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SACHBUCH | 24.06.2026

NICHT MIT UNS!
Wenn Gehorsam zur Gewissensfrage wird

Drei Ordensfrauen widersprechen einer Institution, der sie ein Leben lang gedient haben. Edith Meinhart erzählt daraus weit mehr als eine spektakuläre Klostergeschichte. Ihr Buch handelt von Alter, Würde, Macht, Glauben und der Freiheit des Gewissens. Und er zeigt, wie radikal ein leises „Nein“ werden kann, wenn es um das eigene Leben geht.

von Anna Winter

Ein „Nein“, das größer ist als sein Anlass

Es gibt Geschichten, die zunächst wie ein Kuriosum erscheinen und sich bei genauerer Betrachtung als Brennglas für eine ganze Gesellschaft erweisen; die Geschichte der drei Augustiner-Chorfrauen von Goldenstein gehört zweifellos in diese Kategorie. In ihrem Buch „Nicht mit uns!: Die unglaubliche Geschichte der Nonnen von Goldenstein“ nimmt die österreichische Journalistin Edith Meinhart einen Stoff auf, der durch seine mediale Vorgeschichte bereits über eine beträchtliche öffentliche Bekanntheit verfügt, und unternimmt das literarisch wie journalistisch anspruchsvolle Experiment, aus einer spektakulären Episode ein vielschichtiges Panorama über Institutionenmacht, religiöse Identität, Alter, Eigentum, Loyalität und die Frage nach der Legitimität des Ungehorsams zu entwickeln. Das Buch ist bei Edition Lauter erschienen, umfasst 208 Seiten und erzählt die Geschichte von Schwester Bernadette, Schwester Regina und Schwester Rita, den letzten Augustiner-Chorfrauen von Goldenstein in Elsbethen bei Salzburg, deren Gemeinschaft über viele Jahrzehnte das klösterliche Leben und eine katholische Schule an diesem Ort geprägt hatte.

Die Dramaturgie des Widerstands

Seine besondere Qualität gewinnt der Text zunächst aus einem bemerkenswerten narrativen Paradox: Ausgerechnet Frauen, deren Lebensform gemeinhin mit Gehorsam, Regelbindung und institutioneller Einordnung assoziiert wird, werden zu Protagonistinnen eines Aufbegehrens, das sich nicht gegen ihren Glauben richtet, sondern aus ihrer Vorstellung von einem glaubwürdigen religiösen Leben hervorgeht. Darin liegt der eigentliche intellektuelle Reiz des Buches, denn Meinhart konstruiert keinen simplen Gegensatz zwischen frommen Individuen und einer vermeintlich herzlosen Institution, sondern legt einen Konflikt frei, in dem verschiedene Formen von Autorität miteinander konkurrieren: kanonische Autorität, administrative Autorität, biografische Autorität, die Autorität des Gewissens und schließlich jene eigentümliche, schwer delegierbare Autorität, die aus einem jahrzehntelang gelebten Selbstverständnis erwächst. Dass drei hochbetagte Ordensfrauen sich der ihnen zugedachten Rolle widersetzen, ist deshalb nicht bloß eine skurrile Fußnote zur jüngeren Kirchengeschichte, sondern eine geradezu exemplarische Konstellation, in der sich die Frage zuspitzt, wem ein Mensch gehört, wenn sein Leben über Jahrzehnte einer Institution gewidmet war.

Zwischen Reportage, Porträt und literarischem Essay

Literaturwissenschaftlich betrachtet bewegt sich „Nicht mit uns!“ souverän im Zwischenbereich von Reportage, Porträt, dokumentarischem Erzählen und gesellschaftspolitischem Essay. Der Text beansprucht keine Fiktionalität, arbeitet aber mit genuin literarischen Verfahren der Dramaturgie: Konflikt wird verdichtet, Figuren werden profiliert, Räume erhalten symbolische Bedeutung, biografische Vergangenheit wird mit der Gegenwart verschränkt und ein konkreter Einzelfall wird auf eine größere gesellschaftliche Problematik hin geöffnet. Gerade diese Hybridität macht die Stärke des Buches aus. Meinhart schreibt nicht den klassischen journalistischen Bericht, der ein Geschehen möglichst transparent und chronologisch abarbeitet, sondern entwickelt aus recherchiertem Material eine erzählerische Struktur, in der die Leserinnen und Leser allmählich erkennen, dass hinter der scheinbar einfachen Frage, ob drei alte Frauen in ihrem Kloster bleiben dürfen, ein komplexes Geflecht aus Geschichte, Besitzverhältnissen, kirchlichen Zuständigkeiten, Alterspolitik, institutioneller Verantwortung und religiöser Selbstbestimmung steht.

