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SACHBUCH | 18.03.2026

Weltraumkapitalismus
Die Ökonomie des Kosmos

Der Weltraum als nächste Wirtschaftsfront der Menschheit. Rainer Zitelmann denkt Raumfahrt nicht als staatliches Prestigeprojekt, sondern als Markt. „Weltraumkapitalismus“ verbindet Ideengeschichte des Unternehmertums mit kosmischer Zukunftspolitik. Ein Buch, das die Ökonomie des Alls als nächstes Kapitel der Moderne entwirft.

von Kathy Schmidt

Die Raumfahrt ist eines der großen zivilisatorischen Projekte der Moderne. Doch ihre Geschichte wurde lange vor allem als staatliches Unternehmen erzählt – als geopolitischer Wettbewerb zwischen Supermächten, als Prestigeprojekt nationaler Technologiepolitik. Mit seinem neuen Buch „Weltraumkapitalismus“ schlägt Rainer Zitelmann eine andere Perspektive vor. Der Historiker und Soziologe interpretiert die Zukunft des Alls nicht primär als staatliches Abenteuer, sondern als ökonomischen Transformationsprozess. Das Buch, das am 16. März im Langen-Müller Verlag erschienen ist, ist dabei weniger eine technische Darstellung der Raumfahrt als eine intellektuelle Intervention in die Debatte über Innovation, Unternehmertum und die institutionellen Voraussetzungen großer technologischer Durchbrüche. Zitelmann beginnt mit einer historischen Rekonstruktion der Raumfahrtgeschichte. Die spektakulären Erfolge des 20. Jahrhunderts – insbesondere das Mondprogramm der USA – markierten zweifellos eine Epoche technologischer Kühnheit. Doch nach dieser Phase des politischen Wettlaufs folgte eine lange Periode relativer Stagnation. Programme wie das Space Shuttle verkörperten zwar ingenieurtechnische Meisterleistungen, erzeugten jedoch kaum jene exponentielle Innovationsdynamik, die viele Beobachter erwartet hatten. Raumfahrt blieb teuer, bürokratisch und stark von staatlichen Budgets abhängig. Der entscheidende Wandel setzte erst ein, als private Unternehmen begannen, in diesen Sektor vorzudringen. Zitelmann beschreibt diese Entwicklung als Beginn einer neuen Phase – einer Phase, in der Wettbewerb, unternehmerisches Risiko und technologische Experimentierfreude eine bislang ungeahnte Dynamik entfalten. Im Zentrum des Buches steht die Analyse jener jungen Industrie, die heute unter dem Begriff „New Space“ firmiert. Start-ups und privat finanzierte Raumfahrtunternehmen haben gezeigt, dass selbst ein hochkomplexes Feld wie die Raumfahrt nicht zwangsläufig in den Strukturen staatlicher Großprogramme verharren muss. Die Logik des Marktes – so Zitelmanns Argument – fördert Innovation, weil sie Fehlversuche zulässt, Kapital mobilisiert und logische Effizienz belohnt. Während staatliche Programme oft von politischer Vorsicht geprägt sind, können private Akteure radikalere Experimente wagen. Dieser Paradigmenwechsel hat nicht nur technische Konsequenzen, sondern auch gesellschaftspolitische. Raumfahrt wird von einer nationalstaatlichen Demonstration technologischer Macht zu einem globalen Innovationsökosystem. Besonders interessant ist Zitelmanns ökonomische Perspektive auf die langfristige Entwicklung der Raumfahrt. Er argumentiert, dass eine dauerhafte „Space Economy“ nur entstehen kann, wenn institutionelle Klarheit über Eigentumsrechte geschaffen wird. Rohstoffe auf Asteroiden, Helium-3 auf dem Mond oder industrielle Infrastruktur im Orbit sind nicht bloß technologische Visionen. Sie sind potenzielle Ressourcen einer zukünftigen Wirtschaft. Ohne verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen jedoch fehlen Investitionsanreize. Damit berührt das Buch eine zentrale Frage der politischen Ökonomie: Wie entstehen Eigentumssysteme in neuen Räumen? Die Geschichte der Erde zeigt, dass wirtschaftliche Entwicklung eng mit klar definierten Besitz- und Nutzungsrechten verbunden ist. Zitelmann überträgt diese Logik konsequent auf das All. Zitelmann ist seit Jahrzehnten als Kapitalismusforscher bekannt. Seine früheren Arbeiten beschäftigten sich mit der Psychologie des Unternehmertums und den kulturellen Voraussetzungen wirtschaftlichen Erfolgs. „Weltraumkapitalismus“ knüpft daran an, indem es Raumfahrt als nächste Arena unternehmerischer Kreativität interpretiert. Dabei argumentiert er nicht ideologisch, sondern historisch. Viele der großen technologischen Umbrüche – vom Eisenbahnnetz bis zur digitalen Revolution – wurden letztlich von privaten Unternehmern getragen. Raumfahrt könnte, so seine These, denselben Weg gehen. Das bedeutet nicht das Ende staatlicher Raumfahrtagenturen. Vielmehr entsteht ein hybrides System, in dem staatliche Institutionen Grundlagenforschung, Infrastruktur und Regulierung bereitstellen, während private Akteure Innovation und Skalierung vorantreiben.

