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SACHBUCH | 10.06.2026

Die Täter sind unter uns
Der lange Schatten der Diktatur

Drei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR ist der Streit um ihre Erinnerung keineswegs beendet. Hubertus Knabe legt mit der aktualisierten Neuausgabe seines Buches eine provokante Intervention in die deutsche Erinnerungskultur vor. Es ist ein Werk über politische Verantwortung, historische Gerechtigkeit und die Fragilität demokratischer Selbstgewissheiten.

von Kathy Schmidt

Es gibt Bücher, die historische Ereignisse beschreiben. Und es gibt Bücher, die selbst zu historischen Akteuren werden, weil sie in laufende gesellschaftliche Auseinandersetzungen eingreifen, Position beziehen und den Anspruch erheben, nicht lediglich zu dokumentieren, sondern das öffentliche Bewusstsein zu verändern. Hubertus Knabes „Die Täter sind unter uns: Über das Schönreden der SED-Diktatur“ gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Die nun erschienene, aktualisierte Neuausgabe verleiht einem Werk neue Aktualität, dessen zentrale Fragestellung seit seiner Erstveröffentlichung nichts von ihrer Brisanz verloren hat: Wie geht eine demokratische Gesellschaft mit den Hinterlassenschaften einer überwundenen Diktatur um, und welche Folgen hat es, wenn die Erinnerung an deren Opfer hinter die nostalgische Verklärung ihres Alltags zurücktritt? Knabe, der wie kaum ein anderer Publizist die deutsche Aufarbeitungsgeschichte der kommunistischen Diktatur begleitet hat, versteht sein Buch nicht als nüchterne Chronik, sondern als politische Intervention. Sein Anliegen besteht darin, auf eine Schieflage aufmerksam zu machen, die er in der deutschen Erinnerungskultur erkennt: Während die Mechanismen der nationalsozialistischen Herrschaft mit großer moralischer Entschlossenheit aufgearbeitet worden seien, drohe die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur zunehmend von einer romantisierenden Betrachtung des DDR-Alltags überlagert zu werden. Ob man jeder Zuspitzung seiner Analyse folgt oder nicht – die intellektuelle Kraft des Buches entsteht gerade aus dieser Unnachgiebigkeit.

Erinnerungspolitik als Kampf um Deutungshoheit

Knabe behandelt in diesem Buch ein Thema von fundamentaler Bedeutung: die Frage nach der Deutungshoheit über Geschichte. Demokratien leben nicht allein von Institutionen, Wahlen oder Verfassungen. Sie leben ebenso von gemeinsamen historischen Narrativen, von kollektiven Erinnerungen und moralischen Verständigungen darüber, welche Erfahrungen als warnendes Beispiel und welche als identitätsstiftend gelten sollen. In diesem Zusammenhang lenkt Knabe den Blick auf einen zentralen Mechanismus moderner Erinnerungspolitik. Geschichte wird nicht nur in Archiven geschrieben, sondern auch in Schulen, Medien, Gedenkstätten und öffentlichen Debatten. Wer bestimmt, welche Aspekte der Vergangenheit hervorgehoben und welche verdrängt werden, beeinflusst langfristig das politische Selbstverständnis einer Gesellschaft. Gerade hierin liegt die eigentliche Relevanz des Buches. Es geht weniger um die Vergangenheit der DDR als um die Gegenwart der Bundesrepublik. Knabe fragt, welche Konsequenzen entstehen, wenn sich die Erinnerung an politische Repression, Überwachung und Entrechtung allmählich abschwächt und stattdessen die vermeintlichen sozialen Sicherheiten eines autoritären Systems in den Vordergrund rücken.

Die vergessenen Opfer

Die stärksten Passagen des Buches widmen sich jenen Menschen, die unter der kommunistischen Herrschaft persönliche Opfer bringen mussten: politische Gefangene, Verfolgte, Zwangsausgesiedelte, Entrechtete und Menschen, deren Biografien durch die Eingriffe eines allgegenwärtigen Staates dauerhaft beschädigt wurden. Knabe macht deutlich, dass demokratische Erinnerungskultur nicht allein aus der Verurteilung von Tätern besteht, sondern ebenso aus der Anerkennung von Leid. Die Würde der Opfer wird dabei zum Maßstab einer politischen Gemeinschaft. Wo ihre Erfahrungen marginalisiert werden, entsteht ein moralisches Defizit, das weit über historische Detailfragen hinausweist. Besonders eindringlich beschreibt das Buch die oftmals langwierigen Kämpfe um Rehabilitierung, Entschädigung und gesellschaftliche Anerkennung. Damit verweist es auf ein Problem, das viele Transformationsgesellschaften kennen: Der Übergang von der Diktatur zur Demokratie bedeutet keineswegs automatisch Gerechtigkeit. Zwischen juristischer Aufarbeitung und moralischer Wiedergutmachung klafft häufig eine Lücke, die Generationen überdauern kann.

