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KUNSTBUCH | 18.02.2026

Kosmische Montage
Über die Enzyklopädie eines Grenzgängers

Ein Monument zwischen Mystik und Moderne. Diese Edition liest sich wie ein sakrales Objekt des Kinos. „Art Sin Fin“ öffnet das Archiv eines Visionärs – und verwandelt es in eine ästhetische Kosmologie.

von Anna Winter


© TASCHEN VERLAG

Wenn man die monumentale Edition „Alejandro Jodorowsky. Art Sin Fin“ (hrsg. von Donatien Grau) zum ersten Mal erblickt, wird unmittelbar deutlich: Dieses Buch will nicht gelesen, sondern erfahren werden. Es ist weniger Monografie als Manifest, weniger Retrospektive als Initiationsritual. In einer streng limitierten Auflage von nur 800 Exemplaren erscheint hier ein Werk, das sich selbst als Kunstobjekt begreift – ein skulpturales Archiv, das die ästhetische und geistige Topografie von Alejandro Jodorowsky vermisst. Bereits die äußere Gestalt signalisiert programmatisch die Dialektik, die Jodorowskys Werk seit jeher strukturiert: zwei ineinander verschachtelte Pyramiden aus klarem und dunklem Plexiglas, eine Anspielung auf das Prinzip polarer Kräfte, das in seinen Filmen wie in seinen Comics – etwa im Incal-Zyklus – kosmologisch aufgeladen erscheint. Die Box fungiert zugleich als Buchständer; sie ist Objekt und Funktion, Skulptur und Werkzeug. Diese Doppelcodierung verweist auf Jodorowskys künstlerisches Ethos: Kunst als Transformationsmaschine.

Der erste Band entfaltet sich als opulente, nahezu enzyklopädische Bildarchitektur. Über tausend Seiten versammeln Fotografien von Performances, Filmstills, Theaterarbeiten, Zeichnungen, Comics, Notationen, Archivmaterial. Doch die editorische Leistung besteht nicht in der bloßen Akkumulation, sondern in der rhythmischen Organisation. Die Sequenzierung erzeugt eine visuelle Dramaturgie, die an die Montageprinzipien der Filmavantgarde erinnert – an Sergej Eisensteins Idee der Attraktionsmontage ebenso wie an die surrealistische Logik des Schocks. Von den frühen Theaterexperimenten der 1950er Jahre über die legendären Filme El Topo und The Holy Mountain bis hin zu nicht realisierten Projekten wie der geplanten Adaption von Dune entfaltet sich ein Werk, das sich jeder Gattungsgrenze widersetzt. Das Buch folgt keinem linearen Narrativ, sondern evoziert ein kaleidoskopisches Prinzip: Wiederkehrende Motive – Alchemie, Tarot, Zirkus, Wüste, Kreuzigung, Geburt – erscheinen als ikonografische Konstanten eines persönlichen Mythos. Kunsthistorisch lässt sich Jodorowskys Bildsprache zwischen Surrealismus und sakraler Barocktheatralik verorten. Die Körper in seinen Filmen sind Tableaus, die an spanische Passionsdarstellungen erinnern; zugleich operiert er mit der Ironie und dem Anti-Bürgerlichen Gestus der historischen Avantgarden. „Art Sin Fin“ macht diese genealogischen Linien sichtbar, indem es Film, Performance und Grafik in ein dialogisches Verhältnis setzt. So wird deutlich, wie sehr Jodorowskys Kino aus dem Theater geboren ist – und wie stark seine Comics wiederum filmisch gedacht sind.