Die vielleicht faszinierendste Dimension des Buches liegt in seinem Zukunftsausblick. Zitelmann beschreibt eine mögliche Entwicklung, in der Raumfahrt nicht länger eine seltene Ausnahmeleistung bleibt, sondern Teil einer expandierenden Wirtschaft. Orbitale Industrie, Rohstoffgewinnung auf Asteroiden, permanente Mondstationen oder sogar erste Kolonien auf dem Mars erscheinen hier nicht als utopische Fantasien, sondern als langfristige wirtschaftliche Projekte. Sollte sich diese Vision realisieren, würde sich die Perspektive der Menschheit radikal verschieben. Der Weltraum wäre nicht mehr nur wissenschaftliches Forschungsfeld oder geopolitische Bühne, sondern ein neuer Wirtschaftsraum – vergleichbar mit den großen geographischen Erweiterungen früherer Jahrhunderte. „Weltraumkapitalismus“ ist deshalb mehr als ein Buch über Raumfahrtpolitik. Es ist eine Reflexion über die institutionellen Bedingungen technologischer Zivilisation. Innovation entsteht selten allein aus wissenschaftlicher Neugier; sie benötigt ökonomische Strukturen, Risikokapital und unternehmerische Vision. Gerade in einer Zeit, in der staatliche Regulierung und technologische Skepsis häufig dominieren, erinnert Zitelmann daran, dass Fortschritt oft aus der Kombination von Freiheit, Wettbewerb und ambitionierten Individuen hervorgeht. Dieses Buch bietet eine bemerkenswerte Perspektive: Es denkt die Raumfahrt nicht als ferne Science-Fiction, sondern als nächsten Schritt der wirtschaftlichen und kulturellen Expansion des Menschen. Vielleicht wird man in einigen Jahrzehnten auf die frühen Jahre des „New Space“ zurückblicken wie auf die Anfänge der industriellen Revolution. Und dann könnte sich zeigen, dass die entscheidende Erkenntnis dieses Buches eine einfache war: Dass auch der Kosmos – wie einst die Ozeane – zu einer Bühne menschlicher Unternehmungslust werden kann.


„Weltraumkapitalismus“ von Rainer Zitelmann wirkt weniger wie eine bloße Zukunftsskizze der Raumfahrt als vielmehr wie ein programmatischer Beitrag zur politischen Ökonomie des Alls. Das Buch formuliert nicht nur eine Diagnose über die strukturellen Schwächen staatlich dominierter Raumfahrtprogramme, sondern auch eine provokante These über die institutionellen Voraussetzungen künftiger Expansion jenseits der Erde. Um diese Perspektiven weiter zu vertiefen, habe ich mit dem Autor über die historischen Fehlannahmen der klassischen Raumfahrtpolitik, den Aufstieg der privaten „New Space“-Industrie und die Frage gesprochen, warum Eigentumsrechte auf Mond, Mars oder Asteroiden zu den entscheidenden institutionellen Grundlagen einer künftigen Weltraumökonomie gehören könnten. Das folgende Gespräch mit Rainer Zitelmann knüpft an die zentralen Argumente seines Buches an und führt sie in eine weiterreichende Debatte über Markt, Staat und die Zukunft der menschlichen Zivilisation im All.

Herr Zitelmann, Sie beschreiben die Phase nach dem Apollo-Programm als eine Epoche der Stagnation. Welche historischen Fehlannahmen haben Ihrer Ansicht nach dazu geführt, dass die staatlich dominierte Raumfahrt in eine technologische Sackgasse geriet?

