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SACHBUCH | 13.05.2026

Die Selbstzersetzung der Demokratie
Moshe Zimmermanns kulturtheoretische Anatomie einer entgleisenden Gegenwart

Moshe Zimmermann liest die Gegenwart als Erosion eines zivilisatorischen Versprechens. „People gone mad“ ist Geschichtsanalyse, Kulturkritik und politische Warnschrift zugleich. Das Buch untersucht, wie Demokratien unter dem Druck von Nationalismus, religiösem Fundamentalismus und medialer Radikalisierung ihre eigenen Grundlagen untergraben. Ein ebenso unbequemes wie notwendiges Buch über die Krise der liberalen Moderne.

von Kathy Schmidt

Mit „People gone mad: Wie die Demokratie sich selbst zerstört“ legt der israelische Historiker Moshe Zimmermann ein Werk vor, das weit über die Tagespolitik hinausreicht und sich als tiefgreifende Analyse jener kulturellen, historischen und mentalitätsgeschichtlichen Prozesse lesen lässt, die gegenwärtig in zahlreichen Demokratien eine Erosion liberaler Ordnungsvorstellungen hervorrufen. Das im Propyläen Verlag erschienene Buch entfaltet seine Wirkung nicht durch polemische Zuspitzung allein, sondern durch die historisch geschulte Präzision seines Autors, der seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten deutsch-israelischen Intellektuellen gehört und dessen wissenschaftliches Werk sich immer wieder mit den politischen und kulturellen Langzeitfolgen von Nationalismus, Erinnerungspolitik und autoritären Versuchungen beschäftigt hat. Zimmermann, emeritierter Professor für deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem, hat sich in seinen früheren Arbeiten intensiv mit der deutsch-jüdischen Beziehungsgeschichte, mit der politischen Instrumentalisierung der Shoa sowie mit den ideologischen Tiefenstrukturen des Zionismus und des europäischen Nationalismus auseinandergesetzt. Gerade deshalb besitzt seine Stimme im gegenwärtigen globalen Krisendiskurs ein besonderes Gewicht: Er schreibt nicht aus der Perspektive kurzfristiger Empörung, sondern aus dem historischen Bewusstsein eines Gelehrten, der die longue durée politischer Radikalisierung erkennt.

Israel als Laboratorium der Gegenwart

Im Zentrum des Buches steht die politische Entwicklung Israels, die Zimmermann als paradigmatischen Fall einer liberalen Demokratie beschreibt, die zunehmend von nationalistischer Homogenisierung, religiöser Aufladung und institutioneller Erosion geprägt wird. Dabei interessiert ihn weniger die tagespolitische Oberfläche als die strukturelle Verschiebung politischer Mentalitäten. Die Geschichte des israelischen Parteiensystems erscheint in seiner Analyse als ein jahrzehntelanger Prozess der Rechtsverschiebung, in dessen Verlauf sozialdemokratische und liberale Kräfte kontinuierlich marginalisiert wurden, während ethnonationalistische und religiös-fundamentalistische Strömungen an Einfluss gewannen.

Besonders eindrucksvoll arbeitet Zimmermann heraus, wie sich in Israel seit den späten 1970er Jahren ein politisches Klima entwickelte, in dem der Konflikt mit den Palästinensern zum zentralen ideologischen Organisationsprinzip der Gesellschaft wurde. Der Gegensatz zwischen „rechts“ und „links“ reduziert sich dabei zunehmend auf die Frage nach dem Umgang mit den Palästinensern und der Zukunft der besetzten Gebiete. Der eigentliche kulturtheoretische Kern seiner Analyse liegt jedoch tiefer: Demokratie, so die implizite These des Buches, beginnt sich selbst zu zerstören, wenn nationale Identität nicht mehr als offenes zivilgesellschaftliches Projekt verstanden wird, sondern als ethnisch definierte Schicksalsgemeinschaft, deren Zusammenhalt durch permanente Feindbilder stabilisiert werden muss.

Die Radikalisierung der Mitte

Eine besondere Stärke des Buches liegt darin, dass Zimmermann den gegenwärtigen Rechtsruck nicht als Randphänomen beschreibt. Die eigentliche Gefahr entsteht seiner Ansicht nach gerade dadurch, dass nationalistische und autoritäre Positionen schrittweise in die gesellschaftliche Mitte einsickern und dort normalisiert werden. Die politische Landschaft Israels erscheint deshalb nicht als Kampf zwischen extremen Rändern und einer stabilen Mitte, sondern als ein Raum, in dem sich die Mitte selbst kontinuierlich nach rechts verschiebt. Parteien, die früher als konservativ galten, übernehmen zunehmend radikalere Positionen; liberale Kräfte schrumpfen zu einer marginalisierten Minderheit zusammen. Gerade hierin erkennt Zimmermann ein globales Muster. Israel fungiert in seiner Darstellung gewissermaßen als Vorgriff auf Entwicklungen, die inzwischen auch in Europa, Nordamerika und anderen Demokratien sichtbar werden. Nationalistische Mobilisierung, religiöser Fundamentalismus und die Delegitimierung unabhängiger Institutionen bilden eine neue ideologische Allianz, die liberale Demokratien von innen heraus transformiert.

