KINO | 05.03.2025

FLOW

Kaum hat sich die kleine schwarze Katze den Schlaf aus den Augen gerieben, muss sie erschrocken feststellen, dass eine gewaltige Flut die alte Welt unter sich begräbt. Gerade noch so rettet sie sich auf ein Segelboot, wo nach und nach auch ein diebisches Äffchen, ein gutmütiger Labrador, ein schläfriges Wasserschwein und ein stolzer Sekretär (Vogel) Zuflucht finden.

von Laura Sternberg


© 2024 Dream Well Studio, Sacrebleu Productions, Take Five

In einer filmischen Landschaft, die oft von spektakulären und lauten Blockbustern dominiert wird, sticht aktuell ein Animationsfilm als leises, aber kraftvolles Werk hervor. Der lettische Regisseur Gints Zilbalodis entführt mit „Flow“ in eine postapokalyptische Welt, in der die Menschheit verschwunden ist und Tiere die Hauptakteure sind. Ohne ein einziges gesprochenes Wort erzählt der Film eine tiefgründige Geschichte über Verlust, Anpassung und die stille Schönheit des Überlebens.

Die Geschichte folgt einer schwarzen Katze, die sich in einer von steigenden Wassermassen bedrohten Welt wiederfindet. Auf der Flucht vor der Flut findet sie sich auf einem Boot gemeinsam mit einem Capybara, einem Lemuren, einem Hund und einem großen weißen Vogel wieder. Gemeinsam reisen die Tiere durch verlassene Landschaften auf der Suche nach höher gelegenem Terrain und müssen dabei ihre Differenzen überwinden, um zu überleben. Die Abwesenheit von Dialogen lenkt den Fokus auf die nonverbale Kommunikation der Charaktere und die visuell eindrucksvolle Welt.

Was „Flow“ besonders bemerkenswert macht, ist sein einzigartiger Animationsstil. Zilbalodis entschied sich, seine Vision mit der freien Open-Source-Software Blender zum Leben zu erwecken. Diese verleiht dem Film eine unverwechselbare Ästhetik, die sowohl realistische als auch stilisierte Elemente miteinander verbindet. Während die Landschaften und Wassereffekte mit sehr viel Liebe zum Detail gestaltet sind, wird auf hochdetaillierte Figurenanimationen verzichtet. Stattdessen liegt der Fokus auf der Mimik der Tiere, um ihre Gemütszustände zu vermitteln. Ich persönlich habe etwas Zeit gebraucht, mich an den Animationsstil zu gewöhnen.


© 2024 Dream Well Studio, Sacrebleu Productions, Take Five

Gerade zu Beginn scheinen einige Sequenzen wie das Gameplay aus einem Videospiel, was im ersten Moment etwas befremdlich wirkt, aber nach spätesten zehn Minuten habe ich mich vollkommen in den Stil von „Flow“ verliebt. Die Kombination aus detaillierter Gestaltung und minimalistischer Animation schafft eine Atmosphäre, die sowohl beruhigend als auch zutiefst eindringlich ist.

Die Thematik des Films ist aktueller denn je. Ohne explizit darauf hinzuweisen, lässt „Flow“ Raum für Interpretationen über die Folgen des Klimawandels und die Rolle des Menschen in der Natur. Der stetig steigende Wasserpegel und die verlassenen Strukturen vermitteln eine Welt, die durch menschliches Handeln aus dem Gleichgewicht geraten ist. Trotzdem vermittelt dieser Film Hoffnung und zeigt die Resilienz der Natur und ihrer Bewohner.

In der diesjährigen Oscar-Saison wurde „Flow“ als erster lettischer Film überhaupt als bester internationaler Spielfilm nominiert und erhielt zudem eine Nominierung in der Kategorie bester animierter Spielfilm, welche er gewann. Diese Anerkennung ist nicht nur ein Triumph für Zilbalodis und sein Team, sondern auch ein bedeutender Moment für den unabhängigen Animationsfilm. In einer Branche, die von großen Studios dominiert wird, zeigt „Flow“, dass auch mit bescheidenen Mitteln und unkonventionellen Methoden großartige Kunst geschaffen werden kann.

Mich persönlich hat dieser Animationsfilm sehr überzeugt. Regisseur Gints Zilbalodis hat ein Werk geschaffen, das die Grenzen des Genres erweitert und beweist, dass wahre Kunst keine Worte braucht, um eine tiefgreifende Botschaft zu vermitteln.


FLOW

Start: 27.02.25 | FSK 12
R: Gints Zilbalodis | Animationsfilm
Lettland, Frankreich, Belgien 2024 | MFA


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