Interview
mit MATHIEU KASSOVITZ
Dies
ist der erste Film, der nicht auf Ihrem eigenen Drehbuch beruht. Was
hat Sie gereizt an diesem Projekt?
Alain Goldmann rief mich eines Tages an und
bat mich, den Roman zu lesen. Er fügte hinzu, dass Jean Reno
sich für die Rolle des Niémans interessiere. Ich nahm
also das Buch und verschlang es in einer einzigen Nacht. Am Ende habe
sagte ich mir: „Das wäre tatsächlich eine ziemlich
gute Grundlage für einen Film." Morgens rief ich Alain Goldmann
zurück und bat ihn, das Drehbuch von Jean-Christoph Grangé
lesen zu dürfen.
Von
den geographischen und klimatischen Bedingungen her war Die purpurnen
Flüsse ein ziemlich schwieriges, z.T. auch gefährliches
Projekt.
Es war in der Tat aufregend und gefährlich.
Jeder Gletscher ist unvorhersehbar, denn keiner weiß je genau,
worauf man sich eigentlich bewegt. Wir hatten immer Bergführer
aus Chamonix zu unserer Sicherheit dabei, und sie wurden nicht müde
zu erklären, dass es nur zehn Meter weiter Gletscherspalten gäbe,
in die schon Hunderte hineingefallen seien, oder auch, dass man von
harmlos aussehenden Eisschollen zermalmt oder zersäbelt werden
könne. Kurz gesagt: äußerste Vorsicht war durchaus
angebracht. Wir ließen Jean und Nadia unglaubliche Dinge tun,
Abstiege in 40 Meter tiefe Schluchten mit Hilfe eines Krans, den wir
heraufgebracht hatten. Es war ziemlich beeindruckend, es musste alles
nach und nach per Helikopter hoch geflogen werden. Es gab eine große
Anzahl von Problemen. Beispielsweise wenn Wind aufkam, konnte es passieren,
dass Sie innerhalb von zehn Minuten mitten in einem eisigen Schneesturm
standen und dass der Helikopter die Crew nicht mehr abholen konnte,
weil er einfach nicht gegen den Wind ankam, der mit 100 km/h lostobte.
In solchen Schneestürmen kann auch die Temperatur auf Minus 15°C
und weniger fallen, die Kameras vereisen, und der Film zerbricht Ihnen
einfach.
Wie
haben sich diese Erschwernisse auf Ihre Inszenierung ausgewirkt? Haben
Sie sich Storyboards bedient, um bestimmte komplexe Aufnahmen überhaupt
filmen zu können?
In
extremen Situationen ist der Impuls aufzugeben ebenso stark, wie der,
es genau nicht zu tun – und letzterer ist gottlob immer etwas
stärker. Die Schlusssequenz des Films spielt auf einem Gletscherrücken.
Wir befanden uns 3.200 Metern über dem Meeresspiegel. In dieser
Höhe ist die Luft schon ziemlich dünn, und einige Mitglieder
des Teams waren tatsächlich einer Ohnmacht nahe – einschließlich
der Schauspieler, die in diesen Szenen ja auch kämpfen und sich
verausgaben mussten. Zu allem Überfluss bleiben einem dort oben
nur knapp drei Stunden Drehzeit pro Tag, weil die Sonne sehr schnell
untergeht. Es ist sehr kompliziert, aber jedes Zögern oder Zaudern
kostet letztlich nur Zeit. Also passt man das Drehbuch ein wenig an.
Man weiß, dass man einen Kran nicht für mehrere Tage auf
3.200 Meter heraufbringen kann, weil schon in der ersten Nacht alles
einfriert, die Köpfe nicht mehr funktionieren und die Hydraulik
verrückt spielt. Sie befinden sich also immer auf einer Gratwanderung,
einerseits möglichst optimal und detailliert vorbereitet zu sein,
und andererseits aber sich jeden Moment an die äußeren
Gegebenheiten anzupassen.
Gab
es Momente beim Drehen, die Sie überraschten?
Wir drehten zum Beispiel in einer enormen Bibliothek,
und Jean sollte eine große Tür öffnen und in die Bibliothek
hereinkommen. Die Aufnahme bestand in einer langsamen Rückfahrt.
Es war Jean erster Drehtag. Wir bereiteten die Aufnahmen mit einem
Double vor, das Double trat ein, wir regelten Licht und Kadrage und
waren drehfertig. Ich hatte das beim Aufbau und den Lichtproben als
eine ganz gewöhnliche Aufnahme gesehen, als wir dann aber die
erste Probe mit Jean machten, bekam das allein durch seine Erscheinung
Gestalt und Atmosphäre: „Ah, das ist es! Auf einmal ist
es eine interessante Aufnahme.“