Gehorsam, Gewissen und religiöse Autonomie

Gerade in dieser Frage entwickelt der Essay seine stärkste religionsgeschichtliche Tiefenschärfe. Das Christentum kennt die Spannung zwischen Gehorsam und Gewissen nicht erst seit den gegenwärtigen Auseinandersetzungen um kirchliche Machtstrukturen; sie zieht sich durch die Geschichte des religiösen Denkens, von den prophetischen Traditionen der Bibel über die Märtyrererzählungen der Alten Kirche bis zu den Konflikten zwischen Ordensreform, kirchlicher Hierarchie und individueller Berufung. Religiöser Gehorsam ist in dieser Perspektive keineswegs mit passiver Unterwerfung gleichzusetzen, sondern steht immer auch unter dem Vorbehalt der moralischen Verantwortung des Einzelnen. Meinharts Geschichte erhält gerade dadurch eine zusätzliche Dimension: Die drei Frauen erscheinen nicht lediglich als Betroffene eines Verwaltungs- oder Generationenkonflikts, sondern als Akteurinnen einer Gewissensentscheidung, in der sie ihre eigene Lebensgeschichte gegen eine institutionelle Definition ihrer Zukunft verteidigen.

Das Kloster als Gedächtnisraum

Dabei ist bemerkenswert, wie stark der konkrete Ort als erzählerischer und symbolischer Raum funktioniert. Ein Kloster ist nicht einfach ein Gebäude, sondern ein kulturell aufgeladener Lebensraum, in dem Architektur, Erinnerung, Ritual und Identität ineinandergreifen. Für Menschen, die dort einen Großteil ihres Lebens verbracht haben, bedeutet eine Übersiedlung daher nicht bloß einen Wechsel der Adresse, sondern kann als Bruch der biografischen Kontinuität erfahren werden. Das Kloster wird bei Meinhart zum Gedächtnisraum: Es bewahrt nicht nur Gegenstände und Mauern, sondern die Spuren einer Lebensform, die mit den Frauen untrennbar verbunden ist. In diesem Sinne besitzt die Rückkehr der Nonnen eine geradezu symbolische Qualität. Sie ist räumlich, biografisch und existenziell zugleich.

Keine Heldinnenlegende, sondern ein Machtkonflikt

Die Stärke der Autorin besteht darin, diese Symbolik nicht in sentimentale Verklärung kippen zu lassen. Gerade weil der Stoff emotional stark aufgeladen ist, wäre es leicht gewesen, die drei Frauen ausschließlich als liebenswerte, widerständige Heldinnen und ihre Gegenspieler als eindimensionale Vertreter einer kalten Bürokratie zu zeichnen. Ein solcher Zugriff hätte zwar die Dramaturgie vereinfacht, die gesellschaftliche Aussagekraft des Buches aber erheblich geschmälert. Die eigentliche Qualität des Essays liegt vielmehr darin, dass der Konflikt als asymmetrische Machtbeziehung sichtbar wird, ohne sich in bloßer Empörung zu erschöpfen. Die dokumentarische Perspektive hält an der Frage fest, welche Interessen, Rechtspositionen und institutionellen Logiken miteinander kollidieren, und lässt dadurch einen Raum entstehen, in dem die Leserinnen und Leser ihre eigene moralische Bewertung entwickeln können.

Alter als Frage der Freiheit

Besonders eindringlich ist die Altersthematik. Das hohe Lebensalter der drei Frauen ist nicht bloß biografischer Hintergrund, sondern strukturiert die gesamte Konfliktlage. Alter erscheint hier als gesellschaftliche Kategorie, die häufig mit Fürsorgebedürftigkeit gleichgesetzt wird und damit paradoxerweise zur Entmündigung beitragen kann. Gerade darin liegt eine der modernsten Dimensionen des Buches: Es stellt die Frage, wann Schutz in Bevormundung umschlägt und wann Fürsorge ihre moralische Legitimität verliert, weil sie den Willen desjenigen, dem sie gelten soll, nicht mehr ernst nimmt. Die Nonnen werden damit zu Protagonistinnen einer Debatte, die weit über das katholische Milieu hinausreicht und jeden betrifft, der sich mit dem selbstbestimmten Altern, mit Pflege, institutioneller Betreuung und der Bedeutung biografischer Autonomie auseinandersetzt.

Wenn aus einem lokalen Fall ein öffentliches Drama wird

Auch die mediale Dimension des Falls ist für die Lektüre relevant. Die Geschichte der Nonnen entwickelte sich zu einem öffentlichen Ereignis, nachdem ihre Rückkehr in das Kloster überregional und schließlich international Aufmerksamkeit erregte; journalistische Berichte, Podcasts und soziale Medien machten aus einem zunächst lokalen Konflikt ein kulturgesellschaftliches Phänomen. Meinharts Buch steht deshalb in einem eigentümlichen Verhältnis zu seinem Gegenstand: Es erzählt nicht einfach eine Geschichte, die bereits vor der Veröffentlichung existierte, sondern reflektiert implizit auch die Mechanismen, durch die eine solche Geschichte überhaupt zu einer öffentlichen Geschichte wird. Das ist für einen journalistischen Essay von besonderem Interesse, weil die Autorin damit zwischen Nähe und Distanz balancieren muss: Sie ist Rechercheurin, Erzählerin und Deuterin zugleich.