Die Grenzen der juristischen Vergangenheitsbewältigung

Ein weiterer zentraler Gedanke des Buches betrifft die Rolle des Rechtsstaates. Knabe vertritt die These, dass die strafrechtliche Aufarbeitung der SED-Diktatur vielfach hinter den Erwartungen zurückgeblieben sei. Die Ursachen dafür sieht er in juristischen, politischen und gesellschaftlichen Hemmnissen, die eine umfassendere Verfolgung von Verantwortungsträgern verhindert hätten. Auch wenn diese Bewertung kontrovers diskutiert werden kann, berührt sie einen Kernbereich der politikwissenschaftlichen Forschung über sogenannte Transitional Justice, also die juristische und moralische Bewältigung diktatorischer Vergangenheiten. Die Frage, wie Demokratien mit ehemaligen Funktionären autoritärer Systeme umgehen sollen, gehört zu den schwierigsten Problemen moderner Politik. Knabe erinnert daran, dass die Stabilität einer Demokratie nicht allein davon abhängt, wie sie ihre Zukunft gestaltet, sondern ebenso davon, wie glaubwürdig sie mit ihrer Vergangenheit umgeht. Gerade deshalb besitzt seine Argumentation eine Relevanz, die weit über die DDR-Geschichte hinausweist.

Die Aktualität einer alten Debatte

Die besondere Stärke der Neuausgabe liegt darin, dass sie in eine Zeit erscheint, in der demokratische Gesellschaften weltweit unter Druck geraten. Von Osteuropa bis Nordamerika, von Lateinamerika bis zum Nahen Osten erleben liberale Demokratien eine Phase wachsender Polarisierung. Autoritäre Sehnsüchte gewinnen erneut an Attraktivität, historische Wahrheiten werden relativiert, und politische Mythen konkurrieren mit empirischer Wirklichkeit. Vor diesem Hintergrund liest sich Knabes Buch nicht nur als Beitrag zur deutschen Zeitgeschichte, sondern als allgemeine Warnung vor der Verharmlosung autoritärer Herrschaft. Seine Analyse verweist auf ein universelles Muster: Je größer der zeitliche Abstand zu einer Diktatur wird, desto stärker wächst die Versuchung, ihre Schattenseiten auszublenden und ihre vermeintlichen Vorzüge hervorzuheben. Gerade deshalb besitzt das Werk eine bemerkenswerte Gegenwartsdimension. Es erinnert daran, dass Freiheit kein selbstverständlicher Zustand ist, sondern ein historisch errungenes Gut, dessen Wert oft erst dann erkannt wird, wenn es verloren geht.

Ein streitbares, notwendiges Buch

Die große Qualität von „Die Täter sind unter uns“ besteht nicht darin, endgültige Antworten zu liefern. Seine Stärke liegt vielmehr darin, unbequeme Fragen mit Nachdruck zu stellen. Das Buch provoziert, polarisiert und fordert Widerspruch heraus. Doch genau darin erfüllt es eine zentrale demokratische Funktion. Hubertus Knabe präsentiert keine distanzierte Akademikerschrift, sondern ein engagiertes Werk politischer Publizistik. Seine Perspektive ist bewusst zugespitzt, seine Urteile sind eindeutig, seine Sprache von moralischer Dringlichkeit geprägt. Das macht das Buch nicht schwächer, sondern verleiht ihm jene intellektuelle Energie, die viele zeitgeschichtliche Veröffentlichungen vermissen lassen. Die aktualisierte Neuausgabe erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem die Generation der unmittelbaren Zeitzeugen zunehmend verschwindet und die Erinnerung an die DDR in den Bereich kultureller Vermittlung übergeht. Gerade deshalb gewinnt Knabes Mahnung an Gewicht. Sie erinnert daran, dass historische Aufarbeitung niemals abgeschlossen ist, sondern jede Generation aufs Neue entscheiden muss, welche Lehren sie aus der Vergangenheit ziehen will. So bleibt „Die Täter sind unter uns“ weit mehr als ein Buch über die DDR. Es ist eine Reflexion über Erinnerung und Verantwortung, über Demokratie und ihre Gegner, über die politische Bedeutung historischer Wahrheit. Gerade weil es Widerspruch provoziert, verdient es Aufmerksamkeit. Und gerade weil es die bequemen Gewissheiten der Gegenwart infrage stellt, gehört es zu den wichtigsten Beiträgen der deutschen Aufarbeitungsliteratur der letzten Jahrzehnte.


DIE TÄTER SIND UNTER UNS:
Über das Schönreden der SED-Diktatur

Hubertus Knabe (Autor) | Langen Müller Verlag | 376 Seiten


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