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COMIC | 03.06.2026

GLAUB MIR
Zwischen Glauben und Freiheit

Zwei Mädchen, zwei Religionen, eine Freundschaft – und ein gesellschaftliches System, das ihre Nähe nicht zulassen will. Mit „Glaub mir“ erzählt Jutta Pilgram eine ebenso intime wie politische Geschichte über Glauben, Identität und weibliche Selbstbehauptung. Der Comic verbindet Coming-of-Age-Erzählung, Religionskritik und feministische Gesellschaftsanalyse zu einem bemerkenswert vielschichtigen Werk.

von Linda Sjöberg


© Fotos: anja-mueller-fotografie.de

Es gibt Bücher, deren größte Stärke nicht darin besteht, spektakuläre Geschichten zu erzählen, sondern alltägliche Erfahrungen mit einer solchen Genauigkeit zu beobachten, dass aus dem Privaten plötzlich etwas Allgemeingültiges entsteht. Jutta Pilgrams „Glaub mir“, erschienen am 30. April 2026 im Jaja Verlag, gehört zu diesen Werken. Der Comic entwickelt aus einer zunächst unscheinbar wirkenden Freundschaftsgeschichte eine ebenso differenzierte wie bewegende Reflexion über Religion, familiäre Machtstrukturen, weibliche Sozialisation und die schwierige Suche nach einer eigenen Identität. Dabei gelingt Pilgram etwas, das insbesondere im deutschsprachigen Comic noch immer selten ist: Sie verbindet gesellschaftliche Analyse und emotionale Glaubwürdigkeit, ohne jemals ins Didaktische oder Plakative abzurutschen. „Glaub mir“ ist weder eine Abrechnung mit Religion noch eine simple Feier interkultureller Verständigung. Vielmehr handelt es sich um eine präzise Untersuchung jener Mechanismen, durch die Institutionen, Traditionen und familiäre Erwartungen das Leben junger Frauen formen – und oftmals auch begrenzen.

Die Freundschaft als Gegenentwurf zur Abschottung

Im Zentrum der Erzählung stehen Regina und ihre muslimische Klassenkameradin, deren Begegnung zunächst wie die klassische Ausgangssituation einer Coming-of-Age-Geschichte erscheint. Beide Mädchen wachsen in stark religiös geprägten Familien auf und erleben ihren Glauben als wesentlichen Bestandteil ihrer Identität. Gerade diese Gemeinsamkeit bildet die Grundlage ihrer Freundschaft. Bemerkenswert ist dabei, dass Pilgram Religion nicht als trennendes Element einführt, sondern als verbindendes. Die beiden Mädchen erkennen einander zunächst nicht trotz ihrer unterschiedlichen Konfessionen, sondern gerade wegen ihrer ähnlichen Erfahrungen. Beide bewegen sich innerhalb klar definierter religiöser Ordnungen, beide kennen die Erwartungen ihrer Familien, beide erleben die Spannung zwischen persönlicher Entwicklung und kollektivem Regelwerk. Damit unterläuft der Comic bereits früh eines der hartnäckigsten Narrative gesellschaftlicher Debatten, wonach religiöse Differenz zwangsläufig zu Konflikten führen müsse. Pilgram zeigt stattdessen, dass sich die Lebensrealitäten ihrer Figuren oftmals stärker ähneln als unterscheiden. Die eigentliche Trennlinie verläuft nicht zwischen den Religionen, sondern zwischen individueller Freiheit und institutioneller Kontrolle.

Feministische Lesart: Die Regulierung weiblicher Lebenswelten

Gerade aus feministischer Perspektive entfaltet „Glaub mir“ seine größte analytische Schärfe. Denn obwohl die Geschichte auf den ersten Blick von Religion handelt, erzählt sie in Wahrheit von Macht. Genauer gesagt: von jener subtilen Macht, die über Erziehung, Moralvorstellungen und soziale Erwartungen ausgeübt wird. Regina und ihre Freundin wachsen in Systemen auf, die ihre Lebensentwürfe strukturieren, ihre Entscheidungen beeinflussen und ihre Selbstwahrnehmung formen. Pilgram interessiert sich dabei weniger für theologische Fragen als für die Auswirkungen religiöser Prägung auf weibliche Biografien. Die Protagonistinnen werden nicht als passive Opfer dargestellt, sondern als junge Menschen, die versuchen, innerhalb bestehender Strukturen eigene Handlungsspielräume zu finden. Gerade dadurch gewinnt die Geschichte ihre emotionale Glaubwürdigkeit. Der Comic zeigt eindrucksvoll, wie gesellschaftliche Kontrolle häufig nicht durch offene Verbote funktioniert, sondern durch Loyalitätsforderungen, Schuldgefühle und familiäre Erwartungen. Die jungen Frauen lernen früh, welche Beziehungen erwünscht sind und welche nicht. Sie erfahren, dass Zugehörigkeit oft an Bedingungen geknüpft wird und dass persönliche Bindungen plötzlich politisch werden können. Aus feministischer Sicht wird die zerstörte Freundschaft damit zum Symbol einer größeren Problematik: der Einschränkung weiblicher Autonomie durch ideologische Systeme, die individuelle Entscheidungen einer höheren Ordnung unterordnen.

