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LITERATUR | 18.02.2026

Die lit.COLOGNE 2026
als literarisches Labor der Gesellschaft

Köln wird im März erneut zur Bühne der Literatur. 196 Veranstaltungen spannen einen Bogen von Weltliteratur bis Gegenwartsdebatte. Die lit.COLOGNE 2026 zeigt, wie Literatur in gesellschaftliche Wirklichkeit eingreift.

von Anna Winter


Zur Programmvorstellung der 26. Ausgabe des Internationalen Literaturfests trafen sich die Festivalleitung und die unverzichtbaren Partner bei der offiziellen Pressekonferenz: Helga Frese-Resch (stv. Verlegerin Kiepenheuer & Witsch), Kerstin Gleba (Verlegerin Kiepenheuer & Witsch), Rieke Brendel (Geschäftsführung & Produktionsleitung lit.COLOGNE), Till Schmidt (Geschäftsführender Direktor Flossbach von Storch), Angela Furtkamp (Geschäftsführung & Programmleitung lit.kid.COLOGNE), Tobias Bock (Geschäftsführung & Programmleitung lit.COLOGNE), Elke Steinhanses (Bereichsleiterin für NRW Thalia), Matthias Kremin (Wellenleitung WDR 3, WDR 5), Torsten Burmester (Oberbürgermeister der Stadt Köln), Birgit Lichtenstein (Vorständin RheinEnergie) und Rainer Osnowski (Gründer und Geschäftsführer lit.COLOGNE). (Fotocredit: © Hieronymus Rönneper)

Wenn sich vom 7. bis zum 22. März 2026 die Säle, Theater und Kulturorte zwischen Flora, WDR-Funkhaus und RheinEnergie-Hauptverwaltung mit Lesenden und Hörenden füllen, dann wird lit.COLOGNE erneut jenes Format bestätigen, das sie seit einem Vierteljahrhundert auszeichnet: die Verbindung von literarischer Exzellenz, intellektueller Debatte und performativer Inszenierung. Mit 196 Veranstaltungen entfaltet das Festival ein Panorama, das Weltliteratur, politische Theorie, Popkultur und Kinder- und Jugendliteratur gleichermaßen umfasst. Die programmatische Weite ist kein Selbstzweck. Vielmehr erweist sich die lit.COLOGNE 2026 als Resonanzraum einer Epoche, in der literarisches Erzählen zunehmend in direkte Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Verwerfungen tritt. Drei Veranstaltungen markieren diese Spannungsfelder in exemplarischer Weise.

Am 9. März richtet sich der Blick auf die Fragilität historischer Erinnerung. Die Auschwitz-Überlebende Eva Umlauf diskutiert gemeinsam mit der Journalistin Susanne Siegert über neue Formen des Gedenkens und die Frage, wie Erinnerung an nachfolgende Generationen vermittelt werden kann. In einer Zeit, in der Zeitzeugenschaft unwiederbringlich verschwindet, verschiebt sich der Diskurs von der authentischen Erzählung hin zur kulturellen Vermittlungsform. Die Veranstaltung greift diese Problematik auf und thematisiert Erinnerung nicht als statisches Monument, sondern als dynamischen Prozess. Literatur fungiert hier als Medium der Tradierung – nicht bloß als Dokument, sondern als ethische Praxis. Die lit.COLOGNE positioniert sich damit ausdrücklich im Spannungsfeld von Geschichte und Gegenwartspolitik. Erinnerungskultur wird nicht museal konserviert, sondern als gesellschaftliche Verantwortung begriffen. Dass dieser Abend in den BALLONI-Hallen stattfindet – einem Ort industrieller Geschichte – unterstreicht die symbolische Dimension: Vergangenheit ist nie abgeschlossen, sondern sedimentiert im urbanen Raum.

