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NETFLIX | 27.05.2026

ACHTSAM MORDEN
Mord, Meditation und das Monster im Keller

Die zweite Staffel von „Achtsam Morden“ verwandelt psychologische Selbstoptimierung endgültig in ein makaber-funkelndes Gesellschaftspanorama. Zwischen innerem Kind, organisierter Kriminalität und Kita-Alltag entfaltet die Netflix-Serie eine bemerkenswert präzise Analyse moderner Überforderung. Tom Schilling verleiht dem mörderisch entspannten Anwalt Björn Diemel erneut jene irritierende Mischung aus Charme, Erschöpfung und emotionaler Verwahrlosung.

von Linda Sjöberg


© Anika Molnar / Netflix

Es gibt Serien, deren Erfolg zunächst wie ein kurioser Zufall erscheint — und die sich erst mit zeitlichem Abstand als präzise Diagnosen ihrer Epoche entpuppen. „Achtsam Morden“ gehört zweifellos in diese Kategorie. Bereits die erste Staffel der Netflix-Produktion überraschte mit einer ungewöhnlichen Verbindung aus schwarzer Komödie, Gangstererzählung und psychologischem Selbstfindungsseminar. Dass daraus einer der interessantesten deutschen Serienerfolge der vergangenen Jahre entstehen würde, war anfangs kaum abzusehen. Die zweite Staffel, die ab dem 28. Mai bei Netflix veröffentlicht wird und von der vorab vier Episoden gesichtet werden konnten, führt diesen Ansatz nun mit bemerkenswerter Konsequenz weiter. Mehr noch: Sie radikalisiert die Grundidee der Serie und entwickelt aus Karsten Dusses Romanuniversum endgültig eine groteske Gegenwartsanalyse über emotionale Erschöpfung, toxische Kindheitserfahrungen und die absurde Spiritualisierung spätkapitalistischer Lebenswelten. Dabei gelingt der Serie etwas Seltenes: Sie wird zugleich größer, düsterer und menschlicher.

Von der Selbstoptimierung zur Selbstzerstörung

Schon die erste Staffel lebte von ihrer brillanten Grundkonstellation. Ein überarbeiteter Berliner Anwalt besucht ein Achtsamkeitsseminar, um seine Ehe und sein Leben in Ordnung zu bringen — und beginnt kurz darauf, Menschen umzubringen. Nicht aus sadistischem Impuls, sondern aus einem fast bürokratischen Bedürfnis nach innerer Balance. Genau diese Verbindung aus therapeutischer Sprache und brutaler Gewalt entwickelte eine eigentümliche Komik. „Achtsam Morden“ verstand früh, dass moderne Selbstoptimierung häufig weniger Befreiung als vielmehr rationalisierte Verdrängung bedeutet. Meditation, Coaching und emotionale Reflexion fungierten hier nicht als moralische Läuterung, sondern als Werkzeuge effizienteren Funktionierens. Die zweite Staffel führt diesen Gedanken nun konsequent weiter. Während die erste Staffel vor allem den äußeren Kontrollverlust ihres Protagonisten sezierte, richtet sich der Blick nun stärker nach innen — in jene psychischen Abgründe, die unter der Oberfläche des kontrollierten Erwachsenenlebens verborgen liegen. Das zentrale Motiv ist dabei das sogenannte „innere Kind“. Ausgerechnet dieses längst popkulturell ausgeschlachtete Therapiekonzept verwandelt die Serie in eine Quelle tiefschwarzer Komik.

Das innere Kind als anarchische Kraft

Björn Diemels imaginärer Begleiter erscheint nicht als niedliches Symbol verdrängter Verletzlichkeit, sondern als chaotische, impulsive und destruktive Energie. Die Serie macht daraus eine brillante Verkehrung therapeutischer Bildsprache. Das Kind steht hier nicht für Heilung, sondern für unkontrollierte Bedürfnisse, verdrängte Aggressionen und emotionale Kurzschlüsse. Es kommentiert Björns Alltag, provoziert ihn zu irrationalen Entscheidungen und entfesselt eine Dynamik, die zunehmend zwischen Tragikomödie und psychologischem Horror oszilliert. Gerade darin liegt die enorme Stärke der zweiten Staffel: Sie nimmt ihre psychologischen Themen ernst, ohne jemals den satirischen Grundton zu verlieren. Die Rückblenden auf Björns Kindheit offenbaren dabei eine überraschende emotionale Tiefe. Hinter der grotesken Oberfläche entsteht das Porträt eines Mannes, dessen Gewaltbereitschaft weniger krimineller Natur ist als Ausdruck jahrzehntelang verdrängter Demütigungen und emotionaler Verwahrlosung. Dass die Serie daraus keine simple Traumatherapie macht, sondern eine rabenschwarze Farce über moderne Befindlichkeitskultur, verleiht ihr eine außergewöhnliche Eigenständigkeit.

