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SACHBUCH | 13.05.2026

Das Gespenst des amerikanischen Jahrhunderts
Lawrence Schillers „Marilyn & Me“ und die unsterbliche Gegenwart der Marilyn Monroe

Zwischen Glamour, Einsamkeit und der erbarmungslosen Mechanik der Bilderindustrie entsteht mit „Marilyn & Me“ weit mehr als ein klassischer Fotoband. Lawrence Schiller erzählt von einer Frau, die längst aufgehört hatte, bloß Schauspielerin zu sein, und sich bereits zu einem modernen Mythos verwandelt hatte. Die Fotografien und Erinnerungen offenbaren Marilyn Monroe als fragile Architektin ihrer eigenen Ikonografie — zugleich Objekt der Begierde und souveräne Regisseurin ihrer öffentlichen Erscheinung. So wird das Buch zu einer kulturhistorischen Meditation über Starruhm, mediale Ausbeutung und die Geburt des modernen Pop-Images.

von Richard-Heinrich Tarenz


© Lawrence Schiller/Courtesy TASCHEN and Holden Luntz Gallery

Es gibt nur wenige Gesichter des 20. Jahrhunderts, die sich derart tief in das kollektive Bildgedächtnis der Moderne eingebrannt haben wie das von Marilyn Monroe, deren weißes Kleid über dem U-Bahn-Schacht, deren halb geöffnetes Lächeln und deren eigentümliche Mischung aus Verletzlichkeit, Erotik und melancholischer Selbstinszenierung inzwischen nicht mehr bloß Bestandteil der Filmgeschichte, sondern Teil einer globalen Ikonografie geworden sind, die gleichermaßen Werbung, Kunst, Mode, Popmusik und digitale Bildkultur durchdringt.

Mit „Marilyn & Me“, dem im Juni beim TASCHEN Verlag erscheinenden Erinnerungs- und Fotoband von Lawrence Schiller, kehrt diese Ikone nun noch einmal zurück — nicht als ferne Göttin eines vergangenen Hollywoods, sondern als irritierend gegenwärtige Figur, deren Verhältnis zur Kamera, zur Öffentlichkeit und zu ihrem eigenen Körper erstaunlich modern erscheint, beinahe erschreckend zeitgenössisch.

Denn das eigentlich Faszinierende an diesem Buch liegt weniger in seinem dokumentarischen Wert als vielmehr in seiner kulturtheoretischen Dimension: Schillers Erinnerungen und Fotografien erzählen nicht bloß von Begegnungen mit einem Weltstar, sondern von einem historischen Moment, in dem sich die Beziehung zwischen Prominenz, medialer Reproduktion und ökonomischer Verwertung radikal verändert.


© TASCHEN VERLAG

Die Erfindung Marilyn Monroes

Geboren wurde Marilyn Monroe 1926 als Norma Jeane Mortenson in Los Angeles, in einer Welt sozialer Unsicherheit, zerrissener Familienverhältnisse und institutioneller Kälte, die ihre spätere Sehnsucht nach Liebe, Anerkennung und emotionaler Stabilität nachhaltig prägen sollte. Pflegefamilien, Waisenhausaufenthalte und frühe Entwurzelung bildeten den biografischen Untergrund einer Persönlichkeit, die später zwar zum größten Sexsymbol ihrer Epoche stilisiert wurde, innerlich jedoch stets eine fragile Suchbewegung zwischen öffentlicher Projektion und privater Einsamkeit blieb. Dass ausgerechnet diese junge Frau, die aus den unteren sozialen Schichten der amerikanischen Westküste stammte, später zur vielleicht endgültigen Verkörperung des amerikanischen Traums werden sollte, gehört zu den großen Paradoxien der Moderne. Denn Marilyn Monroe war niemals lediglich Schauspielerin; sie war Produkt, Fantasie, Oberfläche und Projektionsfläche zugleich — ein Wesen, das Hollywood zunächst erschuf, das sich jedoch zunehmend gegen seine eigene Konstruktion aufzulehnen begann. Filme wie „Blondinen bevorzugt“, „Das verflixte 7. Jahr“ oder „Manche mögen's heiß“ machten sie zwar zur populärsten Blondine des Planeten, reduzierten sie aber zugleich auf eine stereotype Erotikfigur, deren öffentliche Wahrnehmung nur selten erkannte, wie präzise Monroe ihre eigene Wirkung kalkulierte und wie intelligent sie mit der Mechanik des Starruhms umging.

Gerade darin liegt ihre bis heute anhaltende popkulturelle Bedeutung. Marilyn Monroe war eine der ersten modernen Berühmtheiten, die intuitiv verstand, dass mediale Sichtbarkeit längst nicht mehr allein auf schauspielerischer Leistung beruhte, sondern auf der kontrollierten Produktion von Bildern, Gesten und emotionalen Narrativen. Lange bevor soziale Medien die permanente Selbstinszenierung zum globalen Alltag machten, lebte Monroe bereits in einem Zustand totaler Öffentlichkeit, in dem jede Bewegung ihres Körpers, jede Beziehung und jede fotografische Aufnahme Bestandteil einer gigantischen kulturellen Erzählmaschine wurde.