Rainer Zitelmann: Die Versuchung lag nahe, nach dem tollen Erfolg des Apollo-Programms mit der Mondlandung zu hoffen, dass man künftig nach ähnlichen Methoden auch erfolgreich sein werde. Diese Annahme war falsch. Die Mondlandung war auch deshalb erfolgreich, weil Geld einfach keine Rolle spielte: In heutigen Werten ausgedrückt, flossen 300 Milliarden in das Programm, 400.000 Menschen in 20.000 Firmen waren beteiligt. Es war eine Mobilisierung fast wie in Kriegszeiten. Danach fehlt erstens der Anreiz (die USA hatten den Wettlauf zum Mond ja gewonnen) und es gab auch keine anderen Anreize, z.B. ökonomische, die an Stelle des Prestige-Motivs getreten wären.

Das Space-Shuttle-Programm erscheint in Ihrem Buch als Symbol verpasster Innovationschancen. Welche strukturellen Defizite staatlicher Großprojekte legen Sie dabei besonders offen?

Rainer Zitelmann: Das Space Shuttle-Programm war ein typischer politischer Kompromiss. Sachliche Gesichtspunkte spielten eine völlig untergeordnete Rolle. Wichtiger war die Beschaffung von Arbeitsplätzen im damaligen Swingstate Kalifornien. Und wichtiger waren Lobbyinteressen – der Chef der Firma, die das Space Shuttle herstellte, war ein persönlicher Freund und wichtiger Wahlkampfspender für Richard Nixon.

Mit dem Aufstieg von Elon Musk und SpaceX identifizieren Sie einen Paradigmenwechsel. War dieser Erfolg primär technologischer Natur – oder vor allem ökonomisch-institutionell begründet?

Rainer Zitelmann: Früher gestaltete sich die Zusammenarbeit zwischen der NASA und den privaten Unternehmen so: Die NASA gab Raketen in Auftrag und machte detaillierte Vorschriften, wie diese produziert werden sollten. Die Unternehmen mussten die Kosten nachweisen und dürften dann einen Aufschlag machen, zum Beispiel 8 bis 10 Prozent. Das Mikromanagement drückte die Arroganz von Politikern und Beamten aus, die glauben, sie wüssten es besser als die Unternehmer. Und das erwähnte „Cost plus“-System sollte verhindern, dass die Unternehmen zu viel Gewinn machten. Tatsächlich wurde das Gegenteil erreicht, denn nach diesem System bestand ein Anreiz, die Kosten in die Höhe zu treiben: je höher die Kosten, desto höher der Gewinn. Musk macht es heute ganz anders: Er verkauft der NASA keine Raketen nach einem Cost-Plus-Programm, sondern er verkauft an die NASA, wie auch an viele private Unternehmen, Dienstleistungen zu einem Fixpreis: Ich bringe deine Astronauten zur ISS oder einen Satellit ins All und du zahlst dafür xx Dollar. Was er an Kosten spart, ist sein Gewinn. Damit ist ein Anreiz zur Kostenreduktion gegeben. Und gegenüber dem Space Shuttle hat Musk seine Kosten, um 1 Kilo ins All zu bringen, um 95 Prozent gesenkt.

Ihr Buch plädiert für die privatwirtschaftliche Dynamik als Triebkraft künftiger Raumfahrt. Inwiefern ist „Weltraumkapitalismus“ auch als ideengeschichtliche Intervention in die Debatte um Markt und Staat zu verstehen?

Rainer Zitelmann: Heute ist im Westen der Glaube an „Industriepolitik“ verbreitet, obwohl dieses Konzept immer wieder gescheitert ist. Marianna Mazzucato, übrigens auch die Lieblingsökonomin von Robert Habeck, führt in ihren Büchern die Mondlandung als Vorbild an, wie das funktionieren soll. Nun, sie hat sich von 60 Jahren bemannter staatlicher Raumfahrt die 10 erfolgreichen Jahre rausgepickt und die anderen 50 Jahre weggelassen. Ich erzähle daher jetzt mal die Geschichte der folgenden 50 Jahre.

Sie argumentieren, dass fehlende Eigentumsrechte auf Mond, Mars und Asteroiden zentrale Investitionsanreize blockieren. Welche historischen Vorbilder – etwa aus der Industrialisierungs-geschichte – haben Sie bei dieser These geleitet?