Alejandro Jodorowsky, Santa Sangre, 1989 | © Claudio Argento/Severin Films

Der zweite Band verschiebt die Perspektive radikal: Vom Bild zur Stimme. Hier tritt Jodorowsky als Kommentator seiner eigenen Ikonografie auf. Die Texte sind keine akademischen Erläuterungen, sondern poetisch-philosophische Meditationen, in denen jedes Bild in einen neuen Bedeutungsraum versetzt wird. Es entsteht ein dialogisches Gefüge zwischen visuellem Archiv und subjektiver Deutung. Diese Struktur erinnert an die Tradition der Künstlerbücher des 20. Jahrhunderts, in denen Text und Bild ein oszillierendes System bilden – man denke an William Blakes illuminated books oder an die surrealistischen Publikationen der 1930er Jahre. Doch Jodorowskys Ansatz ist stärker autobiografisch aufgeladen: Schöpfung erscheint hier als Akt permanenter Selbsttransformation. Kunst ist Heilung, Ritual, psychomagischer Prozess. Gerade in dieser Verschränkung von Mystik und Medialität liegt die kunsthistorische Relevanz der Edition. Sie zeigt, dass Jodorowsky nicht nur Regisseur oder Comic-Autor ist, sondern ein intermedialer Architekt, dessen Werk als Gesamtkunstwerk im Sinne Richard Wagners, zugleich aber als dekonstruktive Antwort auf eben dieses Pathos zu lesen ist.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die grafische Konzeption. Zwei eigens entwickelte Schriftarten – eine, die mittelalterliche Steininschriften modular neu interpretiert, eine andere, die ein futuristisches Alphabet imaginiert – inszenieren ein Spannungsfeld zwischen Vergangenheit und Zukunft. Typografie wird hier zum epistemologischen Statement: Geschichte ist Material, Zukunft Projektion. In dieser Dialektik spiegelt sich Jodorowskys Werkverständnis als transhistorische Bewegung. Dass Herausgeber Donatien Grau als Philologe und langjähriger Gesprächspartner des Künstlers fungiert, ist kein Zufall. Seine editorische Handschrift zeigt sich in der sorgfältigen Balance zwischen Archivtreue und ästhetischer Inszenierung. „Art Sin Fin“ ist kein Katalog, sondern eine kuratierte Denkfigur.

Mit einem Gesamtgewicht von vierzehn Kilogramm, goldenen und schwarzen Buchschnitten, Ausklappseiten und Signierblatt wird die physische Präsenz des Werks selbst zur Aussage. Die Limitierung auf 800 Exemplare transformiert das Buch in ein auratisches Objekt – eine bewusste Gegenposition zur digitalen Entgrenzung von Bildern. In einer Zeit, in der Archive zunehmend entmaterialisiert werden, insistiert diese Edition auf der Körperlichkeit der Kunst. Das Umblättern wird zur performativen Handlung; das Lesen zur Initiation. Damit schließt sich der Kreis zu Jodorowskys künstlerischer Praxis, die stets zwischen Ritual und Rebellion oszillierte. „Art Sin Fin“ ist somit mehr als eine Hommage. Es ist eine ästhetische Maschine, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft synchronisiert. Wer dieses Werk betrachtet, liest nicht nur die Geschichte eines Künstlers – er tritt in einen Kosmos ein, in dem Kino, Poesie, Comic und Mystik untrennbar verschmelzen. In seiner radikalen Materialität und intellektuellen Ambition setzt dieses Buch einen Maßstab für das, was eine kunstwissenschaftliche Edition heute leisten kann: Sie wird selbst zum Ereignis.