Zwischen Kamera und Körper

Genau an diesem Punkt setzt „Marilyn & Me“ an. Lawrence Schiller begegnete Monroe zunächst 1960 während der Dreharbeiten zu „Machen wir’s in Liebe“ und fotografierte sie später erneut am Set des nie vollendeten Films „Something's Got to Give“, dessen Produktion inzwischen fast mythischen Status besitzt, weil sich in ihr der körperliche und psychische Zerfall der Schauspielerin mit der unbarmherzigen Logik des Studiosystems überlagerte.


© Lawrence Schiller/Courtesy TASCHEN and Holden Luntz Gallery

Schillers Buch besitzt dabei eine eigentümliche Ambivalenz, die es weit interessanter macht als viele klassische Hollywood-Erinnerungswerke. Einerseits bewundert der Fotograf Monroe sichtbar; andererseits dokumentiert das Buch mit bemerkenswerter Offenheit jene aggressive Ökonomie des Blicks, die sich bereits an der Schwelle zur modernen Paparazzi-Kultur befindet. Schiller erscheint oftmals wie ein Jäger nach dem perfekten Bild, nach jener exklusiven Aufnahme, die nicht nur ästhetischen, sondern vor allem kommerziellen Wert besitzt. Gerade dadurch wird das Werk jedoch aufschlussreich, weil es unbeabsichtigt die moralische Struktur der entstehenden Mediengesellschaft offenlegt.

Die Kamera wird hier nicht bloß Werkzeug der Beobachtung, sondern Instrument symbolischer Aneignung. Monroe wiederum scheint dieses Spiel besser zu verstehen als die Männer um sie herum. Während viele Fotografen glaubten, sie lediglich abzubilden, hatte sie längst begriffen, dass das Bild selbst Macht erzeugt — Macht über Begehren, Erinnerung und kulturelle Dauer.

Besonders eindrucksvoll sind jene Fotografien am Swimmingpool, die wenige Wochen vor ihrem Tod entstanden und die heute wirken wie Vorboten eines Endes, das bereits unsichtbar über den Bildern liegt. Das Wasser, das Licht auf ihrer Haut, die bewusst gesetzten Körperlinien und die fast traumartige Farbigkeit dieser Aufnahmen erzeugen eine eigentümliche Spannung zwischen Sinnlichkeit und Vergänglichkeit. Monroe erscheint darin nicht als passives Objekt männlicher Betrachtung, sondern als aktive Choreografin ihrer eigenen Sichtbarkeit.

Gerade darin unterscheidet sie sich fundamental von vielen späteren Stars. Während heutige Prominenz häufig auf permanenter Verfügbarkeit basiert, bewahrte Monroe trotz ihrer medialen Allgegenwart stets ein Zentrum des Unerreichbaren. Ihre Bilder waren niemals vollständig konsumierbar; sie enthielten immer einen Rest von Geheimnis, Traurigkeit und emotionaler Distanz.


© TASCHEN VERLAG

Die Geburt der modernen Popikone

Die eigentliche Größe von „Marilyn & Me“ besteht deshalb darin, dass das Buch Marilyn Monroe nicht nur als historische Person rekonstruiert, sondern als frühe Blaupause moderner Celebrity-Kultur lesbar macht. Denn nahezu jede Mechanik heutiger Popkultur — die Verschmelzung von Privatheit und Öffentlichkeit, die Ökonomisierung intimer Bilder, die Inszenierung von Verletzlichkeit, die gleichzeitige Selbstermächtigung und Selbstvermarktung weiblicher Stars — lässt sich bereits in Monroe erkennen. Sie war gewissermaßen der Prototyp jenes postmodernen Stars, dessen Existenz vollständig durch Bilder vermittelt wird und dessen Tod die Ikone erst endgültig vollendet. Dass Künstler wie Andy Warhol sie später zur serigrafischen Endlosschleife der Konsumgesellschaft machten, war daher kein Zufall, sondern die logische Konsequenz ihrer medialen Existenzform. Marilyn Monroe wurde nach ihrem Tod endgültig von der Person zum Zeichen. Doch genau deshalb wirkt „Marilyn & Me“ heute so berührend: Zwischen den perfekt komponierten Fotografien, zwischen Glamour und kalkulierter Erotik, schimmert immer wieder jene erschöpfte, unsichere und zugleich hochintelligente Frau hindurch, die verzweifelt versuchte, Kontrolle über eine Öffentlichkeit zu gewinnen, die sie zugleich liebte und zerstörte. Lawrence Schillers Buch ist deshalb weit mehr als nostalgische Hollywood-Memorabilia.

Es ist ein melancholisches Dokument über den Beginn unseres heutigen Bildzeitalters, über die Gewalt des öffentlichen Blicks und über eine Frau, deren kulturelle Gegenwart auch mehr als sechs Jahrzehnte nach ihrem Tod ungebrochen bleibt. Denn Marilyn Monroe ist nicht vergangen. Sie gehört inzwischen zu jenen seltenen Figuren der Moderne, die sich von ihrer historischen Zeit gelöst haben und als ewige Erscheinungen durch die Archive der Popkultur wandern — schöner, trauriger und gegenwärtiger als viele Stars der digitalen Gegenwart.


LAWRENCE SCHILLER: MARILYN & ME

Lawrence Schiller (Autor) | Taschen Verlag
Hardcover, 200 Seiten | 60,00 Euro

Weiterführende Informationen unter taschen.com


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