Karsten Dusse und die Literatur der entgleisten Gegenwart

Der Erfolg von „Achtsam Morden“ wäre allerdings kaum denkbar ohne die literarische Vorlage von Karsten Dusse. Seine Romane trafen einen kulturellen Nerv, weil sie zwei scheinbar gegensätzliche Welten miteinander verbanden: die Sprache therapeutischer Selbstfürsorge und die Mechanismen klassischer Gangstererzählungen. Dusses besondere Qualität bestand stets darin, die Absurditäten moderner Selbstoptimierung nicht bloß zu parodieren, sondern ihre ideologischen Widersprüche offenzulegen. Seine Figuren versuchen permanent, emotionale Ausgeglichenheit zu erreichen — und zerstören dabei systematisch ihre Umwelt. Die Serienadaption übernimmt diesen Grundgedanken nicht nur, sondern erweitert ihn filmisch. Gerade die zweite Staffel beweist, wie souverän sich literarische Ironie in visuelle Komik übersetzen lässt.


© Anika Molnar / Netflix

Tom Schilling und die Kunst der kontrollierten Eskalation

Im Zentrum all dessen steht erneut Tom Schilling. Sein Björn Diemel bleibt eine der faszinierendsten Figuren des deutschen Serienfernsehens der letzten Jahre. Schilling spielt ihn weder als klassischen Antihelden noch als grotesken Psychopathen. Stattdessen verkörpert er einen Mann, der vollständig von den Widersprüchen seiner Zeit deformiert wurde. Sein Gesichtsausdruck schwankt permanent zwischen höflicher Überforderung, innerer Leere und stiller Mordlust. Gerade diese minimale Spielweise erzeugt die eigentliche Komik der Serie. Björn mordet nicht aus Leidenschaft, sondern mit der resignierten Müdigkeit eines Menschen, der seine To-do-Liste abarbeitet. Besonders brillant sind jene kleinen Momente, in denen Schilling mit kurzen Blicken oder minimalen Reaktionen den gesamten Irrsinn des modernen Alltags kommentiert. Elternabende, Nachhaltigkeitsdiskurse oder pädagogische Eitelkeiten erscheinen in seinem Spiel wie Vorstufen existenzieller Gewaltfantasien. Man versteht erschreckend gut, warum Björn irgendwann explodiert.

Zwischen Gangsterfilm, Familienserie und Gesellschaftssatire

Formal entwickelt die zweite Staffel eine bemerkenswerte Vielschichtigkeit. „Achtsam Morden“ ist zugleich Kriminalserie, Beziehungsdrama, Milieusatire und schwarzhumoriger Thriller. Die Übergänge zwischen diesen Genres gelingen erstaunlich mühelos. Szenen brutaler Gewalt stehen unmittelbar neben absurden Familienmomenten oder therapeutischen Reflexionen. Gerade diese tonale Unsicherheit wird zur eigentlichen Stärke der Serie. Sie verweigert sich konsequent eindeutigen Kategorien und erzeugt daraus einen eigentümlichen Rhythmus zwischen Entspannung und Eskalation. Dabei zeigt die Regie von Martina Plura ein feines Gespür für visuelle Komik. Jump Cuts, Splitscreens und surreale Inszenierungsideen verleihen der Serie eine Dynamik, die man im deutschen Fernsehen nur selten findet. Besonders gelungen ist die beiläufige Selbstverständlichkeit, mit der psychologische Innenwelten in den Realismus der Handlung integriert werden. Die Serie vertraut darauf, dass ihre Zuschauer bereit sind, die Grenzen zwischen Realität, Imagination und emotionaler Projektion bewusst verschwimmen zu lassen.

Die Komik der moralischen Entgrenzung

Bemerkenswert bleibt zudem die emotionale Nähe der Serie zu ihrer Hauptfigur. Björn Diemel begeht weiterhin schreckliche Taten — und dennoch bleibt die Serie auf irritierende Weise empathisch. Das funktioniert nur deshalb, weil „Achtsam Morden“ Gewalt nicht heroisiert, sondern als groteske Konsequenz gesellschaftlicher Überforderung inszeniert. Die eigentliche Pointe lautet dabei: Björn ist kein Monster, sondern ein erschreckend normaler Mensch. Genau darin liegt die subversive Qualität der Serie. Sie macht deutlich, wie dünn die zivilisatorische Oberfläche moderner Wohlstandsgesellschaften geworden ist. Hinter Achtsamkeitsseminaren, Familienidyllen und urbanem Lifestyle lauern Frustration, Wut und emotionale Erschöpfung. Dass die Serie daraus Komik gewinnt, macht sie umso präziser

Fazit

Die zweite Staffel von „Achtsam Morden“ bestätigt eindrucksvoll die außergewöhnliche Qualität der Serie. Was zunächst wie eine skurrile Genre-Spielerei wirkte, entwickelt sich zunehmend zu einer der klügsten deutschen Gesellschaftssatiren der Gegenwart. Zwischen Psychotherapie, organisiertem Verbrechen und Familienalltag entwirft die Serie ein groteskes Panorama moderner Befindlichkeiten — bitterböse, überraschend emotional und stilistisch bemerkenswert souverän. Vor allem aber beweist „Achtsam Morden“, dass deutsche Serien längst nicht mehr provinziell oder formal bieder sein müssen. Die Produktion verbindet internationalen Erzählduktus mit sehr spezifisch deutschen Milieubeobachtungen und entwickelt daraus einen eigenen, unverwechselbaren Ton. Selten war Selbstfindung derart mörderisch unterhaltsam.


ACHTSAM MORDEN – Staffel 2

ET: 28.05.26: Netflix | FSK 16
C: Doron Wisotzky | D: Tom Schilling, Britta Hammelstein, Murathan Musl
Deutschland 2026 | Constantin Film (für Netflix)


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