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KULTUR | 07.01.2026

HELGE SCHNEIDER
ELLEBOGEN VOM TICH Tournee 2026

Zwischen Kneipe und Philharmonie entwirft Helge Schneider mit „Ellebogen vom Tich“ eine Tournee als ästhetisches Experiment jenseits fixer Programme. Die Pressekonferenz im „Weißen Holunder“ wird zur performativen Verdichtung seines Prinzips aus Improvisation, Musik und kontrollierter Anarchie.

von Richard-Heinrich Tarenz


© WILD MAGAZIN

Wenn Helge Schneider eine neue Tournee ankündigt, ist dies weniger als bloßer Terminplan zu verstehen denn als kulturästhetisches Versprechen. Die für 2026 angesetzte Tournee „Ellebogen vom Tich“ reiht sich nahtlos in ein Œuvre ein, das sich seit Jahrzehnten jeder eindeutigen Kategorisierung entzieht und gerade daraus seine künstlerische Sprengkraft bezieht. Musik, Komik, Film, Performance und bewusste Formverweigerung verschränken sich bei Schneider zu einer eigenwilligen Gesamtkunstpraxis, die sich dem Erwartbaren konsequent entzieht. Bereits die Pressekonferenz zur Tournee, abgehalten in der Kölner Kultkneipe Weißer Holunder, geriet zu einer exemplarischen Verdichtung dessen, was diese neue Konzertreise auszeichnen wird: Nähe statt Repräsentation, Spiel statt Programm, Präsenz statt Pose. Der Ort war dabei alles andere als zufällig gewählt. Der Weiße Holunder steht als Raum des Informellen, des Unfertigen, des Gesprächs – ein Gegenentwurf zur institutionellen Bühne, ohne ihr jedoch feindlich gegenüberzustehen. Dass Helge Schneider hier gemeinsam mit Ewa Bogusz-Moore, der Intendantin der Kölner Philharmonie, sowie dem Tourneeveranstalter meine Supermaus GmbH vor die Presse trat, markierte bereits einen zentralen Spannungsbogen dieser Tournee: die produktive Reibung zwischen Hochkultur und Subkultur, zwischen Philharmonie und Kneipe, zwischen institutioneller Rahmung und anarchischer Freiheit. Schneider bewegt sich seit jeher souverän zwischen diesen Polen, ohne sich einem von beiden zu unterwerfen. Die Pressekonferenz selbst folgte keiner klassischen Dramaturgie. Statt eines stringenten Ablaufs entwickelte sich ein offenes, beinahe kammerkammermusikalisches Setting, in dem Gespräche, musikalische Einwürfe und absurde Abschweifungen gleichberechtigt nebeneinanderstanden. Schneider griff immer wieder zum Instrument, spielte ausgewählte Lieder – nicht als Werbematerial, sondern als spontane Geste, als musikalischen Kommentar im Moment. Diese scheinbar beiläufigen Darbietungen offenbarten einmal mehr den Kern seines künstlerischen Ansatzes: Musik ist bei Schneider kein abgeschlossenes Werk, sondern ein Prozess, der sich im Augenblick vollzieht und jederzeit kippen, abbrechen oder sich verwandeln darf. In den Antworten auf die Fragen der anwesenden Presse zeichnete sich ein Bild der kommenden Tournee ab, das bewusst offen blieb.

„Ellebogen vom Tich“ ist weniger Titel als Haltung: eine beiläufig-derbe Geste, die gleichermaßen Spiel, Widerstand und Humor in sich trägt. Schneider sprach über die anstehende Konzertreise nicht im Sinne eines festgezurrten Programms, sondern als fortlaufendes Experiment. Dass die Tournee im Februar 2026 mit den traditionellen Karnevalskonzerten in der Kölner Philharmonie beginnt, verleiht dem Projekt eine symbolische Aufladung. Der Karneval als ritueller Ausnahmezustand, als Umkehrung von Ordnung und Hierarchie, bildet seit jeher einen Resonanzraum für Schneiders Kunst, die sich aus Improvisation, Regelbruch und kontrolliertem Kontrollverlust speist. Im Anschluss an diesen Auftakt ist eine nahezu hundert Konzerte umfassende Reise durch den deutschsprachigen Raum geplant, die über nationale Grenzen hinausführt und Stationen in mehreren europäischen Regionen einschließt. Diese schiere Anzahl verweist weniger auf Quantität als auf Beharrlichkeit: Schneider versteht die Tournee als langfristigen Dialog mit seinem Publikum, als fortgesetzte Versuchsanordnung, in der sich Abend für Abend neue Konstellationen ergeben. Jeder Auftritt ist dabei potenziell ein anderes Werk – abhängig von Raum, Publikum, Tagesform und der unberechenbaren Logik des Moments. Helge Schneiders Bühnenarbeit funktioniert stets in enger Wechselwirkung mit seinen filmischen und televisuellen Arbeiten. Auch dort operiert er mit Fragmentierung, absurder Logik und bewusster Anti-Dramaturgie. Die Konzerte der Tournee „Ellebogen vom Tich“ lassen sich somit als performative Fortsetzung eines ästhetischen Denkens begreifen, das sich konsequent gegen narrative Glättung und kalkulierte Pointe stellt. Schneider produziert Situationen statt Inhalte, Momente statt Botschaften – und fordert sein Publikum damit zu aktiver Wahrnehmung heraus. „Ellebogen vom Tich“ verspricht für 2026 daher nicht nur eine weitere Tournee, sondern eine erneute Erkundung jener Zwischenräume, in denen Helge Schneiders Kunst seit Jahrzehnten beheimatet ist. Zwischen Musik und Geräusch, Witz und Ernst, Planung und Zufall entsteht ein performatives Feld, das sich jeder endgültigen Deutung entzieht. Gerade darin liegt seine anhaltende Relevanz: Schneider liefert keine Antworten, sondern hält den Raum offen – für Irritation, für Gelächter, für die produktive Verunsicherung, die große Kunst immer begleitet.

Infos zur Tournee "Ellebogen vom Tich": helge-schneider.de


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