Der Strukturwandel des Katholizismus

Das macht „Nicht mit uns!“ zugleich zu einem Buch über Institutionen und ihre Alterungsprozesse. Die Nonnen verkörpern eine religiöse Lebensform, deren gesellschaftliche Selbstverständlichkeit längst verschwunden ist, während die kirchlichen Institutionen selbst mit dem Rückgang traditioneller Ordensgemeinschaften, veränderten Eigentumsverhältnissen und einer alternden Mitgliederschaft konfrontiert sind. Hinter dem konkreten Streit liegt somit ein Strukturwandel des Katholizismus. Was geschieht mit einem Kloster, wenn die Gemeinschaft, die es über Generationen geprägt hat, ausstirbt? Wem gehört ein religiöser Ort, wenn sein materieller Eigentümer nicht zugleich derjenige ist, der ihm seine spirituelle Bedeutung gegeben hat? Und wie lässt sich eine jahrzehntelang gewachsene Lebensform institutionell abwickeln, ohne die Biografien der Menschen zu beschädigen, die diese Lebensform getragen haben?

Vom Einzelfall zur Gesellschaftsanalyse

Besonders überzeugend ist die ethische Grundfrage, die aus dem Stoff hervorgeht: Darf eine Institution im Namen der Fürsorge über das Leben eines Menschen bestimmen, wenn dieser Mensch selbst widerspricht? Diese Frage lässt sich nicht auf die Kirche beschränken. Sie betrifft Pflegeeinrichtungen, Krankenhäuser, Familien, Behörden und alle Systeme, die Entscheidungen für Menschen treffen, deren Autonomie sie als eingeschränkt betrachten. Gerade deshalb besitzt die Geschichte der Nonnen eine unerwartete Universalität. Das religiöse Milieu macht den Fall besonders, aber nicht exklusiv; im Kern geht es um das Verhältnis von Autonomie und Fürsorge.

Ein Plädoyer für die Würde des eigenen Lebens

Trotz dieser Spannung ist „Nicht mit uns!“ ein bemerkenswertes Buch, weil es aus einem ungewöhnlichen kirchlichen Konflikt eine gesellschaftliche Grundsatzfrage entwickelt, ohne dabei seine konkreten Figuren aus dem Blick zu verlieren. Es ist eine Geschichte über Widerstand, aber nicht über Widerstand um seiner selbst willen; es ist eine Geschichte über Glauben, aber keine fromme Erbauungsliteratur; es ist eine Geschichte über Alter, ohne die Protagonistinnen auf ihre Gebrechlichkeit zu reduzieren; und es ist schließlich eine Geschichte über Kirche, die gerade deshalb interessant wird, weil sie nicht bei institutioneller Kritik stehen bleibt, sondern nach dem Verhältnis zwischen gelebter Religion und institutioneller Ordnung fragt.

Ein starkes Stück literarischer Non-Fiction

„Nicht mit uns!“ ist deshalb weit mehr als die dokumentierte Chronik eines spektakulären Einzelfalls. Edith Meinhart gelingt ein engagierter, kenntnisreicher und erzählerisch zugänglicher Essay, der die Grenzen zwischen Journalismus und Literatur produktiv überschreitet und aus einer regionalen Geschichte ein Panorama über die Verletzlichkeit des Menschen gegenüber Institutionen macht. Dass die drei Nonnen inzwischen eine außergewöhnliche öffentliche Aufmerksamkeit erfahren haben und die Frage nach ihrer Zukunft sogar kirchliche Entscheidungsebenen erreicht hat, unterstreicht die Tragweite des Stoffes. Die große Leistung des Buches besteht jedoch nicht darin, einen bereits medienwirksamen Fall lediglich nachzuerzählen, sondern darin, hinter der spektakulären Oberfläche die anthropologische Frage freizulegen, die weit über Goldenstein hinausweist: Wie viel Selbstbestimmung darf ein Mensch verlieren, bevor Fürsorge zur Fremdbestimmung wird? Und wem gehört am Ende ein Leben, das man selbst über Jahrzehnte in den Dienst einer Gemeinschaft gestellt hat? Auf diese Fragen gibt das Buch keine bequeme Antwort – und gerade deshalb bleibt es im Gedächtnis.


NICHT MIT UNS!
Die unglaubliche Geschichte der Nonnen von Goldenstein

Edith Meinhart (Autorin) | Edition Lauter | 208 Seiten


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