Rainer Zitelmann: Nun ja, ich kenne keine funktionierende wirtschaftliche Ordnung, wo man nicht Privateigentum an Grund und Boden (oder zumindest Jahrzehntelange Nutzungsrechte) frei kaufen undverkaufen kann. Wer das für den Weltraum ablehnt, propagiert damit einen Weltraumsozialismus nach dem Modell Nordkorea. Warum soll das, was in Nordkorea nicht funktioniert, auf dem Mond, dem Mars oder Asteroiden funktionieren? Ich wundere mich eher, dass diese Frage bislang kaum mal jemand gestellt hat, außer vielleicht ein paar spezialisierte Weltraumjuristen in Fachzeitschriften. Ich will eine Diskussion anstoßen, und mein Buch wird im Juni in einem der größten Verlage der USA erscheinen, mit einem Vorwort von Newt Gingrich, der meinen Ansatz unterstützt.

Das deutsche Vorwort stammt von Georg Kofler. Welche Rolle spielte der Austausch mit Unternehmerpersönlichkeiten bei der Konzeption Ihres Buches – und hat er Ihre Perspektive auf ökonomische Raumfahrtvisionen beeinflusst?

Rainer Zitelmann: Wenn ich ein Buch schreibe, spielt der Austausch mit Fachleuten immer eine große Rolle. Besonders wichtig bei diesem Buch waren Eugen Reichl (Deutschlands führender Raumfahrtexperte, der 48 Bücher über Raumfahrt geschrieben hat) und Robert Zubrin, der Gründer und Präsident der Mars Society, der Elon Musk maßgeblich beeinflusst hat. Aber auch von Experten wie Harry Jones, der seit 60 Jahren (!!) in der Space Industrie tätig ist und bis heute im NASA Ames Center arbeitet, habe ich sehr viel gelernt.

Wenn Kapitalismus künftig der Motor der Raumfahrt sein soll: Welche konkreten Geschäftsmodelle halten Sie für realistisch – Rohstoffabbau, Weltraumtourismus, orbitaler Produktionsstandort?

Rainer Zitelmann: All das und noch viel mehr. Heute wird das Geld vor allem mit Satelliten und Startdienstleistungen verdient. Aber Musk plant gigantische Rechenzentren im All – und er ist nicht allein damit. Das Unternehmen Planet arbeitet mit Google auch daran. Weltraumtourismus, Space-Mining etc. werden eine wichtige Rolle spielen, aber viel hängt von der Frage des Privateigentums auf Himmelskörpern ab. Der Weltraumvertrag von 1967 verbietet es Staaten, sich Grund und Boden auf Himmelskörpern anzueignen. Ob das auch für Privatpersonen gilt, ist unter Juristen umstritten. Diese Unsicherheit muss irgendwie beseitigt werden, denn anders ist eine Finanzierung von Space-Projekten im großen Maßstab gar nicht möglich.

Ohne klar definierte Eigentumsrechte, so Ihre These, bleibt der ökonomische Impuls begrenzt. Wie ließe sich ein internationales Rechtsregime etablieren, das Investitionssicherheit schafft, ohne geopolitische Konflikte zu verschärfen?

Rainer Zitelmann: Ja, wer soll zum Beispiel das Recht haben, sich Eigentum auf dem Mars anzueignen? Ich finde, derjenige sollte das Recht haben, der fähig ist und das Risiko eingeht, dort hinzugelangen und dann auch was mit dem Land zu machen, also es zu entwickeln. Wenn der Mars niemandem gehört, wird sich dort auch nichts entwickeln. Dass er einem Staat gehört, ist durch den Weltraumvertrag verboten, und ich fände das auch nicht gut. Daher hoffe ich, dass irgendwann private Unternehmen – vielleicht SpaxeX – sich Flächen auf dem Mars aneignen und diese als REITS an die Börse bringen, um so andere Investoren einzubeziehen und all das zu finanzieren.

Sehen Sie die Gefahr, dass eine privatwirtschaftlich dominierte Raumfahrt neue Monopolstrukturen hervorbringt – vergleichbar mit den großen Tech-Konzernen der Gegenwart?