Die globale Krise des Liberalismus

„People gone mad“ ist deshalb weit mehr als ein Buch über Israel. Zimmermann verknüpft die israelische Entwicklung mit einer internationalen Bewegung autoritärer und anti-liberaler Kräfte, die seit dem Ende des Kalten Krieges zunehmend an Einfluss gewonnen haben. Besonders bemerkenswert ist seine historische Perspektive auf die Zeit nach 1989. Während viele westliche Intellektuelle damals glaubten, die liberale Demokratie habe sich endgültig als universales Modell durchgesetzt, formierten sich im Hintergrund längst neue anti-aufklärerische Bewegungen. Religiöser Fundamen-talismus, ethnischer Nationalismus und autoritäre Staatsmodelle erwiesen sich keineswegs als Relikte der Vergangenheit, sondern als hochgradig anpassungs-fähige politische Energien. Die Anschläge des 11. September, die autoritären Systeme Russlands und Belarusslands sowie der Aufstieg nationalistischer Bewegungen in Europa erscheinen bei Zimmermann als Symptome derselben historischen Gegenbewegung. Dabei analysiert er mit großer Schärfe die transnationalen Verbindungen dieser Strömungen. Politiker wie Benjamin Netanyahu, Donald Trump oder Viktor Orbán erscheinen nicht als isolierte nationale Phänomene, sondern als Akteure eines globalen anti-liberalen Netzwerks, das sich gegenseitig legitimiert und stärkt.

Erinnerungspolitik als Machtinstrument

Besonders beklemmend ist Zimmermanns Analyse der Erinnerungskultur. Als Historiker der deutsch-jüdischen Geschichte zeigt er, wie historische Traumata zunehmend politisch instrumentalisiert werden. Die Shoa wird nicht nur als Mahnung verstanden, sondern häufig auch als moralisches Schutzschild gegen Kritik eingesetzt. Damit berührt das Buch eine zentrale Frage moderner Demokratien: Was geschieht, wenn kollektive Erinnerung ihre aufklärerische Funktion verliert und stattdessen Teil identitätspolitischer Machtkämpfe wird? Zimmermann argumentiert, dass Erinnerungspolitik dann ihre universale moralische Dimension einbüßt und in den Dienst nationaler Selbstlegitimation tritt. Gerade hierin erkennt er eine gefährliche Entwicklung, weil sie den demokratischen Diskurs moralisch verengt und politische Kritik delegitimiert.

Die junge Generation und die Zukunft der Demokratie

Besondere Aufmerksamkeit widmet das Buch der jüngeren Generation. Meinungsumfragen, die eine massive Rechtsorientierung unter jungen Israelis zeigen, interpretiert Zimmermann als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Transformation. Demokratische Werte, so seine Diagnose, verlieren ihre Selbstverständlichkeit, wenn eine Gesellschaft dauerhaft im Zustand nationalistischer Mobilisierung lebt. Der permanente Ausnahmezustand erzeugt politische Mentalitäten, die Sicherheit über Freiheit und ethnische Zugehörigkeit über universale Rechte stellen. Gerade hierin liegt die eigentliche Tragik des Buches: Die Demokratie wird nicht von außen zerstört, sondern von ihren eigenen Mehrheiten schrittweise umgeformt. Stilistisch bewegt sich Zimmermann souverän zwischen historiografischer Analyse, politischem Essay und kulturtheoretischer Reflexion. Seine Sprache ist dicht, argumentativ präzise und von jener intellektuellen Klarheit geprägt, die komplexe historische Prozesse sichtbar macht, ohne sie in vereinfachende Schlagworte aufzulösen. Das Buch verlangt Konzentration und historisches Interesse, belohnt seine Leser jedoch mit einer Analyse, die weit über die übliche politische Publizistik hinausgeht. Gerade weil Zimmermann historische Analogien mit Vorsicht behandelt und einfache Gleichsetzungen vermeidet, gewinnt seine Diagnose an Überzeugungskraft.

Fazit: Eine Warnschrift für das 21. Jahrhundert

Mit „People gone mad: Wie die Demokratie sich selbst zerstört“ hat Moshe Zimmermann ein Werk geschrieben, das als einer der wichtigsten politischen Essays der Gegenwart gelesen werden kann. Es ist ein Buch über Israel, aber ebenso über Europa, Amerika und die globale Krise liberaler Demokratien. Vor allem aber ist es eine kulturtheoretische Untersuchung darüber, wie Demokratien ihre eigenen normativen Grundlagen verlieren können, wenn Angst, Nationalismus und religiöse Ideologisierung den öffentlichen Raum dominieren. Zimmermanns Buch ist deshalb nicht nur Analyse, sondern Warnung. Er erinnert daran, dass Demokratie kein stabiler Endzustand der Geschichte ist, sondern eine fragile kulturelle Praxis, die jederzeit wieder zerfallen kann. Gerade in einer Zeit wachsender autoritärer Versuchungen besitzt dieses Buch eine intellektuelle Dringlichkeit, der man sich nur schwer entziehen kann.


PEOPLE GONE MAD:
Wie die Demokratie sich selbst zerstört

Moshe Zimmermann (Autor) | Propyläen Verlag | 288 Seiten


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