennung der historischen Leistung des transatlantischen Bündnisses verleiht Starks Analyse ihre Glaubwürdigkeit: Er beschreibt keinen Bruch aus Undankbarkeit, sondern eine notwendige Weiterentwicklung angesichts veränderter geopolitischer Realitäten. Zentral ist dabei die Diagnose, dass die politische Verlässlichkeit der USA als ordnende Macht zunehmend erodiert. Stark zeichnet nach, wie sich diese Entwicklung nicht erst in jüngster Zeit, sondern schleichend vollzogen hat: von strategischen Irritationen über offene Demütigungen europäischer Partner bis hin zu einer Rhetorik, die Europa nicht mehr als Verbündeten, sondern als Problemfall adressiert. Besonders eindringlich arbeitet er heraus, wie asymmetrisch Machtverhältnisse wirken: Forderungen nach „mehr Verantwortung“ entfalten je nach Absender eine völlig unterschiedliche politische Bedeutung und offenbaren die psychologischen Tiefenschichten transatlantischer Abhängigkeit. Politikwissenschaftlich überzeugend ist Starks Analyse dort, wo er Abhängigkeit nicht nur militärisch, sondern als strukturelles Phänomen beschreibt.

Währungsdominanz, digitale Infrastruktur, Finanzarchitekturen und technologische Schlüsselindustrien erscheinen als ebenso wirkmächtige Instrumente geopolitischer Steuerung wie Truppenpräsenz oder Sicherheitsgarantien. Der Autor zeigt, dass politische Souveränität im 21. Jahrhundert nicht allein an Grenzen oder Armeen festzumachen ist, sondern an der Kontrolle über Datenströme, Zahlungswege und Produktionsketten. In diesem Sinne wird „Das erwachsene Land“ zu einer umfassenden Studie über Macht in einer globalisierten Welt. Normativ gewinnt das Buch seine Schärfe aus der Verbindung von Analyse und Handlungsoptionen. Stark belässt es nicht bei der Diagnose, sondern entwirft ein Bündel konkreter, wenn auch ambitionierter Schritte, mit denen Europa seine strategische Autonomie stärken könnte. Dabei vermeidet er einfache Lösungen oder revolutionäre Gesten. Unabhängigkeit erscheint bei ihm als Prozess, der paradoxerweise zunächst Kooperation voraussetzt und gerade deshalb politische Entschlossenheit erfordert. Die Abhängigkeit, so seine implizite These, ist nicht schicksalhaft, sondern das Ergebnis politischer Bequemlichkeit. Besonders bemerkenswert ist die politische Tiefenschärfe, mit der Stark die innenpolitischen Folgen der transatlantischen Verschiebungen analysiert. Die Möglichkeit externer Einflussnahme auf europäische Demokratien, bis hin zur gezielten Stärkung illiberaler Kräfte, wird nicht alarmistisch, sondern als reale strategische Option beschrieben. Hier verbindet sich außenpolitische Analyse mit demokratietheoretischer Sorge: Die Frage nach der geopolitischen Eigenständigkeit wird zur Frage nach der Resilienz liberaler Ordnungen. „Das erwachsene Land“ ist damit ein Buch, das bewusst provoziert, ohne polemisch zu werden. Es fordert eine politische Selbstvergewisserung, die weder antiamerikanisch noch naiv ist, sondern historisch informiert, strukturell gedacht und normativ begründet. In seiner klaren Sprache und analytischen Dichte markiert es einen wichtigen Beitrag zur Debatte über Europas Platz in einer zunehmend fragmentierten Weltordnung – und formuliert den Anspruch, dass politische Reife nicht im Bruch, sondern im selbstbewussten Neuentwurf von Beziehungen besteht.


DAS ERWACHSENE LAND
Deutschland ohne Amerika – eine historische Chance

Holger Stark (Autor) | Propyläen Verlag | 336 Seiten


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