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SACHBUCH | 26.08.2026

Bekämpft und verboten
Frauen in der Medizin

Die Medizin schrieb ihre Fortschrittsgeschichte lange mit männlichen Namen. Daniela Angetter-Pfeiffer stellt ihr jene Frauen entgegen, deren Wissen ausgebeutet, entwertet oder ausgelöscht wurde. Ihr Buch erzählt von Heilkunst, Forschung und Pflege als Feldern gesellschaftlicher Macht. Eine kluge feministische Revision dessen, was medizinische Geschichte zu sein vorgab.

von Anna Winter

Die Medizin als männlich verwaltetes Gedächtnis

Mit „Bekämpft und verboten – Frauen in der Medizin“ unternimmt Daniela Angetter-Pfeiffer eine ebenso kenntnisreiche wie politische Neuschreibung der Medizingeschichte. Ihr reich bebildertes, 320 Seiten umfassendes Buch, erschienen im Amalthea Signum Verlag, folgt den Spuren jener Frauen, die heilten, pflegten, forschten und gesundheitspolitisch dachten, deren Leistungen jedoch in der kanonischen Erzählung des Fachs meist als Ausnahme, Vorstufe oder bloße Zuarbeit behandelt wurden. Die Autorin, Historikerin und Germanistin am Austrian Centre for Digital Humanities der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie aktive Notfallsanitäterin, bringt dafür historische Präzision und praktisches Wissen in eine selten glückliche Verbindung. Ihr Buch ergänzt nicht einfach ein paar vergessene weibliche Namen zum vertrauten Kanon; es befragt vielmehr die Machtordnung, die darüber entschied, wer als medizinisches Subjekt, als Wissenschaftlerin oder als Urheberin eines Befunds überhaupt sichtbar werden durfte. Gerade darin liegt seine feministische Radikalität.

Das enteignete Wissen der Frauen

Angetter-Pfeiffer setzt nicht erst bei den ersten Akademikerinnen an, sondern bei Hebammen, Kräuterkundigen, Pflegerinnen und Marketenderinnen, also bei Frauen, deren praktisches Wissen über Geburt, Krankheit, Wunden und Versorgung seit Jahrhunderten unentbehrlich war, deren Autorität aber kaum je den Rang institutionell beglaubigter Wissenschaft erhielt. Hebammen waren lange die entscheidenden medizinischen Ansprechpartnerinnen für Frauen; zugleich ließ sich ihr Erfahrungswissen, weil es außerhalb universitärer und überwiegend männlich kontrollierter Räume zirkulierte, leicht als bloßes Brauchtum, Aberglaube oder minderwertige Hilfe disqualifizieren. Das Buch macht aus dieser Spannung keinen nostalgischen Mythos einer weiblichen Gegenmedizin, sondern beschreibt einen Vorgang epistemischer Enteignung: Frauen verfügten über Wissen und handelten kompetent, doch die Deutungshoheit darüber, was als Wissen gelten durfte, lag anderswo. Die moderne Medizin erscheint so nicht nur als Geschichte wachsender Erkenntnis, sondern auch als Geschichte der Selektion, in der männliche Institutionen sich das Recht aneigneten, Erfahrung in Wissenschaft und Wissenschaft in gesellschaftliche Autorität zu verwandeln.

Der Hörsaal als Grenze der Geschlechterordnung

Besonders klar zeigt sich diese Ordnung im 19. Jahrhundert, als medizinische Fakultäten den Ausschluss von Frauen mit pseudowissenschaftlichen Behauptungen über ihren Körper, ihr Gehirn, ihre psychische Belastbarkeit und ihre angebliche Bestimmung zur Mutterschaft absicherten. Diese Zuschreibungen waren keineswegs bloß bedauerliche Irrtümer einer vergangenen Epoche; sie bildeten eine professionelle Abwehrstrategie, mit der ein männlich dominierter Berufsstand seine ökonomischen Privilegien, seine Deutungsmacht und sein Prestige verteidigte. Dass Gabriele Possanner von Ehrenthal 1897 als erste Frau an der Universität Wien in der gesamten Heilkunde promovierte und Frauen dort erst ab 1900 regulär Medizin studieren konnten, war daher ein Durchbruch, aber keineswegs die Auflösung der Barriere. Angetter-Pfeiffer arbeitet überzeugend heraus, wie sich Kompetenz geschlechtlich codierte: Das akademisch Zertifizierte und Technische galt als männlich, Pflege, Sorge und reproduktive Arbeit als weiblich und somit als nachrangig, selbst dort, wo sie höchste Qualifikation, Entschlusskraft und Belastbarkeit verlangten. Der Titel des Buches trifft deshalb präzise: Frauen wurden nicht einfach vergessen, sondern aktiv bekämpft und institutionell ferngehalten.