© TASCHEN VERLAG

Die 1970er Jahre markieren im internationalen Autorenkino einen Moment radikaler Neuvermessung. Zwischen politischer Militanz, strukturalistischer Formstrenge und psychedelischer Ekstase entstand ein heterogenes Feld, das gemeinhin unter dem Begriff „Filmavantgarde“ subsumiert wird. In diesem Koordinatensystem nimmt Alejandro Jodorowsky eine singuläre Position ein: Er ist weder vollständig dem experimentellen Kino im engeren Sinn zuzurechnen noch Teil der politisch-didaktischen Strömungen des Jahrzehnts. Vielmehr operiert er als Grenzgänger zwischen Mythos, Underground-Kultur und sakraler Überwältigungsästhetik. Mit El Topo (1970) und The Holy Mountain etablierte sich Jodorowsky im Kontext des sogenannten Midnight Movie-Phänomens, das insbesondere in New York ein subkulturelles Publikum formierte. Anders als die strukturellen Experimente eines Michael Snow oder Hollis Frampton setzte Jodorowsky nicht auf formale Reduktion, sondern auf ikonografische Überfülle. Seine Filme sind Exzesse der Farbe, des Körpers, der Allegorie. Gerade hierin liegt jedoch seine avantgardistische Radikalität: Die Nrration wird nicht abgeschafft, sondern alchemistisch transformiert. Der Western-Mythos in *El Topo* wird in ein mystisches Passionsspiel überführt; die Initiationsreise in *The Holy Mountain* dekonstruiert religiöse und kapitalistische Ikonografien zugleich. Das Erzählen wird zum Ritual – eine Strategie, die an Antonin Artauds „Theater der Grausamkeit“ erinnert und Jodorowskys eigene Theaterpraxis fortschreibt. Im kunsthistorischen Rückblick erscheint Jodorowskys Bildsprache als späte Mutation des Surrealismus. Doch während die klassische Avantgarde der 1920er Jahre das Unbewusste als poetisches Störmoment inszenierte, materialisiert Jodorowsky das Imaginäre in monumentalen Tableaus. Seine Filme sind bewegte Altarbilder: symmetrisch komponiert, farbdramaturgisch kalkuliert, ikonografisch überdeterminiert. Im Vergleich zu Luis Buñuel, dessen Surrealismus auf subtile Subversion zielte, wählt Jodorowsky den Weg der Überaffirmation. Er zeigt das Sakrale nicht ironisch gebrochen, sondern hypertroph gesteigert – bis es ins Groteske kippt. Diese Strategie verbindet ihn mit der performativen Körperkunst der 1970er Jahre: Der Körper wird zum Ort der Transgression, der Schmerz zur Schwelle der Erkenntnis.

Die Filmavantgarde der 1970er war stark von politischen Diskursen geprägt – vom Dritten Kino in Lateinamerika bis zu den essayistischen Arbeiten von Jean-Luc Godard. Jodorowsky hingegen entzieht sich der direkten Ideologiekritik. Seine Revolte ist metaphysischer Natur. Kapitalismus, Religion, Militarismus erscheinen nicht als analytisch zu dekonstruierende Systeme, sondern als Mythen, die durch symbolische Übercodierung entmachtet werden. Gerade hierin unterscheidet er sich von den marxistisch informierten Avantgarden jener Zeit. Während diese auf Aufklärung setzten, operiert Jodorowsky mit Initiation. Erkenntnis entsteht nicht durch Argument, sondern durch ästhetische Überwältigung. Seine Filme sind spirituelle Versuchsanordnungen – Grenzerfahrungen, die den Zuschauer transformieren sollen. Das nie realisierte Projekt einer Verfilmung von Dune markiert schließlich einen paradoxen Höhepunkt seiner avantgardistischen Ambition. Die geplante Zusammenarbeit mit Künstlern wie Moebius oder H. R. Giger zielte auf eine kosmische Bildwelt, die das Science-Fiction-Genre radikal transformieren sollte. Dass dieses Projekt scheiterte, verstärkte seinen Mythos: Die Utopie blieb Idee – und wurde gerade dadurch zur Legende der Filmgeschichte. Jodorowsky gehört zur Filmavantgarde der 1970er Jahre – und zugleich nicht. Er teilt mit ihr den Impuls zur Grenzüberschreitung, doch er verweigert sich ihrer methodischen Nüchternheit. Seine Filme sind keine formalen Experimente im engen Sinn, sondern spirituelle Exzesse, die Kino als Initiationsraum begreifen. Aus heutiger Perspektive erscheint sein Werk wie ein Paralleluniversum innerhalb der Avantgarde: weniger politisch-didaktisch, weniger formalistisch, dafür radikal visionär. In einer Epoche, die das Medium Film dekonstruiert, insistiert Jodorowsky auf dessen sakraler Kraft. Gerade darin liegt seine bleibende Aktualität.


ALEJANDRO JODOROWSKY. ART SIN FIN

Donatien Grau (Herausgeber) | Taschen Verlag | Zwei Bände in einer Plexiglasbox

Collector’s Edition (No. 201–1.000), von Alejandro Jodorowsky in Band 1 signiert –
auf einem Blatt, das an einer zufälligen Stelle im Buch eingefügt ist.


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