Ein ungewöhnliches, gleichwohl hochgradig symptomatisches Gespräch verspricht der 21. März: Wenn der Soziologe Hartmut Rosa und der langjährige Fußballtrainer Christian Streich aufeinandertreffen, kollidieren zwei Diskursfelder, die auf den ersten Blick wenig gemein haben – akademische Theorie und Profisport. Rosas Konzept der „Resonanz“ hat sich in den vergangenen Jahren als kultursoziologischer Schlüsselbegriff etabliert. Es beschreibt gelingende Weltbeziehungen als wechselseitige Antwortverhältnisse zwischen Subjekt und Umwelt. Im Dialog mit Streich, der für seine reflektierte Sprach- und Gesellschaftssensibilität bekannt ist, wird dieses Modell in den Erfahrungsraum des Stadions, des Klassenzimmers und des Alltags übersetzt. Die Veranstaltung exemplifiziert eine zentrale Stärke der lit.COLOGNE: die Öffnung literarischer Diskurse in gesellschaftliche Praxisfelder. Literatur erscheint hier nicht isoliert, sondern als Denkraum, der sportliche, pädagogische und soziale Erfahrungsdimensionen durchdringt. Das Gespräch verspricht eine seltene Verbindung von begrifflicher Präzision und lebensweltlicher Anschauung.


Marie Watt, Foto: Joshua Franzos

Am 22. März beschließt ein Abend mit Siri Hustvedt das Festivalprogramm. In ihrem jüngsten Buch setzt sie sich mit dem Tod ihres Ehemannes Paul Auster auseinander und reflektiert die Möglichkeit literarischer Wiederbelebung durch Schreiben und Erinnern. Hustvedts Werk oszilliert seit jeher zwischen Roman, Essay und Neurowissenschaft; ihr Schreiben verbindet literarische Sensibilität mit intellektueller Analyse. Der Kölner Abend verspricht daher mehr als eine klassische Lesung. Vielmehr steht die Frage im Raum, wie Literatur mit Verlust umgeht – und ob Sprache eine Form der Gegenwart herstellen kann, die über biografische Endlichkeit hinausweist. Die Inszenierung im Theater am Tanzbrunnen – einem Ort großer Bühnenformate – kontrastiert bewusst mit der Intimität des Themas. Gerade dieser Gegensatz macht die Veranstaltung exemplarisch: Das Private wird öffentlich, das Persönliche literarisch transformiert.

Über diese drei Veranstaltungen hinaus entfaltet die lit.COLOGNE 2026 eine beeindruckende Bandbreite: internationale Stimmen wie Édouard Louis oder Roberto Saviano, deutschsprachige Autor:innen wie Judith Hermann oder Saša Stanišic, neue Formate wie die DOK.COLOGNE sowie die umfassende lit.kid.COLOGNE mit 80 Veranstaltungen für junge Leser:innen. Auffällig ist die programmatische Verschränkung von Literatur und anderen Künsten: Musikabende, Podcast-Formate, dokumentarische Filmgespräche. Die literarische Öffentlichkeit wird nicht als abgeschlossener Zirkel gedacht, sondern als offenes Gefüge kultureller Praktiken. Damit reagiert das Festival auf eine Gegenwart, in der sich literarische Kommunikation zunehmend hybridisiert. Lesung, Gespräch, Performance und mediale Vermittlung bilden keine konkurrierenden, sondern komplementäre Formen.

Nicht zuletzt transformiert die lit.COLOGNE die Stadt selbst in eine Bühne. Von der Flora über das WDR-Funkhaus bis zur Philharmonie entsteht eine urbane Topografie der Literatur. Köln wird temporär zur europäischen Literaturhauptstadt – ein Anspruch, der sich weniger aus quantitativer Größe als aus kuratorischer Qualität speist. Die lit.COLOGNE 2026 demonstriert eindrucksvoll, dass Literatur nicht im Rückzug verharrt, sondern in die Debatten der Zeit eingreift. Zwischen Erinnerungspolitik, Gesellschaftstheorie und intimer Selbstbefragung eröffnet sie Räume der Reflexion – und damit jene Resonanz, die eine demokratische Öffentlichkeit dringend benötigt.


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