KINO | 30.10.2024

RED ROOMS - ZEUGIN DES BÖSEN

Kelly-Anne kampiert jede Nacht vor dem Gerichtsgebäude, um sich einen Platz bei dem Prozess gegen Ludovic Chevalier zu sichern, einem Serienmörder, von dem sie besessen ist. Im Laufe der Tage freundet sich die junge Frau mit einem anderen Groupie an, was sie für einen Moment aus ihrer Einsamkeit befreit.

von Richard-Heinrich Tarenz


© 24 Bilder

Zwei junge Frauen (Juliette Gariepy, Laurie Fortin-Babin) wachen jeden Morgen vor den Toren des Gerichtsgebäudes in Montreal auf, um dem in den Medien viel beachteten Prozess gegen einen mutmaßlichen Serienmörder (Maxwell McCabe-Lokos) beiwohnen zu können, von dem sie besessen sind und der die Tötung der Opfer gefilmt haben soll. Diese krankhafte Besessenheit führt dazu, dass sie mit allen Mitteln versuchen, das letzte Puzzleteil in die Hände zu bekommen, mit dem man den sogenannten Dämon von Rosemont endgültig überführen könnte: das fehlende Video von einem seiner Morde.

Pascal Plantes „Red Rooms – Zeugin des Bösen“ ist mehr als nur ein psychologischer Thriller; er ist eine sezierende Studie der Obsession, die sich im Schatten des digitalen Zeitalters entfaltet. Der Film, der durch seine beklemmende Atmosphäre und die nuancierte Darstellung einer von dunkler Faszination getriebenen Protagonistin besticht, wirft unbequeme Fragen über die Natur des Voyeurismus und die Grenzen zwischen Realität und digitaler Perversion auf. Die narrative Konstruktion des Films zentriert sich um Kelly-Anne, deren Obsession mit dem Serienmörder Ludovic Chevalier eine beunruhigende Intensität annimmt. Anstatt sich in reißerischen Gewaltdarstellungen zu verlieren, fokussiert Plante die psychologische Durchdringung seiner Protagonistin.


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Juliette Gariépys Darstellung von Kelly-Anne ist von einer subtilen Komplexität geprägt; sie ist weder eine Voyeuristin im klassischen Sinne noch eine Sympathisantin des Bösen, sondern vielmehr eine Person, die von der dunklen Aura Chevaliers auf eine Weise angezogen wird, die sie selbst kaum versteht. Die „Red Rooms“, die titelgebenden Online-Foren, in denen Chevaliers Gräueltaten geteilt wurden, dienen nicht als bloße Schauplätze des Grauens, sondern als Metapher für die dunklen Abgründe der menschlichen Psyche. Plante nutzt die digitale Dunkelheit, um die Frage aufzuwerfen, inwieweit das Internet als Verstärker für die perversesten Neigungen der Menschheit fungiert. Plantes Inszenierung ist von einer bemerkenswerten Zurückhaltung geprägt. Anstatt auf explizite Gewaltdarstellungen zu setzen, erzeugt er eine beklemmende Atmosphäre, die den Zuschauer in einen Zustand der permanenten Anspannung versetzt. Die Kameraarbeit ist präzise und fokussiert sich auf die subtilen Nuancen der Mimik und Gestik der Darsteller, wodurch die psychologische Spannung des Films noch verstärkt wird. Die narrative Struktur des Films ist bewusst fragmentiert und lässt den Zuschauer im Unklaren über die tatsächliche Natur der Beziehung zwischen Kelly-Anne und Chevalier. Plante spielt gekonnt mit der Wahrnehmung des Zuschauers und lässt ihn in einem Zustand der Unsicherheit zurück, der die beunruhigende Wirkung des Films noch verstärkt.

„Red Rooms – Zeugin des Bösen“ ist ein verstörendes Meisterwerk der psychologischen Spannung, das den Zuschauer mit unbequemen Fragen konfrontiert und ihn in die dunklen Abgründe der menschlichen Psyche führt. Pascal Plante beweist mit diesem Film, dass er ein Regisseur von außergewöhnlichem Talent ist, der in der Lage ist, Genregrenzen zu überschreiten und Filme zu schaffen, die sowohl intellektuell anregend als auch emotional aufwühlend sind.


RED ROOMS - ZEUGIN DES BÖSEN

Start: 07.11.24 | FSK 16
R: Pascal Plante | D: Juliette Gariepy, Laurie Fortin-Babin, Elisabeth Locas
Kanada 2023 | Splendid Film



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