Rainer Zitelmann: In manchen Bereichen ist SpaceX heute ein Monopolist, was im ökonomischen Sinn keineswegs eine 100-prozentige Marktbeherrschung bedeutet, aber doch einen Mangel an Konkurrenz, so dass Preise diktiert werden können. Man sieht das deutlich bei den Startkosten, wo SpaceX wegen seiner Marktstellung ein Mehrfaches der Selbstkosten verlangen kann und auch verlangt. Eine andere negative Auswirkung von Monopolstellungen, dass nämlich ein Unternehmen behäbig wird und weniger innovativ ist, trifft für SpaceX in keiner Weise zu. Musk ist unglaublich schnell – dazu muss ihn keine Konkurrenz antreiben, sondern er kämpft gegen die Zeit, weil er noch in seiner Lebensspanne mit der Besiedlung des Mars beginnen will. Das SpaceX-Monopol ist positiv und negativ zugleich. Wenn es darum geht, völlig neue Produkte und Märkte zu entwickeln, was Musk getan hat, dann bedeutet dies ganz andere Risiken und Erfordernisse als das Agieren in etablierten Märkten. Dieses erhöhte Risiko gehen Unternehmer am ehesten dann ein, wenn die Aussicht auf – zumindest vorübergehende – Monopolgewinne deutlich oberhalb der normalen Gewinnspannen lockt. Aber die Erfahrung zeigt, das zeige ich in meinem Buch „Die 10 Irrtümer der Antikapitalisten“, dass alle Monopole auf dem Höhepunkt ihrer Macht in der Dauerhaftigkeit weit überschätzt werden, weil sie mittel- und langfristig durch Innovation und Wettbewerb zerstört werden Auch das gehört zum Weltraumkapitalismus.

Welche Rolle werden Nationalstaaten künftig spielen: Rückzug auf regulatorische Rahmensetzung oder strategische Partnerschaft mit privaten Akteuren?

Rainer Zitelmann: Staaten werden vor allem in den Bereichen Militär und Grundlagenforschung eine Rolle spielen. Und ich hoffe nicht, dass sie anfangen den Weltraum überzuregulieren, wie sie das schon auf der Erde machen. Meine Utopie ist, dass der Staat im Weltraum eine geringere Rolle spielt als auf der Erde.

Abschließend: Ist die Besiedlung von Mond oder Mars für Sie primär ökonomisches Projekt, zivilisatorische Notwendigkeit oder Ausdruck menschlicher Neugier? Und welche Zeithorizonte erscheinen Ihnen realistisch?

Rainer Zitelmann: Es ist immer zuerst eine Minderheit, die den Drang spürt, Neues zu entdecken, zu erforschen, zu entwickeln. Vor 70.000 Jahren, als sich die ersten Menschen aus Afrika fortbewegten, um schließlich andere Länder und Kontinente zu entdecken, haben die meisten vielleicht auch gesagt: „Was sollen wir da?“ Wenn es nur solche Menschen gegeben hätte, säßen wir noch immer auf den Bäumen, würden hinaus auf die Savanne starren und uns fragen, was sie uns wohl bieten könnte. Es gab auch Leute, die behaupteten, wir würden nie zum Mond fliegen und fragten, was wir denn da wollten. Der britische Bergsteiger George Leigh Mallory antwortete „Because it’s there.“ („Weil er da ist.“), als man ihn 1923 fragte, warum er den Mount Everest besteigen wolle. Mein Lieblingszitat ist aber „Die Erde ist die Wiege der Menschheit, aber man kann nicht ewig in der Wiege bleiben.“ Er stammt von dem genialen Konstantin Tsiolkovsky (1857–1935), dem russischen Theoretiker der Raumfahrt. Meine Antwort, warum wir zum Mars sollten: In kosmischen Dimensionen gibt es menschliches Leben erst seit einer Mikrosekunde. Es wäre schade, wenn es erlischt, etwa weil ein Asteroid das Leben auf der Erde zerstört. Schon das allein ist ein Grund, warum wir die Menschheit zu einer multiplanetaren Spezies machen sollten, wie das Elon Musk formuliert. Harry Jones von der NASA hat nachgewiesen, dass es technisch keine wirklichen Hindernisse mehr gibt, um zum Mars zu kommen. Ich denke, innerhalb der nächsten zehn Jahre werden die ersten Menschen den Mars betreten. Innerhalb der nächsten 20-30 Jahre, werden erste kleine Siedlungen entstehen. Und in den nächsten 200 bis 300 Jahren wird man versuchen, den Mars durch Terraforming ein wenig lebensfreundlicher zu machen.


WELTRAUMKAPITALISMUS

Rainer Zitelmann (Autor) | Langen-Müller | 336 Seiten


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