KINO | 19.03.2025

NIKI DE SAINT PHALLE

Zwischen Plastikblumen und Schießübungen: Niki de Saint Phalle wurde mit ihren Nana-Skulpturen weltberühmt, als jene Künstlerin, die mit Messern und Gewehren Gemälde beschoss. Ihre Lebensgeschichte steckt voller Abgründe. Um 1950 lässt die junge Niki alles hinter sich und zieht mit ihrem Mann und ihrer Tochter nach Frankreich. Als Modell und Schauspielerin träumt Niki von einem größeren Leben in Paris.

von Richard-Heinrich Tarenz


© Neue Visionen Filmverleih

Das gesellschaftliche und politische Klima während der McCarthy-Ära in den USA veranlasst die Künstlerin Niki de Saint Phalle (Charlotte Le Bon) schließlich, alle Zelte abzubrechen und zusammen mit ihrem Mann Harry Matthews (John Robinson) und ihrer Tochter nach Frankreich zu ziehen. Doch die Geister ihrer Vergangenheit folgen Niki auch bis nach Europa. Statt einem Leben in Glanz und Glorie als Model und Schauspielerin in Paris zerbricht Niki schon bald und muss sich psychiatrische Hilfe suchen. Dabei findet sie zur bildenden Kunst – und stellt so schon bald die bisherigen Konventionen dieser Welt auf die Probe.

Céline Sallettes Regiedebüt „Niki de Saint Phalle“ ist ein eindringliches Porträt einer Ausnahmekünstlerin, das sich wohltuend von konventionellen Biopics abhebt. Der Film, der zu den besten Werken des Kinojahres 2025 zählt, wagt es, die Kunst selbst in den Hintergrund zu rücken und stattdessen die Psyche einer Frau in den Fokus zu stellen, die ihr Trauma in ein kraftvolles künstlerisches Statement verwandelte. Sallette trifft eine mutige Entscheidung, die Werke Niki de Saint Phalles nicht explizit zu zeigen. Stattdessen konzentriert sie sich auf die inneren Kämpfe der Künstlerin, auf die psychischen Narben, die der Missbrauch durch ihren Vater hinterlassen hat.


© Neue Visionen Filmverleih

Der Film wird so zu einer Anklage des Patriarchats, das Frauen in ihren Rollen als Opfer und Hysterikerinnen festschreibt. Die „Nanas“, die voluminösen, farbenfrohen Skulpturen, die Saint Phalle berühmt machten, werden nicht gezeigt. Doch ihre Präsenz ist allgegenwärtig, ein stummer Schrei nach weiblicher Selbstbestimmung und Befreiung. Sallette deutet die Wirkung von Saint Phalles Kunst lediglich an, etwa in einer Szene, in der ein junger Mann auf ein „Schießbild“ schießt und damit seine Wut auf seinen Vater kanalisiert. Dieser Moment ist von großer filmischer Kraft, da er zeigt, wie Kunst zur Katharsis werden kann, zur Möglichkeit, unterdrückte Gefühle auszudrücken.

Sallette zeichnet Saint Phalle als eine Frau, die von Ärzten als hysterisch, von Kuratoren als naiv und von ihrem Ehemann als untreu abgestempelt wird. Doch sie ist mehr als nur ein Opfer. Sie ist eine Kämpferin, die sich gegen die Konventionen auflehnt und ihren eigenen Weg geht. Der Film ist ein Plädoyer für weibliche Selbstbestimmung, für die Freiheit, die eigene Sexualität auszuleben und sich gegen die Zwänge der Gesellschaft zu wehren. Sallette beweist mit ihrem Regiedebüt ein bemerkenswertes Gespür für Inszenierung und eine tiefe Empathie für ihre Protagonistin. Sie schafft eine Atmosphäre, die sowohl düster als auch hoffnungsvoll ist, die von Schmerz und Befreiung erzählt. „Niki de Saint Phalle“ ist ein Film, der im Gedächtnis bleibt, der zum Nachdenken anregt und die Kraft der Kunst feiert.


NIKI DE SAINT PHALLE

Start: 20.03.25 | FSK 12
R: Céline Sallette | D: Charlotte Le Bon, John Robinson (IV), Damien Bonnard
Frankreich 2024 | Neue Visionen Filmverleih



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