Religion als Spiegel menschlicher Strukturen

Eine besondere Qualität von „Glaub mir“ liegt in seiner differenzierten Betrachtung religiöser Gemeinschaften. Pilgram vermeidet jede Form vereinfachender Religionskritik. Weder das katholische noch das muslimische Umfeld ihrer Figuren wird dämonisiert. Stattdessen zeigt sie, wie ähnliche Mechanismen in unterschiedlichen kulturellen Kontexten wirken können. Die Parallelen zwischen den beiden Familien werden dabei zunehmend sichtbar. Gerade diese Beobachtung verleiht dem Werk seine gesellschaftliche Relevanz. Der Comic argumentiert nicht gegen bestimmte Glaubensrichtungen, sondern gegen jede Form dogmatischer Verengung. Er beschreibt, wie religiöse Überzeugungen problematisch werden können, wenn sie menschliche Beziehungen kontrollieren oder individuelle Erfahrungen delegitimieren. Bemerkenswert ist dabei die Zurückhaltung, mit der Pilgram dieses Thema behandelt. Die Erzählung entwickelt ihre Kritik nicht über große Konflikte oder spektakuläre Enthüllungen, sondern über alltägliche Situationen, kleine Verletzungen und schleichende Entfremdungen. Dadurch entsteht eine Form der Gesellschaftsanalyse, die umso wirkungsvoller erscheint, weil sie nie laut werden muss.

Erinnerung als Rekonstruktion weiblicher Erfahrung

Der Wiederbegegnung der beiden Frauen im Erwachsenenalter kommt innerhalb der Erzählung eine zentrale Bedeutung zu. Erst durch die gemeinsame Rekonstruktion ihrer Vergangenheit wird sichtbar, wie sehr äußere Einflüsse ihre Wahrnehmung der damaligen Ereignisse geprägt haben. Was lange als persönliches Scheitern erschien, entpuppt sich zunehmend als Ergebnis gezielter Einflussnahme und sozialer Kontrolle. Hier entfaltet „Glaub mir“ eine bemerkenswerte Reflexion über Erinnerung und Identität. Die Vergangenheit erscheint nicht als feststehende Wahrheit, sondern als ein Geflecht aus Interpretationen, Auslassungen und Zuschreibungen. Die beiden Frauen müssen ihre Geschichte neu erzählen, um sich selbst besser verstehen zu können. Diese Perspektive besitzt eine starke feministische Dimension. Die Wiederaneignung der eigenen Geschichte wird zum Akt der Selbstermächtigung. Indem die Figuren ihre Erinnerungen neu ordnen, lösen sie sich zugleich von jenen Deutungsmustern, die ihnen über Jahre hinweg vorgegeben wurden.


© Fotos: anja-mueller-fotografie.de

Die Bildsprache der Ambivalenz

Auch formal überzeugt Pilgrams Werk auf bemerkenswerte Weise. Der schwarz-weiße Zeichenstil verzichtet bewusst auf visuelle Überwältigungsstrategien und konzentriert sich stattdessen auf Atmosphäre, Emotion und symbolische Verdichtung. Die skizzenhafte Gestaltung erzeugt eine große Unmittelbarkeit und passt hervorragend zum autobiografisch anmutenden Ton der Erzählung. Besonders gelungen ist die visuelle Verdunkelung bestimmter Szenen. Immer dann, wenn dogmatische Strenge, Angst oder moralischer Druck das Leben der Figuren dominieren, verändert sich die Bildwirkung spürbar. Dunkle Flächen und starke Kontraste schaffen eine beklemmende Stimmung, die den psychologischen Gehalt der Handlung eindrucksvoll unterstützt. Diese grafische Strategie macht sichtbar, was die Figuren oft noch nicht aussprechen können. Die Zeichnungen werden zu einem eigenständigen Erzählinstrument, das emotionale und gesellschaftliche Spannungen gleichermaßen transportiert.

Coming-of-Age als gesellschaftliche Analyse

Wie die besten Coming-of-Age-Geschichten erzählt auch „Glaub mir“ vom Erwachsenwerden, ohne dieses auf individuelle Entwicklung zu reduzieren. Die Erfahrungen der Figuren werden stets in größere gesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet. Jugend erscheint hier als besonders verletzliche Lebensphase, in der Identität, Zugehörigkeit und Weltanschauung noch formbar sind. Gerade deshalb wirken religiöse und familiäre Einflüsse in dieser Zeit besonders stark. Pilgram beschreibt diesen Prozess mit großer Sensibilität. Ihre Figuren sind weder naive Opfer noch frühreife Rebellinnen. Sie bewegen sich vielmehr in einem Spannungsfeld zwischen Anpassung und Selbstbehauptung, zwischen Loyalität und Emanzipation. Diese Ambivalenz verleiht dem Comic eine bemerkenswerte psychologische Tiefe.

Fazit

Mit „Glaub mir“ ist Jutta Pilgram ein beeindruckender Comic gelungen, der weit mehr leistet als die Schilderung einer verlorenen Freundschaft. Das Werk verbindet persönliche Erinnerung, gesellschaftliche Analyse und feministische Perspektive zu einer vielschichtigen Erzählung über Identität, Glauben und die Bedingungen weiblicher Selbstbestimmung. Besonders überzeugend ist dabei die Fähigkeit der Autorin, komplexe Themen wie Religion, Intoleranz und soziale Kontrolle in eine emotional zugängliche Geschichte einzubetten. Die Freundschaft ihrer beiden Protagonistinnen wird zum Brennglas für größere gesellschaftliche Fragen, ohne jemals ihre menschliche Dimension zu verlieren. So entsteht ein kluger, sensibler und formal überzeugender Comic, der nicht nur von zwei Frauen erzählt, sondern von den Kräften, die ihre Lebenswege prägen – und von dem Mut, diese Prägungen im Erwachsenenalter kritisch zu hinterfragen. „Glaub mir“ gehört damit zu jenen seltenen Werken, die zugleich berühren, zum Nachdenken anregen und gesellschaftliche Debatten bereichern.


GLAUB MIR

Jutta Pilgram (Autorin) | Jaja Verlag | 248 Seiten


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