Unentbehrlich in der Krise, entbehrlich im Frieden

Von besonderer Kraft ist Angetter-Pfeiffers Blick auf die kriegsbedingten Konjunkturen weiblicher Anerkennung. Wenn männliche Ärzte an der Front fehlten und die Versorgung Verwundeter die vorhandenen Strukturen überforderte, waren Frauen in Lazaretten, Pflegeeinrichtungen und chirurgischen Aufgaben plötzlich unverzichtbar; kaum war die Ausnahme vorbei, wurden sie jedoch vielfach wieder aus den eroberten Positionen verdrängt. Dieses Muster ist bis heute unerquicklich vertraut: Frauen dürfen Kompetenz unter Beweis stellen, wenn Institutionen sie in der Krise benötigen, aber ihre Leistung wird nicht automatisch in dauerhafte Macht, gleiche Bezahlung oder Führungsverantwortung übersetzt. Florence Nightingale erscheint in diesem Zusammenhang nicht als gefällige Ikone aufopfernder Pflege, sondern als Organisatorin, die Hygiene, Versorgung und Krankenhauslogistik grundlegend erneuerte. Indem das Buch auch Marketenderinnen und Krankenschwestern als Akteurinnen medizinischer Geschichte würdigt, korrigiert es eine Hierarchie, die Sorgearbeit selbstverständlich in Anspruch nahm, sie aber selten als intellektuelle und politische Leistung anerkannte.

Die unsichtbare Arbeit im Labor

Wie tief die Logik der Nachordnung selbst in die wissenschaftliche Spitzenforschung hineinreichte, zeigt die Biochemikerin Gerty Cori. Obwohl ihre Beiträge zur Erforschung des Glykogenstoffwechsels zentral waren, erhielt sie lange keine gleichwertige Position und arbeitete zeitweise ohne angemessene Bezahlung, bevor sie 1947 gemeinsam mit ihrem Ehemann den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin erhielt. Angetter-Pfeiffer erzählt solche Biografien klugerweise nicht als beruhigende Märchen vom schließlich triumphierenden Talent. Ein Preis kann öffentliche Sichtbarkeit herstellen, doch er hebt weder die Abhängigkeiten noch die ungleiche Verteilung von Stellen, Geld, Autorschaft und Entscheidungsmacht rückwirkend auf. Das Buch insistiert damit auf einer Differenz, die im öffentlichen Lob weiblicher Exzellenz oft verwischt wird: Anerkennung ist nicht Gleichrangigkeit. Wo Frauen zwar forschen, aber nicht leiten; arbeiten, aber nicht nennen dürfen; Verantwortung tragen, aber nicht entscheiden, bleibt Gleichberechtigung eine symbolische Behauptung.

Verfolgung als Zerstörung von Wissen

Unabdingbar ist auch der Blick auf jüdische Medizinerinnen in Österreich. Viele von ihnen gehörten zu den frühen Studentinnen, Ärztinnen und Fachärztinnen, mussten sich ihre berufliche Position unter geschlechtsspezifischen und antisemitischen Bedingungen erkämpfen und verloren nach 1938 Praxen, Stellen, wissenschaftliche Arbeit und Lebensrechte; zahlreiche wurden zur Flucht gezwungen oder ermordet. Angetter-Pfeiffer macht damit sichtbar, dass die Auslöschung weiblicher Biografien nicht allein individuelles Leid bedeutete, sondern ganze medizinische Wissensbestände, Netzwerke und Versorgungsformen vernichtete. Ihre Darstellung verhindert zugleich, Geschlecht als isolierte Kategorie zu behandeln: Die Stellung einer Frau in der Medizin wurde und wird durch Herkunft, Religion, Klasse, politische Verfolgung und institutionelle Zugehörigkeit mitgeprägt. Gerade diese intersektionale Perspektive bewahrt das Buch vor einer glatten Heldinnengeschichte.

Die Gegenwart der gläsernen Decke

Der Bogen reicht bis in die Gegenwart, in der Frauen zwar mehr als die Hälfte der Ärzteschaft stellen, aber in Professuren, Klinikleitungen und anderen Machtzentren weiterhin unterrepräsentiert sind. Am Beispiel von Ingrid Leodolter, Österreichs erster Gesundheitsministerin, entfaltet Angetter-Pfeiffer, dass weibliche medizinische Expertise nicht auf Behandlung und Pflege begrenzt ist, sondern Prävention, öffentliche Versorgung und Gesundheitspolitik entscheidend gestalten kann. Der Anstieg des Frauenanteils unter den Professorinnen der Medizinischen Universität Wien von rund acht auf etwa neunundzwanzig Prozent binnen zwei Jahrzehnten verweist auf realen Fortschritt, aber auch auf die fortbestehende vertikale Segregation. Angetter-Pfeiffer lässt keine Illusion darüber zu, dass das Recht auf Zugang bereits Machtteilung bedeute: Entscheidend bleibt, wer Budgets verwaltet, Forschungsrichtungen bestimmt, Karrieren befördert und über die verbindliche Sprache des Fachs verfügt.

Eine überfällige Korrektur des Kanons

„Bekämpft und verboten – Frauen in der Medizin“ ist ein nachdrücklich zu empfehlendes Buch, weil es historische Bildung mit gegenwärtiger Kritik verbindet und dabei weder in Betroffenheitsrhetorik noch in heroische Vereinfachungen verfällt. Seine Frauen sind nicht deshalb bemerkenswert, weil sie sich lautlos an eine männliche Ordnung anpassten, sondern weil sie unter deren Bedingungen Wissen bewahrten, neue Räume der Handlung schufen und institutionelle Grenzen verschoben. Angetter-Pfeiffer schreibt folglich keine Nebengeschichte der Medizin. Sie zeigt, dass die Hauptgeschichte unvollständig, parteiisch und ärmer bleibt, solange sie jene unsichtbar macht, deren Arbeit die Medizin über Jahrhunderte getragen, erweitert und humanisiert hat.


BEKÄMPFT UND VERBOTEN
Frauen in der Medizin

Daniela Angetter-Pfeiffer (Autorin) | Amalthea Signum Verlag | 320 Seiten


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